Deutschland
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Menschen stürzen die Statue von Edward Colston ins Wasser. Edward Colston war ein Sklavenhändler im späten 17. Jahrhundert. Bild: dpa / Giulia Spadafora

Analyse

Nach dem Statuensturz in Bristol: Wo in Deutschland noch Rassisten geehrt werden

Sebastian Heinrich

In Europa und den USA geht es in diesen Tagen Statuen an den Kragen. Am vergangenen Wochenende stürzten Teilnehmer einer "Black Lives Matter"-Demo im britischen Bristol die Bronzefigur von Edward Colston vom Sockel – einem Händler, der im 17. und 18. Jahrhundert auch mit der Verschiffung von Sklaven Geld verdient hatte.

In den Tagen darauf wurden in mehreren US-Städten Statuen von Christopher Kolumbus zerstört oder beschädigt, der 1492 von Europa aus Amerika entdeckt hatte. In Belgien ist ein heftiger Streit um Statuen von König Leopold II. entbrannt, der während seiner Herrschaft von 1865 von 1909 für die brutale belgische Herrschaft in der damaligen Kolonie Kongo verantwortlich war. Mehrere Leopold-Statuen wurden verunstaltet, die Stadt Antwerpen ließ eine entfernen.

Auch in Deutschland wird an mehreren Orten an Menschen erinnert, die den Kolonialismus vorangetrieben haben: also die Ausbeutung von Gebieten außerhalb Europas, wegen der Millionen von Menschen vertrieben, versklavt, ermordet wurden. Wir zeigen Beispiele dafür, wo das heute noch geschieht – und erklären zuallererst, warum die Erinnerung an die Kolonialzeit immer noch so wichtig ist.

Kolonialismus hat viel mit heutigem Rassismus zu tun

Jahrhundertelang sind von europäischen Ländern aus Gebiete in Amerika, Asien, Afrika und Ozeanien unterworfen und ausgebeutet worden. Der Kolonialismus ist ein blutiges und grausames Kapitel der Weltgeschichte. Erst in den 1950er und 1960er Jahren ist er auf dem Papier zu Ende gegangen, damals wurden die meisten ehemaligen Kolonien unabhängig. Doch der Kolonialismus wirkt nach, bis heute: Dass in vielen Regionen der Welt Regierungen zerbrechlicher sind als anderswo, die Wirtschaft schwächer und die Menschen ärmer, hat nach Ansicht vieler Forscher auch mit den Jahrhunderten unter europäischer Herrschaft zu tun.

Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal und die Niederlande haben jahrhundertelang Kolonien ausgebeutet – später auch Belgien, Deutschland und Italien. Und in den meisten früheren Kolonialmächten sind die Verbrechen der Kolonialzeit – wirtschaftliche Ausbeutung, die Versklavung von Millionen Menschen, der Raub am kulturellen Erbe vieler Völker, Massenmorde – nicht oder kaum aufgearbeitet worden.

Die Ausbeutung wurde mit Rassismus gerechtfertigt: mit der Überzeugung, dass weiße Europäer Schwarzen in Afrika, Indigenen in Amerika, asiatischen und ozeanischen Völkern überlegen seien. Und dass die Europäer deshalb das Recht hätten, andere Völker zu unterwerfen.

Jürgen Zimmerer, Historiker an der Universität Hamburg und dort Leiter der Forschungsstelle "Hamburgs Koloniales Erbe", sieht eine direkte Linie zwischen dem Rassismus damals und dem in unseren Tagen:

"Der Rassismus heute hat Kontinuitäten zum kolonialen Rassismus. Und die Tatsache, dass der koloniale Rassismus nicht aufgearbeitet wurde, führt dazu, dass auch der aktuelle Rassismus in Deutschland nicht aufgearbeitet worden ist."

Jürgen Zimmerer im Gespräch mit watson

Zimmerer nennt gegenüber watson Beispiele für diese Verbindung über die Jahrhunderte:

"Es gibt da eine Verbindung bis in die Gegenwart, etwa die Stereotypen vom 'schwarzen Vergewaltiger', die noch in der Silvesternacht 2015/16 in Köln bedient wurden. Wer sich mit Kolonialgeschichte beschäftigt, findet da ständig Anklänge, die fast wie Zitate aus rassistischen Reden von vor 100 Jahren klingen. Das ist ja das Erschreckende."

Es gibt also gute Gründe, sich mit kolonialen Erinnerungsorten in Deutschland zu beschäftigen. Davon gibt es eine Menge.

