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Bild: imago / watson.de

Gehen, aber wohin? Wenn geflüchtete Frauen in Deutschland Gewalt erleben

An diesem Sonntag ist der internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.

Vor einigen Tagen hat das Bundeskriminalamt Zahlen veröffentlicht, in denen das (ungefähre) Ausmaß an Gewalt gegen Frauen in Deutschland sichtbar wird.

147 Mal haben Männer im Jahr 2017 in Deutschland ihre Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen getötet. Zu versuchten Tötungen kam es im Schnitt sogar jeden Tag.

Fast 140.000 Fälle von Gewalt in der Partnerschaft wurden 2017 angezeigt. Nur jedes fünfte Opfer aber suche überhaupt Hilfe, sagte Frauenministerin Franziska Giffey, die die Zahlen vorstellte.

"Für diese Frauen ist das eigene Zuhause ein unsicherer Ort", sagte Giffey.

Doch was, wenn dieses "Zuhause" eine Not- oder Gemeinschaftsunterkunft ist? Wenn man sich den Wohnraum mit vielen anderen teilen muss? Wenn man nicht überall sichere Rückzugsorte findet? Für geflüchtete Frauen in Deutschland ist das oft Realität.

Was sind die besonderen Umstände von Frauen, die nach Deutschland gekommen sind, um Schutz zu suchen? Was, wenn sie hier Gewalt erfahren?

Syrian refugees and Egyptian women practise yoga at a United Nations Population Fund, safe space for refugee women and girls residing in Cairo, Egypt October 29, 2018. Picture taken October 29, 2018. REUTERS/Mohamed Abd El Ghany

Bild: reuters

Die Frauen sind in der Unterzahl

Von Januar bis Oktober 2018 haben laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 138.655 Menschen in Deutschland erstmals einen Asylantrag gestellt. 56,8% Prozent aller Erstantragssteller waren männlich, 43,2% weiblich.

Das bedeutet, Männer, die in Deutschland einen Asylerstantrag stellen, sind in der Überzahl. Frauen kommen oft in Begleitung ihres Partners oder männlichen Verwandtens in Deutschland an und sind häufig von ihnen abhängig.

Frauenberatungsstellen berichten von Gewalt, die nicht nur vom Partner der Frau, sondern auch von Sicherheitsbeamten der Unterkünfte ausgingen.

Die Unterbringung kann Gewalt begünstigen

In den vergangenen Jahren seit 2015 ging es erstmal darum, den Geflüchteten, die in Deutschland ankommen, eine Unterkunft zu stellen. Kaum jemand dachte dabei an die Gefahren, die geflüchteten Frauen auch in Deutschland drohen. 

Mittlerweile ist klar: Beengte Gemeinschafts- oder Notunterkünfte sind für niemanden gut, aber vor allem deshalb gefährlich für Frauen, da häusliche und auch sexualisierte Gewalt oft aus dem sozialen Nahraum hervorgeht. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gab 2017 Mindeststandards zum Schutz von geflüchteten Menschen in Flüchtlingsunterkünften heraus. Frauenberatungsstellen berichten seither von vereinzelten Verbesserungen der Situation, zum Beispiel gebe es in den Unterkünften teils schon ein Beschwerdemanagement.

Trotzdem bleibt Privatsphäre in vielen Notunterkünften Mangelware, die beengte Wohnsituation kann Übergriffe begünstigen.

Francis Montano, 22, holds her baby on the outskirts of a camp for Venezuelan refugees in Bogota, Colombia November 19, 2018. Picture taken November 19, 2018. REUTERS/Luisa Gonzalez

Bild: X06728

Experten sehen gravierende Mängel und fordern mehr Unterstützung

Das sagen auch Frauenberatungsstellen wie der Berliner Verein BORA. Stefanie Soine ist seit über neun Jahren die Leiterin der Frauenberatung von BORA e.V.

Soine stellt jedoch bei allen "durchaus erfolgreichen Anstrengungen", das vorhandene Hilfe- und Unterstützungssystem ausbauen zu lassen, nach wie vor "gravierende Mängel" im System fest.

In Berlin und bundesweit gebe es viel zu wenig Frauenhausplätze, sagt die 57-Jährige. Es brauche zudem kleinere, geschützte Wohneinheiten für alle von Gewalt betroffenen Frauen und dringend mehr therapeutische und psychologische Unterstützung.

Gerade die Lebenssituation von geflüchteten Frauen in deutschen Not- oder Gemeinschaftsunterkünften stufen sie und ihre Kolleginnen – trotz der Verbesserungen im letzten Jahr – nach wie vor als problematisch ein.

