Deutschland
 30.05.2020,Berlin,Deutschland,GER,Kundgebung mit TV-Koch Attila Hildmann vor dem Reichstag. *** 30 05 2020,Berlin,Germany,GER,Rally with TV cook Attila Hildmann in front of the Reichstag

Tief im Verschwörungsglauben: der vegane Koch Attila Hildmann bei einer Demo in Berlin Bild: imago images / Stefan Zeitz

Analyse

Coronademos: Warum wir nicht mehr "Verschwörungstheorie" sagen sollten

In den vergangenen Wochen gingen in deutschen Städten von Biberach bis Berlin teilweise tausende Menschen bei sogenannten "Coronademos" oder "Hygienedemos" auf die Straße. Ihre Botschaft: Die Kontaktbeschränkungen und Verbote im Kampf gegen das Coronavirus sind falsch. Auf diesen Demos und ihrem Umfeld tummeln sich – neben Menschen, die schlicht von Alltagssorgen und Zukunftsangst geplagt sind – auch solche, die Abenteuerliches verbreiten: vom angeblich bevorstehenden Ende aller bürgerlichen Freiheiten, von vermeintlichen Geheimplänen böser Mächte, die hinter der Corona-Politik von Bund und Ländern stünden.

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Eine sogenannte "Hygiene-Demo" vor dem Reichstag in Berlin im Mai. Bild: watson / Lukas Weyell

"Verschwörungstheorien" nennen viele Menschen diese Erzählungen – und als "Verschwörungstheoretiker" werden oft diejenigen bezeichnet, die sie verbreiten. Dabei sind beide Ausdrücke falsch. Dafür gibt es mehrere gute Gründe – und es gibt bessere Alternativen zu diesen Wörtern.

"Antisemiten und Rassistinnen lieben den Begriff 'Verschwörungstheorie', weil er ihren Verschwörungsvorwürfen eine höhere Würde verleiht."

Religionswissenschaftler Michael Blume

Warum "Verschwörungstheorie" das falsche Wort ist

Wer "Verschwörungstheorie" sagt, der schenkt Schwurbelei und absurden Geschichten zu viel Ehre. Eine Theorie basiert auf aufwendiger wissenschaftlicher Arbeit, auf nachweisbaren Fakten und: Eine Theorie wird überarbeitet, wenn neue Fakten sie widerlegen. Auf Verschwörungserzählungen trifft das nicht zu: Sie bestehen weiter, selbst wenn die Wirklichkeit sie längst widerlegt hat.

Anders gesagt: Wissenschaftliche Theorien werden den Fakten angepasst. Für Verschwörungserzählungen werden die Fakten so zurechtgebogen, dass sie zur angeblichen Verschwörung passen.

Der Religionswissenschaftler Michael Blume – der seit 2018 Antisemitismusbeauftragter für das Land Baden-Württemberg ist und seit Jahren zu Verschwörungserzählungen forscht, darüber schreibt und Vorträge hält, fasst es so zusammen:

"Diese Erzählungen sind nicht dafür da, etwas zu erklären – sondern, um Feindbilder zu schaffen."

Blume sagt: "Antisemiten und Rassistinnen lieben den Begriff 'Verschwörungstheorie', weil er ihren Verschwörungsvorwürfen eine höhere Würde verleiht." Und: "Wer diese Dinge als Verschwörungstheorie bezeichnet, der hat eigentlich schon verloren."

ARCHIV - 13.03.2018, Baden-Württemberg, Stuttgart: Michael Blume, der neue Antisemitismusbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung, stützt sich während einer Pressekonferenz auf sein Kinn. (zu dpa: «Blume fordert Antisemitismus-Beauftragte auch in Ostdeutschland» vom 15.10.2018) Foto: Marijan Murat/dpa | Verwendung weltweit

Michael Blume ist seit 2018 Beauftragter des Landes Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und forscht seit langem zu Verschwörungsmythen. Bild: dpa / Marijan Murat

Es gibt noch einen Grund, warum das Wort "Verschwörungstheorie" problematisch ist: Menschen wie der vegane Koch Attila Hildmann und Sänger Xavier Naidoo verwenden es selbst gezielt, um die eigenen Positionen zu stärken. Das funktioniert so: Laut einer verbreiteten Erzählung hat der US-amerikanische Geheimdienst CIA das Wort angeblich selbst erschaffen, um Kritiker mundtot zu machen. Das ist allerdings falsch, der Begriff taucht sogar schon im 18. und 19. Jahrhundert auf. Der Philosoph Karl Popper hat ihn im 20. Jahrhundert etabliert, um vor Verschwörungsglauben zu warnen.

