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So werden junge Ärzte in deutschen Krankenhäusern verheizt

Özil geht, der Hambacher Forst bleibt, Chemnitz schreckt auf – 2018 war turbulent. Auch für uns: watson.de startete im März. Auf einige Geschichten sind wir seitdem besonders stolz. Wie auf diese hier:

Wenn es draußen auf dem Gang klingelt, zuckt Simone Eilert jedes Mal zusammen. Die junge Ärztin dreht dann gerade ihre nächtliche Runde durch die Intensivstation eines Berliner Krankenhauses und weiß: Das Klingeln hat nur eine Bedeutung. Irgendwo in ihrem Krankenhaus droht ein Mensch zu sterben. Das markante Schallern stammt von einem Notfall-Telefon. Und die 27-jährige Eilert ist die einzige Ärztin.

Sie greift sich dann den nächstbesten Pfleger und rennt los. Ihre eigenen Patienten, die schwer krank auf der Intensiv-Station liegen, muss sie zurücklassen. Eilert ist klar, dass sie in diesen Momenten auch deren Leben riskiert. Ein unlösbares Dilemma. "Das ist das einzige, was ich für die Krankenhausleitung nicht noch aus mir rausquetschen kann", erzählt sie watson. "Ich kann einfach nicht an zwei Orten gleichzeitig sein." 

Wir haben mit mehreren Ärzten über die Zustände in deutschen Kliniken gesprochen. Wir haben uns das Krankenhaussystem von einem der führenden Forscher auf dem Gebiet erklären lassen und sind die Zahlen mit Gesundheitsexperten durchgegangen.

Das sind die beunruhigenden Ergebnisse eines schwer zu durchblickenden Systems:

Die Geschichte einer gefährlichen Überforderung in 3 Akten.

Hineingeworfen: Die erste Nachtschicht

Eilert, deren Namen wir geändert haben, arbeitet seit zwei Jahren als Ärztin im Krankenhaus. Auf der Intensiv-Station lernt man sie nur zwei Monate an. Und zwar vor allem durch einen Assistenzarzt, der selbst erst zwei Monate auf der Station verbracht hat. Danach muss die junge Ärztin schon zur Nachtschicht, in der das Notfalltelefon jederzeit klingeln könnte. Sie ist unvorbereitet. Sie ist sofort alleine. Sie ist verantwortlich für zahlreiche kritische Patienten, wie sie im Gespräch mit watson erzählt.

Ein erfahrener Oberarzt stehe für sie am Telefon bereit, hieß es bei der Verwaltung. Er könne notfalls in einer halben Stunde in der Klinik sein.

Eilert aber erzählt:

"Der war manchmal einfach nicht erreichbar."

watson

Pfleger können eine Hilfe sein, aber in der Nacht sind auch die schwer zu finden. Der Pflegenotstand in Deutschland ist ein viel diskutiertes Problem, das sich auch auf die Arbeit der Ärzte auswirkt. "Im Spätdienst geht das noch, aber in der Nacht ist einfach oft niemand da", sag Eilert. Auch nicht, wenn das Notfalltelefon klingelt.

Aber genauso funktioniert das System in ihrer Klinik: Die Nachtschicht auf der Intensivstation ist alleine zuständig für Notfälle im ganzen Krankenhaus, inklusive der psychiatrischen Patienten und der Notaufnahme. Andere Ärzte berichten von ähnlichen Erfahrungen.

Es könne gar nicht mehr lange dauern, sagt Eilert, bis ihre Überlastung den ersten Menschen das Leben kosten wird.

So kann es kaum verwundern, wenn Ärztinnen wie sie über ihr eigenes Haus sagen: "Wenn es mal wieder sehr stressig ist und Patienten etwa auf dem Flur behandelt werden müssen, dann möchte ich nicht gern Patient bei uns sein."

Gefangen: Ein System mit Schieflage

Wo früher mehrere Ärzte ihre Erfahrung teilten, wo sie sich gegenseitig und damit auch ihre Patienten stützten, hat ein neues System Einzug gehalten. Ein System, das Gewinn machen muss, um zu funktionieren. Und eines, das jungen Ärzten das Arbeitsleben zur täglichen, und wie in Eilerts Fall vor allem zur nächtlichen Qual macht.

