Deutschland
Bild

Fieser, böser Aufkleber. Bild: Facebook

So trat die AfD eine fragwürdige Empörungs-Welle gegen eine Schule los

Die AfD will ein linksextremistisches Netzwerk in einer Hamburger Schule aufgedeckt haben. Die Schule ist fassungslos und wehrt sich gegen die Vorwürfe, Schüler und Lehrer würden eine vermeintliche "Antifa Area" dulden.

Eine Geschichte darüber, wie die AfD wirklich "wirkt".

Am Anfang war der Denunziant

Die Geschichte beginnt, so erzählt es die AfD, mit einer Mitteilung über das Meldeportal der Hamburger AfD-Fraktion. Die hatte im September des vergangenen Jahres eine Seite freigeschaltet, auf der sie Schüler und Lehrer dazu aufruft, "Verstöße gegen das Neutralitätsgebot" an Schulen zu melden. Kritiker sehen darin eine Denunziationsplattform. Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte noch im September: "Hier werden Kinder zu Denunzianten gemacht und einseitig für Anliegen der AfD instrumentalisiert."

Über dieses Portal will die AfD Hinweise erhalten haben, dass in der Hamburger Ida-Ehre-Schule linksextremistische Kräfte ihr Unwesen treiben. "Die AfD-Bürgerschaftsfraktion hat von verschiedenen Personen über das Informationsportal 'Neutrale Schulen Hamburg' konkrete Hinweise auf Aktivitäten einer verfassungsfeindlichen linksextremistischen Antifa-Gruppierung an der Ida Ehre Schule (IES) erhalten." So steht es in der "Kleinen Anfrage", die die AfD-Hamburg daraufhin Anfang März in der Hamburger Bürgerschaft stellt.

Zur Beweisführung sind der Anfrage Bilder von Antifa-Aufklebern auf Pinnwänden und Türen in der Hamburger Schule beigelegt. Hinweisgeber, so die AfD, hätten übereinstimmend über einen wachsenden und immer offeneren Einfluss der linksextremistischen Antifa-Gruppe 'Antifa Altona Ost' berichtet. Diese werde von einem Teil der Schüler unterstützt und von den Lehrern geduldet. Besonders auf eine Klasse würden sich die Aktivitäten konzentrieren. Es sei sogar eine "Antifa Area" eingerichtet worden, auf der "einschlägiges linksextremistisches Propagandamaterial" ausgestellt werde.

Die Behörde räumt auf

Tatsächlich wird nach der AfD-Anfrage die Hamburger Schulbehörde aktiv. In den Märzferien wird eine Begehung der Schule angeordnet. In der Antwort des Senats auf die "Kleine Anfrage" der AfD heißt es: "Die zuständige Schulaufsicht hat eine Begehung des Schulgebäudes Lehmweg 14 durchgeführt. Die genannten Plakate wurden nicht vorgefunden. Die Schulaufsicht hat die Hausverwaltung beauftragt, die genannten Aufkleber im Klassenraum und hinter der Eingangstür zu entfernen beziehungsweise die Wandaufschrift zu übermalen und hat sich von der unverzüglichen Aufnahme dieser Arbeit überzeugt."

Bei dieser "Begehung" wird das Kürzel "A.C.A.B." ("All Cops are Bastards") übermalt und der Sticker der "Antifa Altona Ost" von einer Pinnwand entfernt.

Die AfD feiert das als Erfolg. Es sei "ein linksextremistisches Netzwerk an einer Hamburger Stadtteilschule aufgedeckt" worden.

Bild

Bild: afd hamburg

Die Empörung im Netz über die angeblich linksextremistische Keimzelle in einer Hamburger Schule ist groß, die AfD verkauft ihr Meldeportal als investigativen Gefahrenmelder und das "Hamburger Abendblatt" springt auf: "Linksradikale betreiben ungestört Propaganda an Schule".

Dann melden sich Schüler und Schule selbst zu Wort.

Schule wehrt sich

Eine Schülerin der Klasse, die von der AfD in der Senatsanfrage besondere Erwähnung findet, erzählt am Mittwoch eine ganz andere Geschichte. Die "Mopo" hat ihre Stellungnahme im Wortlaut übernommen. Die Schülerin schreibt von einem Missverständnis. Die besagte Pinnwand in der mutmaßlichen "Antifa Area" sei als "Meinungswand" gedacht gewesen, die Schüler auch über extremes Denken miteinander ins Gespräch bringen sollte. "Der verantwortliche Lehrer hatte damit ein Projekt geplant, bei dem über das Aufkleben ALLER MÖGLICHEN Sticker einzelne Interessen gesammelt werden sollten, um darüber Parteiprofile zu ermitteln." Keinesfalls seien Schüler für politische Meinungen rekrutiert worden.

Das sieht auch die Schule so, die in den vergangenen Tagen durch die angebliche "Antifa Area" in die Schlagzeilen geraten war. In einer Stellungnahme erklärte sie, die Aufklebersammlung sei im Rahmen eines Projektvorhabens des Oberstufenprofils "Sich Einmischen – Kunst als kulturelle Kompetenz" entstanden. Die Unterrichtsplanung habe vorgesehen, nach den Frühjahrsferien im Rahmen des Themas "Europawahl – um welche Inhalte geht es eigentlich?" auch die Inhalte der "Wand" recherchieren zu lassen und zur Diskussion zu stellen.

Entsetzt sei man von Seiten der Schulleitung über den medialen Umgang. Es sei von Teilen der Presselandschaft die Sichtweise der AFD-Fraktion übernommen worden, ohne dass die betroffene Schule die Zeit hatte, faktenbasiert zu antworten.