Wo in Deutschland bis heute Rassisten geehrt werden

Das afrikanische Viertel in Berlin-Wedding

Vor gut hundert Jahren war im heutigen Berliner Ortsteil Wedding ein unwürdiges rassistisches Spektakel geplant: Carl Hagenbeck, Gründer des Hamburger Tierparks, wollte im heutigen Volkspark Rehberge eine "Tier- und Völkerschau" einrichten. Darin sollten Wildtiere aus den damaligen deutschen Kolonien in Afrika zu sehen sein – und Menschen, wie Schaufensterpuppen ausgestellt für die neugierigen Augen der Bewohner und Besucher Berlins.

Solche Völkerschauen, bei denen Menschen zur Schau gestellt wurden wie Tiere im Zoo, waren damals in ganz Europa üblich. Der Erste Weltkrieg stoppte das Projekt. Die Straßennamen für das geplante "afrikanische Viertel" waren allerdings schon vergeben. Und viele davon bestehen bis heute. Neben neutral klingenden Namen wie "Togostra‹ße" und "Ugandastraße" gibt es bis heute Straßennamen, die an deutsche Profiteure des Kolonialismus erinnern: etwa die Lüderitzstraße (an den Kaufmann Adolf Lüderitz) und den Nachtigalplatz (an den Reichskommissar Gustav Nachtigal, der als Begründer des deutschen Kolonialismus gilt).

Die Umbenennung dieser Straßen hat die zuständige Bezirksverordnetenversammlung 2018 nach langem Streit beschlossen – doch dagegen regt sich Widerstand von Gewerbetreibenden vor Ort.

Berlin Wedding, im sogenannten Afrikanischen Viertel rund um die Afrikanische Straße sollen der Nachtigalplatz, die Petersallee und die Lüderitzstraße umbenannt werden Berlin Wedding *** Berlin Wedding in the so-called African Quarter around the African Road the Nachtigalplatz the Petersallee and the Lüderitzstraße are to be renamed Berlin Wedding

Historisch belastete Straßennamen in Berlin-Wedding Bild: www.imago-images.de / jürgen Ritter

Der "Tansania-Park" in Hamburg

Ein Beispiel dafür, wie mühsam der Umgang mit der deutschen Kolonialzeit sein kann, ist der sogenannte "Tansania-Park" in Hamburg. Die Denkmalanlage im Stadtteil Jenfeld hat ein privater Kulturkreis 2003 eröffnet, sie sollte zur Verständigung zwischen Deutschland und Tansania beitragen – das bis 1916 zur Kolonie Deutsch-Ostafrika gehörte. Doch schon die Eröffnung wurde zum Eklat: Der eingeladene tansanische Regierungschef Frederick Sumaye sagte seinen Besuch ab – aus Protest über die mangelnde Aufarbeitung der Kolonialverbrechen.

In dem Park werden Ehrenmale und Skulpturen aus der deutschen Kolonialgeschichte präsentiert. Darunter sind Denkmäler aus der Nazi-Zeit wie das "Schutztruppen-Ehrenmal" – und die sogenannten "Askari-Reliefs", die Soldaten aus der Volksgruppe der Askari zeigen, angeführt von einem deutschen Offizier.

Eine Frau fotografiert am 5.9.2003 das Askari-Relief im Tanzania-Park in Hamburg. Der Park sollte am 5.9. in Anwesenheit des Staatspräsidenten von Tansania eingeweiht werden. Nach Angaben der Staatlichen Pressestelle wurde der Besuch des Präsidenten aus «rein organisatorischen Gründen» verschoben. Das umstrittene Relief, das von Gegnern der Gedenkstätte für die Opfer der Kolonialzeit in Deutsch-Ostafrika als rassistisch kritisiert wird, sei kein Thema bei Gesprächen zur Verschiebung des Staatsbesuchs gewesen. | Verwendung weltweit

Ein "Askari-Relief" aus der Nazi-Zeit im sogenannten "Tansania-Park" in Hamburg. Das Foto ist von 2003. Bild: dpa / Ulrich Perrey

Seit Jahren wird über den richtigen Umgang mit dem Park gestritten. Der Park ist mittlerweile nicht mehr öffentlich zugänglich, soll aber in Zukunft in einen öffentlichen "Gedenkort deutscher Kolonialismus in Afrika" umgewandelt werden.

Straßennamen für Kolonialverbrecher in ganz Deutschland

Kolonial-Kaufmann Adolf Lüderitz: steht auf 26 Straßenschildern in ganz Deutschland. Joachim Christian Nettelbeck, Kaufmann und in seiner Jugend Kapitän von Sklavenschiffen: 12 Straßennamen. Offizier Paul von Lettow-Vorbeck, unter anderem am deutschen Völkermord an den Herero und Nama in Namibia beteiligt: 5 Straßennamen. Die online einsehbare Liste, auf der die Initiative "Freedom Roads!" nach kolonialen Akteuren benannte Straßen in ganz Deutschland auflistet, ist erschreckend ausführlich.

