Deutschland
Bavarian State Prime Minister Markus Soeder of the Christian Social Union Party (CSU) reacts after first exit polls in the Bavarian state election in Munich, Germany, October 14, 2018. REUTERS/Michael Dalder

Bild: REUTERS/Michael Dalder

Analyse

Aber wenigstens nicht mit den Kommunisten – zeigt die CSU sich nun etwa genügsam?

jonas schaible, münchen

Etwa eine Stunde nach den ersten Prognosen stehen im Münchner Landtag zwei CSU-Anhänger an einem Stehtisch und sprechen bei Currywurst und Kartoffelsalat darüber, was sie eben erlebt haben. Nur 35,5 Prozent habe die CSU bekommen, so lautete die erste Prognose, deutlich mehr als zehn Prozent Verlust. Kurz: Eine Katastrophe.

Er habe gehört, sagt einer der Männer, in einem Landkreis sei die Kandidatin der Grünen gewählt worden: "Eine türkische Kommunistin. Sowas wählen die Leut' heute."

Dann aber nach einem weiteren Bissen Currywurst:

"Immerhin können wir mit den Freien Wählern regieren, das ist das Entscheidende."

In kürzester Zeit hatte es die CSU geschafft, sich nach dem Wahlergebnis zu schütteln, zu sortieren, und sich auf eine Sprachregelung zu einigen, die wenige Minuten später schon am Currywursttisch angelangt ist.

Es sieht so aus, als sei die CSU wild entschlossen zu ignorieren, was ihr widerfahren ist. Regieren, und mit den Freien Wählern, das zählt! Alles nicht so schlimm, nur nicht mehr aus der Ruhe bringen lassen.

Wer ist der nächste Seehofer?

Schon kurz nach Veröffentlichung der ersten Prognosen tritt Markus Söder auf die Bühne im Saal im Münchner Landtag, in dem sehr viele Journalisten und einige CSUler auf die Ergebnisse warteten. "Wir haben zum Teil ein schmerzhaftes Ergebnis erzielt", sagt Söder. Aber dann wendet er schnell. Die CSU, sagt er, habe auch den klaren Regierungsauftrag erhalten.

In einer Partei, die bis vor Kurzem noch an 60 Prozent, wenigstens aber die absolute Mehrheit gewöhnt war, und in der ein Ministerpräsident und ein Parteichef zurücktraten, weil sie nur 43 Prozent geholt hatten, in einer solchen Partei ist ein Regierungsauftrag eigentlich kein Grund, zu jubeln. Diesmal muss das anders sein, einen anderen Grund zu jubeln gibt es nicht.

Man werde regieren, das ist die einzig gute Nachricht für die CSU.

Nicht alle sind damit glücklich. Kurz nach Söders Rede steht Barbara Stamm neben der Bühne. Die 73-Jährige ist Landtagspräsidentin, in Bayern und der CSU beliebter als fast alle anderen, und jetzt: nicht gut gelaunt. Sie geht zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass ihre Karriere vorbei ist, weil das CSU-Ergebnis so schlecht ist, dass nur Direktkandidaten einziehen, niemand von der Landesliste.

"Ich habe seit einem Dreivierteljahr wiederholt intern gesagt, dass wir rechts nicht so viel gewinnen können", sagt sie. Der Wählerwille sei nicht zu kritisieren, "da muss man bei sich anfangen. Da hätte man allerdings früher anfangen sollen". Sie habe nur deshalb nicht öffentlich gemahnt, weil Streit der Partei schade.

Die Botschaft ist eindeutig. Die Spitze hat es verbockt. Hat sich verrannt. Hat guten Rat ignoriert. Hat das Ergebnis zu verantworten. Horst Seehofer, der Parteichef. Markus Söder, der Spitzenkandidat. Alexander Dobrindt, der Landesgruppenchef im Bundestag.