Die Schüler seien in der Presse kriminalisiert und Lehrer entweder als naiv oder linksextrem bezeichnet worden. "Wir verwahren uns gegen derartige Darstellungen und halten fest, dass wir als Schulleitung stolz sind, Teil einer politischen, antifaschistischen Schulgemeinschaft zu sein."

Rückendeckung bekommen Schüler und Schule auch von Anna Gallina und Emilia Fester von den Hamburger Grünen. Sie kritisieren das Vorgehen der Behörden scharf. "Aus Aufklebern an der Schule abzuleiten, hier dürfe ungestört extremistisches Gedankengut verbreitet werden, ist absurd und völlig überzogen." Durch die aktuelle Empörungswelle laufe man Gefahr, sich "von irgendeiner rechten Partei den Diskurs diktieren zu lassen und ihr Denunziationsportal gesellschaftsfähig zu machen."

Insofern ist die Geschichte weniger eine Geschichte über eine Schule in Hamburg, in der Schüler und Lehrer durch eine Nähe zur Antifa auffallen. Vielmehr erzählt sie etwas darüber, wie es die AfD schafft, ihre Themen zu setzen und eine Welle der Empörung loszutreten. Was mit "Hinweisen" auf einem AfD-Petz-Portal begonnen hat, wurde über die Politik in die Behörden und schließlich in die Medien getragen.

#wirsindmehr – die Bilder des Konzerts

Diese vier Vorurteile füttern Rechtspopulisten

Play Icon

Das könnte dich auch interessieren:

"Hart aber Fair": Altmaier warnt vor "Klimapolizei" – und wird von Aktivistin verspottet

Link zum Artikel

Nach Höcke: ZDF will auch künftig über das berichten, was "AfD nicht gerne im Fokus sieht"

Link zum Artikel

Tiere: 11 Fotos, die zeigen, wie lustig es in der Natur manchmal zugeht

Link zum Artikel

Helene Fischer verdient an "Herzbeben" – Songwriterin verrät, was sie für den Hit bekam

Link zum Artikel

Hai pirscht sich an ahnunglosen Surfer heran: Dann kommt Hilfe – von oben!

Link zum Artikel

Brief ans Jobcenter: Hört auf, meine über 60-jährige Mutter in Jobs zu drängen

Link zum Artikel

Gottschalk über Helene Fischer und Florian Silbereisen: "Hatte immer schlechtes Gefühl"

Link zum Artikel

Bei Pressekonferenz nach BVB-Sieg: Favre merkt nicht, dass Mikro schon an ist

Link zum Artikel

Luke Mockridge macht Andrea Kiewel in seiner Show ein Angebot – die blockt ab

Link zum Artikel

Kontakt mit 2 Bundesliga-Stars – warum der FCB trotz allem keinen Lewandowski-Backup holte

Link zum Artikel

Luke Mockridge traf Kiwi kurz vor ZDF-Auftritt: Er täuschte beim "Fernsehgarten" alle

Link zum Artikel

Krankenschwester warnt bei Maischberger: "Wir laufen auf eine riesige Katastrophe zu"

Link zum Artikel

Luke Mockridge über die Folgen seines ZDF-Auftritts: "Meine Eltern erhielten Hassbriefe"

Link zum Artikel

Hartz-IV-Show "Zahltag": Wie die Sendung falsche Hoffnungen schürt

Link zum Artikel

Alleinerziehend mit Hartz IV: Achtjährige sammelt Flaschen, um Taschengeld zu bekommen

Link zum Artikel

"Zahltag": Buschkowsky erklärt, warum ein Geldkoffer Hartz-IV-Empfängern nicht hilft

Link zum Artikel

2 Handelfmeter? Darum gab es für die DFB-Elf gegen Nordirland keinen Videobeweis

Link zum Artikel

In Berlin gab es eine Notlandung mit mehreren Verletzten

Link zum Artikel

Helene Fischer und Thomas Seitel: Polizei spricht von Einsatz auf ihrem Anwesen

Link zum Artikel

7 Zitate, die zeigen, wie "bürgerlich" Alexander Gauland wirklich ist

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Doka 24.03.2019 08:21
    Highlight Highlight Ja, klingt doof. Aber man sieht halt überall ideologisch gefärbte Sachen. Zum Beispiel könnte man bei diesem Empörungstext mit Überreaktion der AFD darauf hinweisen das mir vom gleichen Magazin ein Text beworben wird über rechte Netzwerke in der Schule und die AFD Methoden, weil woanders ein Vater einen Schultext an eine rechte Plattform schickt.

    Leute haben Meinungen, extreme sind scheiße, und das gilt in alle Richtungen. Aber mit Journmalismus hat es nicht viel zu tun wenn man seine Meinung in ein "neutrales" Mäntelchen packt wie hier

Wie mein Vater zum AfD-Wähler wurde – und unser Verhältnis auf die Probe stellt

Wenn ich meinem Vater von den Spielplatz-Erlebnissen meines Sohns berichte oder von meinem kürzlichen Umzug nach Hamburg, antwortet er mit Textnachrichten wie "Die Migranten sind schuld" oder "Die Gerichte sind Sklaven der Politik". Solche wütenden Zeilen bestimmen heutzutage sein Denken. Sie tauchen in so gut wie jedem unserer persönlichen Gespräche auf, auch wenn es gerade eigentlich um etwas ganz anderes geht. Für meinen Vater (Anfang 60) erzählen sie wichtige Wahrheiten. Für mich …

Artikel lesen
Link zum Artikel