Vollständig ist auch diese Aufzählung nicht: Historiker Jürgen Zimmerer hat nach dem Statuensturz von Bristol auf Twitter dazu aufgerufen, Beispiele für problematische koloniale Erinnerungsorte in ganz Deutschland zu nennen – und einige Antworten erhalten:

Rassistischer Schatten über dem Robert-Koch-Institut

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie ist das Robert-Koch-Institut (RKI) die wohl einflussreichste Institution in Deutschland: Sie spielt eine zentrale Rolle bei den Strategien gegen die Seuche, sie veröffentlicht die Zahlen zu Infizierten und Toten. Die Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten ist nach dem Mediziner Robert Koch benannt, der im 19. Jahrhundert bahnbrechende Entdeckungen im Kampf gegen Infektionskrankheiten gemacht hat und 1905 den Medizin-Nobelpreis bekam.

Doch über Kochs Leben liegt ein rassistischer Schatten, den Historiker Zimmerer erforscht hat. Robert Koch führte demnach in deutschen Kolonien medizinische Experimente mit einer giftigen Substanz an dort lebenden Menschen durch – und nahm dabei mutmaßlich ihre Erblindung in Kauf. Er schlug "Konzentrationslager" für Menschen vor, die an der Schlafkrankheit litten – um möglichst viele gesunde Arbeitskräfte für die Kolonialherren zu behalten.

War Robert Koch also ein Rassist? Jürgen Zimmerer antwortet im Gespräch mit watson: "Ja, auf jeden Fall." Zu seinen Experimenten zur Schlafkrankheit sagt er: "Robert Koch hatte eine Mentalität, die für medizinische Erkenntnisse über Leichen geht."

Wie gehen wir mit rassismusbelasteten Orten um?

Es gibt also viele Orte, an denen der Rassismus der Kolonialzeit bis heute nachwirkt auch in Deutschland, auch im Jahr 2020. Wie sollte die Gesellschaft damit umgehen? Ist es in Ordnung, Statuen historischer Figuren mit rassistischer Geschichte einfach vom Sockel zu stoßen oder zu köpfen?

Historiker und Kolonialismus-Experte Jürgen Zimmerer sagt: Das hängt vom Einzelfall ab. Zum Statuensturz von Bristol sagt er, dass in der Stadt schon seit Jahren über einen Abbau der Edward-Colston-Statue diskutiert worden sei, dass man nur einen Minimalkompromiss gefunden habe – eine Gedenktafel zum Kolonialismus, die aber auch wieder verzögert wurde und nicht zustande kam. Und dass jetzt, nach der Tötung George Floyds in den USA, der Ärger darüber ausgebrochen sei. Zimmerer weiter:

"Der Sturz des Denkmals hat eigenes Denkmal geschaffen. Die Demonstranten haben Colston ins Wasser geworfen – so, wie er Sklaven von seinen Schiffen über Bord werfen ließ. So ist ein Gegenkunstwerk entstanden. Das war offenbar notwendig.“

Kolonialismusforscher Zimmerer zu watson

Generell sei er aber der Meinung, dass man rassistisch belastete Denkmäler möglichst erhalten solle.

Man müsse koloniale Denkmäler aber "dekonstruieren, sie zum Beispiel auf den Kopf stellen oder querlegen". Man könne etwa Fassaden kolonialer Gebäude oder des Berliner Humboldt Forums mit Stacheldraht besetzen - oder die Innenhöfe des wiederaufgebauten Preußenschlosses in Berlin mit Sand aus der Omaheke-Wüste füllen, wo die Herero im kolonialen Völkermord zu Tausenden starben.

Zimmerer weiter:

"Wichtig ist, dass man die Ehrung rassistischer Personen eindeutig aufhebt. Schrifttafeln an Denkmälern oder Gebäuden reichen dafür nicht aus. Die Gedenkorte müssen so aussehen, dass Menschen bei ihrem Anblick nicht anders können als zu akzeptieren, dass mit diesen Orten oder Personen Verbrechen verbunden sind. Dass auf diesen Verbrechen der Reichtum von uns hier in Europa beruht. Bei solchen Denkmälern sollte es darum gehen, Wege für weltweite soziale Gerechtigkeit aufzuzeigen – und nicht darum, die Vergangenheit zu säubern."

Denn, sagt Zimmerer zum Abschluss:

"Wenn man die Geschichte des Kolonialismus ignoriert, führt das dazu, dass auch die Wurzeln des heutigen Rassismus weniger wahrgenommen und verstanden werden."

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