Keiner, der den Aufstand anführt

Am Abend erklären öffentlich und im Vertrauen alle, dass an diesem Abend keine Entscheidungen über die Zukunft Seehofers getroffen werden. Söder, der historische Wahlverlierer, sagt, er wolle erneut Ministerpräsident werden, wenn die Partei und die Fraktion es wolle. Fraktionschef Thomas Kreuzer sagt, das wolle er.

Über Ilse Aigner heißt es am Abend, sie wolle Landtagspräsidentin werden, wenn Stamm wirklich nicht mehr in den Landtag kommt. Alexander Dobrindt hat zu wenig Rückhalt in der Partei. Manfred Weber ist zu weit in Brüssel. Alle wissen, dass es personelle Konsequenzen geben muss.

Doch da scheint weit und breit niemand zu sein, der einen erfolgreichen Aufstand wagen könnte, also deutet sich an, dass der Aufstand einfach ausbleiben wird.

dpatopbilder Die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) fotografiert sich mit ihrem Handy, als sie am 20.09.2014 am Eröffnungstag des Oktoberfestes in München (Bayern) ihren Bierkrug in die Höhe hält. Zur 181. Wiesn werden bis zum 05.10.2014 wieder Millionen Besucher aus aller Welt erwartet. Foto: Tobias Hase/dpa

Es muss personelle Konsequenzen geben: Ilse Aigner als Landtagspräsidentin? Bild: dpa

Söder wird jetzt sagen, er habe durch ruhige letzte Wahlkampfwochen noch etwas herausholen können. Die Wähler wollten keinen Streit, sie wollten souveräne, vernünftige Politik. Ihm kommt zu Gute, dass die CSU durch die schlechten Umfragen schon vorbereitet war auf das, was da kommen würde.

Und immerhin, nachdem so viel von Schwarz-Grün die Rede war, reicht es wohl für eine Koalition mit den Freien Wählern. Auch das ist Balsam auf der konservativen Seele.

Schulze, die neue Reizfigur

Als kurz nach den ersten Hochrechnungen im Fernsehen die Grünen-Spitzenkandidatin Katharina Schulze zu sehen ist, die breit strahlend ihren Anhängern zuruft, was für ein toller Erfolg das Ergebnis sei, da hebt ein Murmeln im CSU-Saal an: Die, oh je, allein die Stimme schon, wenn ich die schon seh! Schulze ist für viele in der CSU die neue Claudia Roth: eine Reizfigur, zu laut, zu lachend, zu emotional. Zu grün.

Katharina Schulze and Ludwig Hartmann top candidates of the Green Party react after the announcement of first exit polls in the Bavarian state elections in Munich, Germany, October 14, 2018. REUTERS/Andreas Gebert

Katharina Schulze and Ludwig Hartmann feiern ihren Wahlerfolg. Bild: REUTERS/Andreas Gebert

Bis vor Kurzem hing die CSU noch an der absoluten Mehrheit. Sie sah sich als Staatspartei, als Ausnahmeerscheinung. Daraus ergab sich ihr Selbstvertrauen, auch in Berlin.

An diesem Abend hat sie beschlossen, dass es genügt, dass das Ergebnis besser war als in den schlimmsten Befürchtungen und dass sie immer noch regieren darf. So schnell ist in jüngerer Vergangenheit in Deutschland selten eine Partei in sich zusammengefallen. So stoisch hat selten eine Partei ein Desaster wegmoderiert.

Dieser Text erschien zuerst auf t-online.de

Das könnte dich auch interessieren:

Warum der FC Bayern derzeit an sich selbst scheitert – und was das mit Sané zu tun hat

Link zum Artikel

Kovac wird nach Perisic gefragt – und lässt dann seinen ganzen Transfer-Frust raus

Link zum Artikel

Perisic richtet Worte an Sané – und erklärt, was er nach dem Bayern-Anruf tat

Link zum Artikel

"Unglaublich hässliche Szenen" – Seenotretterin berichtet Lanz über Mittelmeer-Krise