Soine fordert daher für die Gemeinschaftsunterkünfte:

„Eigene Räume für Frauen. Es muss eigene Sanitäranlagen geben, sodass Frauen gar nicht erst in die Bredouille kommen, sich in den Duschräumen aufhalten zu müssen, in denen die Kerle rumrennen. Es muss abends eine bessere Beleuchtung der Wege geben, auch in den Nacht- und Abendstunden muss Sicherheitspersonal da sein. Es müsste meiner Meinung nach eine Rundumbetreuung geben. Und dafür muss man mehr Geld in die Hand nehmen.“

Doch es gibt noch ein Problem:

Jede Frau muss die Gewalt als solche erst einmal erkennen

Zu Soine kommen hilfesuchende Frauen aus Deutschland, aber auch Frauen mit Fluchterfahrung. Sie berichtet von unterschiedlichen Problemlagen:

„Manchmal haben sie Kinder, manchmal nicht, manchmal „nur“ Ohrfeigen erlitten, manchmal direkt einen Schädel-Basis-Bruch.“

Was alle Frauen – ob aus Deutschland oder nicht – eint, ist die erste innere Hürde, die sie auf dem Weg zur Beratung meistern müssen: Nämlich die Gewalterfahrung als solche überhaupt identifizieren.

Dieses Problem kennt auch Dr. Doris Felbinger, die seit zweieinhalb Jahren Geschäftsführerin von BIG e.V. ist, der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen.

BIG e.V. berät Frauen, die von Gewalt betroffen sind, bietet unter anderem Schulungen, Präventionskurse und eine eigene Hilfe-Hotline an. Doris Felbinger sagt:

„Viele Frauen stecken so tief in den Situationen, dass sie Übergriffe oder häusliche Gewalt gar nicht als solche bewerten. Das fängt mit Entwürdigen der Frau an, die Frau wird kontrolliert, hat kein eigenes Geld, darf Freunde nicht treffen, Stalking ist zudem oft ein Tatbestand. Es gibt da in der Bandbreite alles, bis hin zu schweren körperlichen Übergriffen."

In den Jahren 2015, 2016 und 2017 kamen bei der BIG-Hotline je über 9.000 Anrufe von Hilfesuchenden aus Berlin an. Das sind oft die Frauen selbst, oft aber auch Unterstützerinnen und Unterstützer, sowie Fachkräfte wie die Polizei.

Felbinger bezeichnet diese Zahl "auf hohem Niveau", außerdem sei sie von 2016 auf 2017 leicht angestiegen. Für 2018 gibt es noch keine abschließenden Zahlen.

Für geflüchtete Frauen gibt es besondere Hürden

Die Barrieren, sich Hilfe zu holen, sind für Frauen, die schon lange oder immer in Deutschland leben, bereits hoch. Viele Frauen schämen sich oder suchen die Schuld für den Übergriff bei sich, sehen sich als Auslöser für die Gewalterfahrung.

Für Frauen mit Fluchterfahrung kommen aber noch weitere Hürden hinzu. Behördengänge, die fremde Sprache, Unsicherheit über den eigenen Aufenthaltsstatus. Geflüchtete Frauen brauchen daher besondere Unterstützung.

Felbinger erklärt:

„Es braucht für Frauen mit Fluchterfahrung oft Sprachmittler, eine Aufklärung über die eigenen Rechte, überhaupt: Wo geht man hin, an wen wendet man sich? Man ist mit dem gewalttätigen Partner hier, an dem eventuell auch der Aufenthalt hängt. Die Angst davor, in das Land zurückgeschickt zu werden, aus dem man geflohen ist, ist natürlich auch groß.“

Auch Stefanie Soine von BORA e.V. sieht darin – neben der Angst, dass ihnen nicht geglaubt oder geholfen wird – eine große Hürde für Betroffene: „Für die Frauen ist das ein unglaublich befremdlicher Behördendschungel, es gibt Sprach- und Verständigungshürden", sagt Soine. Viele Frauen hätten zudem Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen werden, sofern sie welche haben. Diese Angst teilen alle hilfesuchenden Frauen, so Soine.

Hinzukommt: Ein Großteil der Frauen (und Männer) sind bereits hochtraumatisiert, wenn sie in Deutschland ankommen, wie Soine berichtet.

"So viele Frauen haben auf der Flucht nach Deutschland Vergewaltigungen erlebt oder mitgekriegt, wie andere Frauen vergewaltigt, Kinder misshandelt oder andere Menschen getötet worden sind. Das Gros der Menschen, die hier ankommen, sind hochgradig traumatisiert. Und gerade diese Gruppe braucht so viel Unterstützung.“

Wie gelangt die Hilfe also zu geflüchteten Frauen?