Die Alternativen: von "Schwurbelei" bis "Ideologie"

Es ist wichtig, klare Worte für die Horrorstorys zu finden, die zur Corona-Pandemie und zu anderen Krisen verbreitet werden. Wissenschaftler wie Autoren beschäftigen sich mit der Frage nach der richtigen Wortwahl seit Langem, zum Beispiel Katharina Nocun und Pia Lamberty in ihrem jüngst erschienenen Buch "Fake Facts". Religionswissenschaftler Blume schlägt vier verschiedene Ausdrücke vor, um möglichst genau zu unterscheiden, was Sache ist – und um zu verdeutlichen, wie tief eine Person schon im Sumpf des Verschwörungsglaubens steckt.

Blume schlägt den Ausdruck "Verschwörungsmythen" vor, wenn es um einzelne Episoden geht, die mit angeblichen Verschwörungen erklärt werden – zum Beispiel die bis heute verbreitete Lüge, dass angeblich alle Jüdinnen und Juden, die 2001 im New Yorker World Trade Center arbeiteten, vor den Anschlägen am 11. September gewarnt worden und deshalb nicht dort erschienen seien.

"Verschwörungsglaube" ist der Ausdruck, den Blume für die große Erzählung hinter den Mythen vorschlägt: Also etwa die Wahnvorstellung, dass Bill Gates, Microsoft-Gründer und heutige Chef der größten Privatstiftung der Welt, hinter der Corona-Politik vieler Regierungen stecke.

Von "Verschwörungsideologie" kann man laut Blume sprechen, wenn Menschen überzeugt sind, dass fast hinter allem Übel der Welt Verschwörungen steckten. Diese Ideologie, sagt Blume, könne dann meistens auch nicht mehr diskutiert werden. "Es ist dann völlig egal, was schiefgeht: Es wird immer auf dasselbe Feindbild zurückgeführt", sagt Blume. Und oft steht dann eine Gruppe am Pranger, die seit Jahrhunderten zum Feindbild gemacht wird: Jüdinnen und Juden. Wer Verschwörungsmythen auf den Grund geht, stößt oft und schnell auf blanken Antisemitismus.

Wer noch nicht allzu tief abgedriftet ist in die Parallelwelt der Verschwörungsgläubigen, den bezeichnet Blume als "Verschwörungsschwurbler". "Verschwörungsschwurbelei" ist demnach der richtige Ausdruck dafür, wenn Menschen etwa einen Verschwörungsmythos in einer WhatsApp-Gruppe aufschnappen und dann weiterverbreiten. Die Schwurbelei ist so etwas wie eine geistige Einstiegsdroge. "Wer in diesem Anfangsstadium ist, den kann man noch zurückholen", sagt Blume und ergänzt: "Je tiefer die Menschen im Verschwörungsglauben versinken, desto schwieriger wird es."

23.05.2020, Hessen, Frankfurt/Main: Bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung steht ein Mann mit einem vor dem Mundschutz gehefteten Plakat, auf dem er versucht zu beweisen, dass Bill Gates ein Patent auf das Coronavirus innehat. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa | Verwendung weltweit

Ein Teilnehmer einer Coronademo in Frankfurt, der eindeutig zeigt, dass er an Verschwörungsmythen glaubt. Bild: dpa / Frank Rumpenhorst

Wie gefährlich sind Verschwörungsmythen – und was lässt sich dagegen tun?

Michael Blume hat zu Verschwörungsmythen eine schlechte und eine gute Nachricht.