Fälle wie ihrer lassen sich in ganz Deutschland finden. Eine aktuelle Studie stellt fest: Ärzte klagen über ethische Konflikte, weil sie eher nach wirtschaftlichen Kriterien arbeiten müssen, anstatt nach medizinischen. Das, so zeigt die Studie, habe die Fehlversorgung der Patienten zur Folge, teilweise kaum aushaltbaren Stress und Frustration. 

Laut der Studie müssen Ärzte unter anderem:

Die Studie

Für ihr Paper "Ökonomisierung patientenbezogener Entscheidungen im Krankenhaus" führten die Forscher Karl-Heinz Wehkamp und Heinz Naegler zwischen 2013 und 2016 insgesamt 22 Pilotinterviews und 41 Leitfadeninterviews durch. Dazu befragten sie 3 Fokusgruppen. Befragt wurden sowohl Ärzte in Kliniken als auch Geschäftsführer.

Karl-Heinz-Wehkamp ist Gesundheitsexperte und Arzt. Er pilgert seit Jahren durch deutsche Kliniken und befragt dort Ärztinnen, Pfleger und Manager. Er war mit verantwortlich für die Befragungen, im April hat er ein Buch über die wirtschaftlichen Zwänge in Krankenhäusern geschrieben.

"Die Personalknappheit in Kliniken ist kalkuliert", erklärt er im Gespräch mit watson. Sie führe dazu, dass Ärzte völlig überlastet würden, um Personalkosten einzusparen. Besonders hart treffe es die Berufseinsteiger als unterstes Glied der Klinik-Hierarchie.

Wehkamp sagt:

"Jungen Ärzte zeigt niemand mehr, wie man medizinisch richtig arbeitet. Sie bekommen Anweisungen, die sie im Grunde gar nicht schaffen können."

watson

Wehkamp hat dramatische Geschichten bei seinen Recherchen gehört. Von Medizinstudenten etwa, die nur Wochen nach ihrem Staatsexamen schon alleine die Psychiatrie betreuen mussten. Eine Station, auf der unruhige, teils gewalttätige und suizidgefährdete Patienten liegen.

Der Forscher schreibt in seinem Buch: "Zweifellos steht ärztliches Handeln zunehmend unter dem Einfluss einer deutlichen Finanzmittelknappheit."

5 Ergebnisse seiner Untersuchungen

Eigentlich wollten die Länder die Investitionen zurückfahren, um einen stärkeren Wettbewerb unter den Krankenhäusern auszulösen. Der Gedanke dahinter: Wer Gewinn machen muss, wirbt auch mehr um Patienten und bietet dadurch bessere Qualität an. Das, so sagen Experten, sei aber nach hinten losgegangen. Die Kliniken schaffen es nicht, gewinnbringend zu arbeiten, ohne dass die Medizin an vielen Stellen auf der Strecke bleibt. Etwa bei der Anstellung von ausreichend vielen Ärzten.

Wehkamp sagt:

"Dann bekommen Patienten Herzkatheter, die keine brauchen. Da entscheiden Geschäftsführer über das Patientenwohl und externe Agenturen rationalisieren den Klinik-Alltag, ohne zu wissen, was für die Ärzte wichtig ist. Dieses System funktioniert einfach nicht mehr nach ethischen Maßstäben und das ist ein Problem."

Wehrlos: Kritik oder Karriere?

Eilert hat versucht, sich über diese Zustände zu beschweren. Aber ihre Kritik wird abgetan. "Wir haben doch schon genug Personal eingestellt" heißt es dann, oder "Früher war es doch noch viel schlimmer, wenigsten müssen Sie keine 36-Stunden-Schichten mehr machen".

Nur, ihre Überstunden kann die Ärztin kaum noch zählen, richtige Pausen sind in der Nacht auch nicht möglich. Wenn Eilert Ausgleich will, muss sie ihn extra beantragen: "Wer das zu oft macht, wird schief angesehen", sagt sie. Immer öfter wird der jungen Assistenzärztin klar, dass offenbar auch hinter dem Rücken über sie gesprochen wird, weil sie im Angesicht der Arbeitsumstände nicht ruhig ist. 

Auch Wehkamp sagt: Sei die Überlastung noch so hoch, gerade junge Ärzte beschwerten sich nicht mehr, aus Angst, die eigene Karriere zu torpedieren.

