Deutschland

Best of watson 2018

Die Fast-Unfallgeschichte eines AfD-Abgeordneten

Özil geht, der Hambacher Forst bleibt, Chemnitz schreckt auf – 2018 war turbulent. Auch für uns: watson.de startete im März. Auf einige Geschichten sind wir seitdem besonders stolz. Wie auf diese hier:

Die Geschichte geht so: Der AfD-Abgeordnete Anton Friesen ist am vergangenen Donnerstag auf dem Rückweg von einer Veranstaltung in der thüringischen Kleinstadt Zella-Mehlis. Das Auto fährt Friesens Mitarbeiter Klaus Tumma. Außerdem sitzt ein Dokumentarfilmer im Wagen. In Suhl werden der Abgeordnete und der Filmemacher abgesetzt, Tumma fährt weiter nach Meiningen.

Anton Friesen erzählt die Geschichte so weiter: Der Fahrer habe in Meiningen ein lautes Geräusch gehört. Zum Ende der Fahrt sei das Fahrzeug dann ausgebrochen, was sich durch eine gewisse Unwucht bemerkbar gemacht habe. Der Fahrer habe dann das Auto auf dem Standstreifen geparkt. Dort habe der Fahrer dann festgestellt, dass die Radmuttern locker seien. Er habe erst den ADAC, dann die Polizei gerufen und gegen 21.30 Uhr Friese über den Vorfall telefonisch informiert.

Die Landespolizeiinspektion Suhl gab dazu folgende Pressemitteilung heraus: "Am Donnerstagabend kam es auf dem Rückweg von einer Veranstaltung 'zu einer Umwucht im PKW, in dem Herr Dr. Friese sowie sein Mitarbeiter Klaus Tumma fuhren. Grund waren mehrere lockere Radmuttern an allen vier Rädern.' Die Kriminalpolizei habe die Ermittlungen aufgenommen, ob eine politisch motivierte Tat vorliegt, könne im Moment nicht zweifelsfrei gesagt werden."

Das sind zunächst die Fakten:

Und das macht der AfD-Abgeordnete daraus:

Auf Twitter:

Friesen postet ein Bild mit einem Unfallauto vor einem Baum und spricht von einem "feigen Anschlag" von "mutmaßlich linksextremistische(n) Fanatiker(n)".

Die Zielgruppe ist aktiviert und reagiert auf Twitter und Facebook dann so (Auszüge):

Hängen bleibt: Linke wollen AfD-Politiker ermorden, die Polizei schaut zu – und die Presse schweigt.

Auf der Facebookseite des Fahrers wird die These vom "Mordversuch" in Spruchkartenform geteilt.

Facebook Klaus Tumma

Auch Friesen rüstet rhetorisch noch ein bisschen auf. Im nächsten Schritt verliert sich das "mutmaßlich". Auf Friesens Homepage stehen Motive und Täter jetzt fest. Friesen lässt sich dort mit den Worten "neue Dimensionen linksextremistischer Gewalt" zitieren. Die hauseigene "Pressemitteilung", von einem Mitarbeiter Friesens verfasst, gibt den seriösen Anstrich.

"Dieser heimtückische Anschlag auf das Leben und die Gesundheit meines Mitarbeiters und mich stellt eine neue Dimension linksextremistischer Gewalt dar."

Anton Friesen

Die "Pressemitteilung" gibt die AfD selbst raus:

Facebook Anton Friesen

Bild

Homepage Anton Friesen

Woher kam eigentlich das Auto?

Das Bild, auf dem Anton Friesen posiert und das er in den sozialen Medien verbreitete, zeigt einen roten Wagen, der mit Totalschaden vor einem Baum liegt. Es ist nicht das Auto des Bundestagsabgeordneten. 

Aufmerksame Twitternutzer haben das Fotorätsel gelöst und das rote Unfallauto auch auf einer anderen Internetseite gefunden. Zum Beispiel auf der Hompage Kennzeichen-Box, eine Seite, die über Rettungskarten im Auto informiert.

"Bei einem Unfall ist es wichtig, dass Rettungskräfte Verletzte schnell bergen – die Rettungskarte hilft dabei", heißt es dort unter dem Bild. https://www.kennzeichenbox.de/magazin/rettungskarte/

Bei dem Bild handelt sich um ein frei zugängliches Stockfoto. Das echte Auto hat, bis auf die gelockerten Radmuttern, keinen Schaden davongetragen.  

Auf Twitter wird Friesen mit dem Stockfoto von einem T-Online-Kollegen konfrontiert: 

Und was sagt Anton Friesen?

Weiß der AfD-Abgeordnete Friesen eventuell mehr? Wir fragen nach.

Warum dieses Bild? Mit dem Bild und der Zeile wolle Friesen veranschaulichen, was die Folgen hätten sein können, sagte er watson.de. "Wir hatten ja wirklich Glück, dass da nichts passiert ist."

Dann wollen wir wissen, ob er für seine These, es handle sich um einen Anschlag von links, konkrete Hinweise habe. Symbole oder irgendetwas anderes, was Friesens anfängliches "mutmaßlich" begründen könnte. Friesen antwortet, dass "sie selbst nichts gesehen" hätten. Es sei aber sehr wahrscheinlich, dass Linksextremisten ein Motiv haben.

Friesen beruft sich auf eine Internetseite, die zur Gewalt gegen die AfD aufrufe und sieht einen zeitlichen Zusammenhang zwischen diesem Aufruf und dem Radmuttervorfall.

Tatsächlich gibt es eine Website, die Adressen von Parteibüros der AfD in ganz Deutschland auflistet. Es wird dazu aufgerufen, "den AfD-Bundesparteitag in Augsburg anzugreifen". Außerdem finden sich auf der Seite detaillierte "Anleitungen" zu Farbangriffen, das Herstellen von Nagelbrettern oder Wurfgeschossen wird erklärt und wie Autos am schnellsten brennen. Das Emblem der Antifa ziert die Internetseite. Sprache und Verschlüsselung der Seite sind Indizien dafür, dass die Absender aus der linksextremistischen Szene kommen. 

Dann wollen wir wissen, warum Friesen aus einem Zusammenhang, den er persönlich für wahrscheinlich hält (und der nicht auszuschließen ist), eine ziemlich eindeutige Behauptung formuliert. Ob er seine Thesen irgendwie mit Fakten untermauern könne. Seine Antwort: "Wir werden sehen, was die Ermittlung ergibt. Wir warten erstmal ab."

Und die Polizei? Die ermittelt. "Das ist ein ganz normales Ermittlungsverfahren", sagte die Kriminalpolizei Suhl auf Nachfrage. Ein externer Sachverständiger wird sich den Wagen anschauen und bis Ende der Woche ein Gutachten erstellen.

Und bis dahin heißt es: abwarten.

Update: Die AfD sprach von "Mordversuch" gegen Friesen. Ein Gutachten zeigt nun: Es muss sich bei kaputtem Auto gar nicht um Sabotage gehandelt haben. Am Auto waren alte Teile verbaut. Und: Die Staatsanwaltschaft hat keine Hinweise auf ein politisch motiviertes Verbrechen.

Solingen, Rostock, Hoyerswerda...

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