Die schlechte: Die Menschen, die – wie etwa der vegane Koch Hildmann – in den vergangenen Monaten in den Verschwörungsglauben abgerutscht sind, könnten sich Blumes Ansicht nach weiter radikalisieren – und das könne schnell gehen. Das Problem: Während Verschwörungsgläubige bis vor wenigen Jahren wirre Ansichten maximal am Stammtisch oder im Bekanntenkreis verbreiten konnten, haben sie heute Zugang zu einem riesigen Publikum. Über ihre Telegram-Channels erreichen Hildmann oder Sänger Naidoo täglich zehntausende Menschen. Und wie mörderisch der Verschwörungsglaube sein kann, hat sich in den vergangenen Monaten leider mehrfach gezeigt: die Attentäter von Christchurch, Halle, Hanau und Celle glaubten allesamt an Verschwörungsmythen.

Die gute Nachricht: Insgesamt glauben laut Blume in Deutschland heutzutage deutlich weniger Menschen an Verschwörungsmythen mit festen Feindbildern als in der Vergangenheit. Blume verweist auf die "Pestprogrome" vergangener Jahrhunderte, bei denen Menschenmassen Juden jagten und töteten, weil sie sie für die Seuche verantwortlich machten. "Verschwörungsmythen werden die Demokratie nicht zerstören", sagt er. "Aber sie könnten weiter zu einzelnen Gewalttaten führen."

Was sich gegen Verschwörungsglauben tun lässt? Blume glaubt zum einen, dass Dialog und Aufklärung im privaten Umfeld helfen kann – solange Menschen nicht zu fest in ihrem Glauben an üble, allmächtige Strippenzieher feststecken. "Zum anderen wünsche ich mir, dass der Staat früh ein Stoppschild setzt", sagt Blume. Als positive Beispiele nennt er, dass die Städte München und Stuttgart das Tragen von Judensternen mit der Aufschrift "Ungeimpft" verboten haben, die einzelne Teilnehmer von Corona-Demos getragen und somit den Holocaust auf denkbar krasse Weise verharmlost hatten. Oder bundesweite Razzien gegen Menschen, die online den mutmaßlich von einem Rechtsterroristen ermordeten CDU-Politiker Walter Lübcke verunglimpft hatten.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Rhabarber 08.06.2020 22:58
    Highlight Highlight Ich wollte den Artikel ja teilen. Aber dann hätte ich die eklige Fratze von Hildmann in meinem Profil. Das halte ich nicht aus.
  • Rolf 08.06.2020 17:13
    Highlight Highlight Verschwörungstheoretiker oder ähnliches bin ich definitiv nicht . Trotzdem ist es doch zumindest verwunderlich das , wenn auch nur zwei Infizierte gefunden werden , sofort von einem Corona-Ausbruch in allen Medien berichtet wird. Das sich aber Menschen ohne irgendwelche Schutzmaßnahmen und ohne irgendwelche Folgen zu zehntausenden (täglich) wieder treffen wird nie erwähnt . Ich habe ein wenig das Gefühl das die bestellten Schutzmasken auf jeden Fall noch verkauft werden müssen .
  • Biobauer 08.06.2020 12:46
    Highlight Highlight Wie immer wird in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen, wenn es keine klaren Gesetze gibt. Ich würd mir wünschen, dass man den Begriff der Volksverhetzung mal sehr viel weiter fasst, damit Leute, die der Herr Hildmann und sonstige auch einmal für Lügen, Hetze und Falschbehauptungen belangt werden könne.
    Das Witzigste für mich als Beamter ist eigentlich, dass es Leute gibt, die wirklich glauben, irgendjemand auf der Welt hätte auch nur ansatzsweise einen Plan! Wer bei unserem Staat arbeitet, wird sehen, dass es überhaupt keinen Plan gibt. Sieht man doch gerade jetzt an der Corona-Kriese!
  • stahlbau-grauerwolf 06.06.2020 11:18
    Highlight Highlight

    zu was plädiere ich immer wieder, Bildung und Ausbildung, politsche Bildung und Aufklärung der
    Menschen in Schulen und Hochschulen sowie politisches
    Arbeiten mit den Menschen,
    das müssen Bildungsfächer in diesem Staate werden; als
    ein geeignetes Kraut gegen Verschwörungstheorieen
    und mehr.
    Da bin ich mir nicht sicher ob und wie und übehaupt
    unser Staatsgefüge das kann und will.





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