Deutschland
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2000 wurde sie CDU-Chefin, nun geht in der Partei die Ära Merkel zu Ende. bild: imago/montage

Analyse

Generation Merkel – wie sich Deutschland in 18 Jahren verändert hat

Das Ende der Amtszeit von Angela Merkel ist in Sicht – ihr Rückzug vom CDU-Vorsitz ist der erste Schritt. Vielen junge Deutsche kennen aber gar niemand anderen mehr im Kanzleramt. Für sie ist Merkel so etwas wie eine Klammer im eigenen Leben: Es ist viel passiert in den 18 Jahren.

Wenn man die Regierungszeit von Angela Merkel mit einer Serie vergleicht, kann man sagen: Es läuft die finale Staffel. Am Freitag gibt Merkel den CDU-Vorsitz ab, bei der nächsten Bundestagswahl will sie nicht mehr antreten. Die Ära Merkel klingt aus, das steht fest. Es ist ein Abschied auf Raten.

Für viele Deutsche ist das ein ungewohnter Zustand, vor allem für die jungen. Wer in den späteren 80ern geboren wurde, verbindet den allergrößten Teil seiner politischen Erinnerungen mit Merkel im Kanzleramt.

Man sollte den Vergleich nicht zu sehr bemühen, aber: Es war eine verdammt lange Serie, mit vielen Staffeln und wechselnden Nebendarstellern. Aber immer mit derselben Hauptdarstellerin. Merkel war immer da, höchstens mal kurz im Urlaub in Südtirol.

Liam Cunningham, Kit Harington, Sophie Turner, Game of Thrones (2017) Season 7 HBO Los Angeles CA PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xHELENxSLOANx/xHBOx 33366_015THA

Liam Cunningham Kit Harington Sophie Turner Game of Throne 2017 Season 7 HBO Los Angeles Approx PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright xHELENxSLOANx xHBOx 33366_015THA

"Game of Thrones" und die Streamingdienste waren zu Beginn von Merkels Regierung noch Zukunftsmusik.  Bild: imago

Passenderweise gehören der "Generation Merkel" viele Leute an, die sich mit Serien bestens auskennen. In die Ära Merkel fällt - ohne ihr Zutun - der Aufstieg des Streamingdienstes Netflix, der Hype um Serien wie "Game of Thrones". Als Merkel 2000 CDU-Chefin wurde, surrten dagegen in weiten Landesteilen noch klobige Röhrenfernseher. Als sie 2005 Kanzlerin wurde, gab es noch kein iPhone.

Das verdeutlicht, dass sich in der Ära Merkel vielleicht nichts an der Spitze von CDU und Bundesregierung verändert hat - drumherum im Land aber schon. Was hat die "Generation Merkel" erlebt? Es ist eine Frage, die man jetzt stellen kann.

Ein Blick zurück. Im Jahr 2000, in dem Merkel zur CDU-Chefin aufsteigt, sieht das Leben für Teenager in Deutschland anders aus als heute. Es gibt noch die D-Mark, die Wehrpflicht ist noch nicht ausgesetzt. Außerdem: Baggy Pants.

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Gecastet in der Show "Popstars": Die No Angels und Merkel starteten zeitgleich durch. Bild: imago stock&people

Im Fernsehen läuft eine als große Neuerung geltende Show, weil dort eine Band gecastet wird: "Popstars". In den Charts regiert derweil DJ Ötzi, der über einen "Anton aus Tirol" singt. Und die Fußball-Nationalmannschaft vergurkt auf kolossale Weise eine EM in Belgien und den Niederlanden. Gut, bei diesem Punkt mag man Parallelen zu 2018 sehen.

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Singt bis heute: DJ Ötzi. Bild: imago stock&people

Vor allem aber gibt es noch kein schnelles Internet. "Auf gesellschaftlicher Ebene betreffen die Veränderungen vor allem die Digitalisierung und die Geschlechterverhältnisse", sagt Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Uni Mainz, wenn man ihn nach den großen Umbrüchen seit 2000 fragt.

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Mit einer Kontroverse um Sprüche von FDP-Minister Reiner Brüderle begann die "#aufschrei"-Debatte. Bild: imago stock&people

Durch die Digitalisierung hätten sich Takt und Menge von Kommunikation massiv verändert. "Sie hat zu einer enormen Beschleunigung geführt - aber auch zu einer größeren Aufgeregtheit." Interessanterweise unter einer Kanzlerin, die als recht unaufgeregt wahrgenommen wird.

Was das Geschlechterverhältnis betrifft, sind die Debatten noch frisch im Gedächtnis – #aufschrei und #MeToo. Rödder nennt sie "Aufgipfelungen". Es ist etwas in Bewegung gekommen. "Das Gender-Mainstreaming, also die Gleichstellung von Mann und Frau, ist ein Prozess, der sich geradezu exponentiell verstärkt", sagt er.

Ein weiterer roter Faden: Die Generation, die in Merkel-Land aufwächst, erlebt, wie wieder anders über die ökonomische Stärke Deutschlands gesprochen wird. Nämlich gar nicht so schlecht. Dabei hatten Wirtschaftsexperten die Zukunft zuvor in Talkshows wie "Sabine Christiansen" noch in trübsten Farben ausgemalt.

All das darf dürfte auf die eine oder andere Weise abgefärbt haben. Mitunter führt es auch zu Zerrissenheiten. Es gibt eine Sehnsucht nach Althergebrachtem. Viele Gespräche werden heute zackig im Digitalen abgewickelt – gerade viele Jüngere wollten aber auch mal wieder wie früher in der Kneipe quatschen, beobachtet der Forscher Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen.

Zum Schluss muss man sich natürlich fragen, ob auch Merkel selbst auf diese Generation abgefärbt hat.

Naja, sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann: Zumindest lasse sich ein gewisser Gleichklang erkennen. Merkels Politikstil sei moderierend, vorsichtig, tastend. Mit Entscheidungen warte sie, bis es kaum mehr anders gehe.

"Das entspricht voll dem Entscheidungsverhalten der meisten jungen Leute", sagt Hurrelmann. Denn die hätten so viele Optionen für die eigene Lebensgestaltung, dass das Entscheiden schwer falle.

Man überstürze nichts und versuche, möglichst keine unangenehmen Fehler zu machen.

Typisch Generation Merkel eben.

(pbl/dpa)

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