Doch wie kann eine Frau, die in einer Geflüchtetenunterkunft lebt, überhaupt an Hilfe kommen? Selbst melden sich die Frauen in den seltensten Fällen. Oft sind es die Sozialarbeiterinnen in den Unterkünften vor Ort, die Kontakt zu den Frauen suchen und im Falle des Falles Übergriffe oder Ähnliches melden.

Stefanie Soine erklärt: „Eine Frau in der Flüchtlingsunterkunft kann sich aufgrund der Asylauflagen nicht einfach sonst wo hinbewegen. Wir werden informiert, bekommen einen Hilferuf und schauen, was wir für Möglichkeiten haben.“

Diese Möglichkeiten reichen von einer Wegweisung des Täters, bis zur Verlegung der Frau in ein Frauenhaus (sofern dort Platz ist) oder in eine andere Unterkunft. Klar ist: Die betroffene Frau muss so schnell wie möglich vom Täter getrennt und in Sicherheit gebracht werden.

Auf dem Weg vom Täter weg müssen die Frauen auch eine Vielzahl von Behördengängen absolvieren. Dort stoßen die Frauen aber so manches Mal auf "Unfreundlichkeit" und "Rassismus", berichtet Soine.

"Menschen, die als wahrnehmbar aus einem arabischen Land kommen, werden von vornherein in deutschen Behörden oft deutlich schlechter behandelt. Sie werden weggeschickt, unfreundlich behandelt, man muss oft viel mehr machen, um an die Mittel zu kommen, auf die die Frauen einen Anspruch haben.“

Nicht alle Behörden, aber auch nicht wenige seien so, sagt Soine. Deswegen brauchen die Frauen eine gute Beraterin an ihrer Seite, die um ihre Rechte weiß und diese auch durchsetzt.

Ein neues Leben – hoffentlich in Deutschland

Für jede Frau, die von Gewalt jeglicher Art betroffen ist, ist die endgültige Trennung vom Täter eine der letzten Hürden. Sowohl innerlich, als auch organisatorisch. Der mangelnde Platz in Berliner Frauenhäusern ist aktuell eines der größten Probleme, manchmal müssen auch Frauenberatungsstellen wie BORA e.V. die hilfesuchenden Frauen vertrösten oder an andere Stellen verweisen, sofern der Weg dorthin machbar ist.

Wenn der Täter der eigene Partner ist, ist es für viele Frauen noch schwieriger, sich zu trennen. Doris Felbinger von BIG sagt:

„Es braucht im Schnitt sieben Anläufe zu gehen, bis eine Frau ihren gewalttätigen Partner wirklich verlässt"

Doris Felbinger, BIG e.V.

Und im Fall von geflüchteten Frauen stellt sich oft die Frage: Gehen, aber wohin?

Von Gewalt betroffen zu sein, heißt für Asylbewerberinnen nämlich nicht automatisch, dass man in Deutschland bleiben darf. Es kann aber in einigen Fällen zu einem Abschiebeverbot führen, wie der Bundesverband der Frauenberatungsstellen (bff) schreibt. Nämlich dann, "wenn sie zu einer starken physischen und/oder psychischen Verletzung der betroffenen Person führt, die ein (Über)Leben im Herkunftsland unmöglich macht."

Viele Frauenberatungen arbeiten daher mit Rechtsanwältinnen und Anwälten zusammen, die sich auf Asylrecht spezialisiert haben und die Möglichkeiten der Frauen kennen.

Aber auch das hilft manchmal trotzdem alles nichts, wie Stefanie Soine berichtet:

"Wir haben schon die Erfahrung gemacht, dass Frauen, die in unserem Hilfe- und Schutzsystem sind, abgeschoben werden. Obwohl wir alles tun, um die größtmögliche Unterstützung zu stellen. Und sie werden dann doch abgeschoben. Weil der politische Wille gerade in eine andere Richtung geht.“

Auch Doris Felbinger von BIG würde sich neben einem schnelleren Asylverfahren und mehr mobiler Beratung für die Frauen wünschen, dass der Tatbestand häusliche Gewalt ein eigenes Aufenthaltsrechtsverfahren für die Frau rechtfertigt.

„Wenn sich eine Frau vom Täter trennen und eine gewaltfreie Zukunft möchte, ist das, wie ein komplett neues Leben aufzubauen", sagt Soine.

Und dieses neue Leben müssen viele der Frauen jetzt in Deutschland aufbauen.

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