Einer der wichtigsten Interessensverbände für Ärzte, der Marbuger Bund, hat in seinem aktuellen Jahresbericht erhoben, wie wenig die Beschwerde eines jungen Arztes bringt. Wenn Ärzte ihre Vorgesetzten auf inakzeptable Arbeitsbedingungen hinwiesen, bleibt das meist ohne Wirkung:

Zustände ändern sich also kaum, werden teilweise sogar schlimmer. Das hat auch einen langfristigen Effekt auf die Behandlung in deutschen Kliniken.

Auch die Ausbildung der Ärzte fällt dem wirtschaftlichen Druck zum Opfer. Laut Marburger Bund beklagen 63 Prozent aller Assistenzärzte, bei wichtigen Untersuchungen wie dem Herzultraschall nicht ausreichend weitergebildet zu werden. Auch Eilert erzählt: "Ich musste schon Notfall-Behandlungen durchführen, die ich eigentlich nie gelernt habe."

Wer ist Schuld?

Wer die Schuldfrage stellt, bekommt viele unterschiedliche Antworten. Für junge Ärztinnen wie Eilert liegt der Fehler vor allem bei den Vorgesetzten und der Krankenhausverwaltung.

Ein Oberarzt, der im Management einer großen Klinik in Süddeutschland arbeitet, sieht diese Probleme vor allem im Einfluss der Krankenkassen auf den Arbeitsalltag. "Für mich geht in der Debatte völlig verloren, dass Ärzte heute für gute Arbeit im Grunde bestraft werden, etwa wenn sie die geplanten Quoten der Krankenkassen nicht erfüllen und für Sonderschichten und Endlosdienste nicht angemessen bezahlt werden", sagt er zu watson.

Noch einmal einen anderen Blick auf die Situation nimmt Christian Egle. Der Leiter Gesundheitswesen bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst&Young berät sei 20 Jahren Krankenhäuser und Krankenversicherungen in Deutschland.

Egle sagt:

"Ich würde definitiv unterschreiben, dass der wirtschaftliche Druck in Krankenhäusern steigt."

Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern immer noch sehr gut dastehe, was seine medizinische Versorgung betrifft. "Ich wäre vorsichtig damit zu sagen, das System liegt in einer Schieflage und es gibt den und den Schuldigen, das zeigen die Zahlen so nicht", sagt Egle.

In seinen Augen gibt es einen Mix an Problemen. "Das System ist generell unterfinanziert, dann haken viele Prozesse in den Krankenhäusern und es gibt einen hohen Druck, in neue Geräte und Gebäude zu investieren", sagt Egle. Das alles spanne die Situation an. "Da müssen wir natürlich daran arbeiten, dass junge Ärzte nicht bei der Ausbildung hinten runterfallen."

Epilog: Was muss sich ändern

Das Problem kommt sowohl in privaten als auch in öffentlichen Kliniken vor, sagt Wehrkamp. Überall müssen die Kliniken so viele Patienten behandeln wie möglich, aber nur so wenige Ärzte einsetzen wie nötig.

Um die Lage zu verbessern, so fordern sowohl er als auch der Marburger Bund:

Zumindest beim Thema Bezahlung planen SPD und CDU Neuerungen in ihrem Koalitionsvertrag. Neben der komplizierten Situation für junge Ärzte in Krankenhäusern hat der Gesundheitsminister aber auch noch die Mega-Themen Landärztemangel, Pflegenotstand, Zweiklassenmedizin und Medikamentenpreise auf dem Zettel. Es kann also noch dauern, bis sich wirklich etwas ändert für die Mediziner.

Simone Eilert hat mittlerweile eine trotzige Routine entwickelt und übt in ihrer Klinik trotzig Kritik an ihren Arbeitsbedingungen. Sie hat sich entschieden, sich nicht mit ihrer Situation zufrieden zu geben. Nicht alle denken wie sie. Jeder zweite Assitenzarzt will seinen Kittel laut Marburger Bund mittlerweile an den Nagel hängen. Dadurch könnte es bald noch weniger Ärzte geben. Dadurch entsteht noch mehr Belastung für die Übrigen. Das alles kostet am Schluss Leben.

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