Link zum Artikel

"Promi BB": Kollege von Bewohnerin stirbt – darum sagt Sat.1 Janine das nicht

Link zum Artikel

Zuschauer stellt Höcke NPD-Frage – bei seiner Antwort schmunzelt er

Link zum Artikel

FC Bayern stellt Perisic auf Instagram vor – viele Fans sind wütend

Link zum Artikel

Walvorhäute und zertanzte Kleider: Wolfgang Joop berichtet von der Klum-Hochzeit

Link zum Artikel

Kampf um den TV-Sommer: Wie Prosieben Gegner RTL übertrumpft – und warum Zuschauer wüten

Link zum Artikel

Warum Whatsapp für das iPhone massiv überarbeitet werden muss

Link zum Artikel

Fan fragt nach ausstehendem Helene-Fischer-Interview – Frank Elstner reagiert

Link zum Artikel

Segler-Paar über Gretas US-Reise: "Als würde man sich in eine Rakete setzen"

Link zum Artikel

PR-Desaster Sané: Ex-Bayern-Coach Hitzfeld kritisiert die Bosse

Link zum Artikel

Arm, einsam, krank: Doris erzählte ihre Geschichte – jetzt kommt endlich Hilfe

Link zum Artikel

Kuss bei "Promi Big Brother" war peinlich? Von wegen: Hier kommt Stalker Joey Heindle

Link zum Artikel

"Bachelorette": Oggys Bart ist "ab" & 12 weitere hohle Highlights

Link zum Artikel

"Bachelorette": Mit seinem Geständnis rührt dieser Kandidat Gerda zu Tränen

Link zum Artikel

Greta Thunberg liest auf dem Segelboot "Still" – was das über sie aussagt

Link zum Artikel

"Dunja Hayali": Carola Rackete tritt erstmals im TV auf – und wird schon vorab angegangen

Link zum Artikel

BVB-Doku auf Amazon zeigt Trauma des Anschlags – so nah waren wir noch nie dran

Link zum Artikel

Sané-Ersatz: Warum der FC Bayern mit Perisic alles richtig gemacht hat

Link zum Artikel

"Fortnite"-Weltmeister zockt zuhause – plötzlich steht die Polizei im Haus

Link zum Artikel

Wie Salihamidzic die Transfers des FC Bayern vergeigte – und die Spieler dies ausnutzten

Link zum Artikel

Heidi Klum postet Grotten-Foto – und muss nach Shitstorm den Beitrag ändern

Link zum Artikel

Hickhack um verletzten Sané: Verbrennen die Bosse gerade ihren guten Ruf?

Link zum Artikel

"Steh da wie ein Spacko" – Lena Meyer-Landrut kotzt sich bei ihren Fans aus

Link zum Artikel

"Promi Big Brother": Sat1 zieht Konsequenzen für alle aus Regelverstoß

Link zum Artikel

Heidi Klum übertreibt ihr Flitterwochen-Glück auf Instagram – Fans reagieren beschämt

Link zum Artikel

"Promi Big Brother": Beliebter Kandidat sollte keine Sendezeit bekommen

Link zum Artikel

Frisch getrennt & frisch verliebt? Miley Cyrus küsst schon eine Neue

Link zum Artikel

ZDF weist Kritik an Dunja Hayalis Interview mit Carola Rackete zurück

Link zum Artikel

Überraschende Studie: Warum Motz-Kinder später mehr Geld verdienen

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Lars Klingbeil rechnet mit Seehofer ab: "Entzaubert, gescheitert, nichts verändert"

Ein Interview mit SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil über Horst Seehofers stetig unstete Flüchtlingspolitik, die Umfragewerte der SPD und rot-grüne Machtperspektive für die Zeit nach 2021.

Herr Klingbeil, das Bittere zuerst: Jüngste Umfragen sehen Ihre Partei bei 17 Prozent. Wie sehr beunruhigt Sie das? Es war völlig klar, dass es bei dem Unions-Chaos der vergangenen Wochen keinen einzigen Gewinner gibt. Schlechte Umfragewerte sind natürlich nie schön, aber auch kein Grund, nervös zu …

Artikel lesen
Link zum Artikel