Deutschland
Jungen Menschen gehen trotz Coronavirus und Ausgangsbeschränkung weiter im Freien feiern.

Im Berliner Mauerpark war am vergangenen Sonntag viel los. Es gibt Gründe, warum Menschen immer noch in Gruppen zusammenstehen, trotzdem macht eine Ausgangsbeschränkung Sinn. Bild: imago images/Seeliger / snapshot-photography/ T.Seeliger via www.imago-images.de

Junge ignorieren Corona-Warnungen und ernten Wut – doch dahinter steckt so viel mehr

Hier in Berlin hat sich seit dem Coronavirus-Ausbruch wenig verändert. Die Straßen an U- und S-Bahn-Haltestellen sind weiterhin voll. Im Supermarkt drängen sich Menschen Schulter an Schulter. Und beim Dönerladen gegenüber sitzen Menschen dicht gedrängt auf den Bierbänken. 1,5 bis 2 Meter Abstand, wie es als Empfehlung überall heißt? Wohl kaum.

Natürlich ist es gut, auch mal die 50-Quadratmeter-Wohnung verlassen zu können, wenigstens für kurze 30 Spazier-, Jogging- oder Hunde-Minuten an der frischen Luft. Denn: Komplett eingesperrt zu sein in der Ein-, Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnung hält selbst die stärkste Partnerschaft nicht aus.

Nun überschlug sich am Freitag alles. Nach Freiburg und Mitterteich in Bayern kündigte Ministerpräsident Söder nun für ganz Bayern eine "Ausgangsbeschränkung" an. Das heißt, alle unnötigen Bewegungen vor der Haustür sind verboten. Einkaufen, zur Arbeit fahren und zum Arzt gehen indes noch erlaubt. Ebenso mit dem Hund rausgehen und spazieren. Er argumentierte mit der Unvernunft der Deutschen. Und verwies insbesondere auf die Jungen, die sich – wir sehen es aktuell überall im Fernsehen – in Parks, Cafés oder an Straßenecken zusammenfinden.

Junge vs. Alte – in vielerlei Hinsicht zwei Welten

Meist gehen die Begründungen in eine Richtung: gerichtet an die Jüngeren dieses Landes. Gerade sie würden das Ausgehverbot ignorieren und man bräuchte nun härtere Maßnahmen, heißt es. Klar, die vielgenannten Coronapartys werfen kein gutes Licht auf Menschen unter 30.

"Vielleicht ist es eine Frage, wie man sich selbst zuordnet: Gerade junge Menschen fühlen sich möglicherweise fernab ihrer Ursprungsmilieus einer größeren Gemeinschaft oder der Gesellschaft nicht verpflichtet. Sie fühlen sich ihresgleichen näher", erklärt Psychiater Michael Huppertz das Verhalten der Jungen in Deutschland gegenüber watson. Natürlich sind sie aber nicht die einzigen, die sich nicht an die Vorgaben halten.

Doch insbesondere bei den Jüngeren steckt mehr dahinter:

Auch wenn es unvernünftig und nun ganz offiziell nicht rechtens ist, einen Augenblick lang sollte man sich in sie hineinversetzen, Gründe suchen und verstehen. Ihnen zuhören. Denen, die bei Sonnenschein draußen im Park sitzen oder ein wenig Trost bei Freunden suchen. Die, die vielleicht noch keine eigene Familie oder einen Partner haben, mit dem sie zusammenwohnen. Sie fühlen sich besonders allein in diesen Zeiten. Zu ihren Eltern sollen sie nicht, zu den Großeltern dürfen sie nicht. Einen Partner haben sie vielleicht nicht, Kinder sowieso nicht. Einen Hund vielleicht. Aber der muss auch mal raus.

Komplette Isolation ist auch in Zeiten von Corona gefährlich für die Psyche

Frische Luft tut gut, das sagen aktuell auch die führenden Virologen wie Alexander Kekulé. Geschlossene, enge Räume verbreiten das Virus am besten. Ganz zu schweigen von der psychologischen Belastung, auf engstem Raum allein, zu zweit oder eben zu mehreren zu sein.

Auch Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité empfiehlt daher, rauszugehen. Aber: Unter Einhaltung der Sicherheitsempfehlungen, 1,5 bis 2 Meter Abstand, kein Körperkontakt, keine größeren Gruppen und natürlich immer die Hände waschen. Sprich: Pro Ausgangsbeschränkung, contra Ausgangssperre.

In seinem NDR-Podcast sagt Corona-Experte Drosten:

Es gibt keine wissenschaftlichen Daten, die sagen, dass man eine Ausgangssperre braucht. Es gibt Anfangsdaten zu all diesen Maßnahmen, aber am Ende sind all diese Dinge politische Entscheidungen."

Was spricht also dagegen, wenn einzelne Personen oder Zweiergruppen zusammen spazierengehen oder eine Runde joggen?

Nichts, so Markus Söder, der das in Bayern der Tage noch als zulässig bewertet und gestattet. "Für die Vernünftigen ändert sich gar nicht mal so viel", sagte er in der bayerischen Staatskanzlei, "aber für die Unvernünftigen gibt es jetzt ein klares Regelwerk." Er meint damit unter anderem die vielfach genannten Coronapartys, bei denen sich meist junge Leute in größeren Gruppen treffen. Hier hat er recht.

Freiheit ist wichtig, Ordnung aber auch

Doch: Oft kommt man dieser Tage auf den Gedanken, wie wertvoll Zwei- und Mehrsamkeit ist. Und wie wenig wir sie im stressigen Alltag oft zu schätzen wissen. Wie sich Schüler und Studenten in ihren Gruppen im Park sozialisieren. In diesen unsicheren Zeit in sichere menschliche Beziehungen flüchten. Vielleicht – und auch das wäre nachvollziehbar – weil sie die täglichen "Weltuntergangsmeldungen" wegen eines unsichtbaren Gegners nicht mehr sehen wollen. Oder können.

Dabei sind diese Meldungen wichtig. Nicht nur, damit wir informiert bleiben, wie es um Deutschland und die Welt in der Corona-Krise bestellt ist, sondern damit sie uns erden. Freiheit ist wichtig, Ordnung aber auch. Wir müssen beides gleichermaßen zu schätzen wissen. Und lernen, dass wir dieser Tage wieder um beides kämpfen müssen. Auch wenn das heißt, sich mehr oder weniger abzuschotten. Um am Ende nicht im Chaos zu enden. Wie beispielsweise Italien.

Auch Psychiater Huppertz erklärt, was eine Ausgangssperre auslösen würde:

"Wenn sie kommen sollte, fände ich das psychologisch zu nachteilig. Wir brauchen Abwechslung, Kommunikation, andere Themen, Natur, nicht Isolation, Grübeln und permanent schlechte Nachrichten. Nur zu Hause einsperren sollten wir uns nicht. Spaziergänge, auch gemeinsam mit anderen, sind in Ordnung – solange man körperlichen Abstand voneinander hält."

"Wir fahren das öffentliche Leben nahezu vollständig herunter"

Nach Bayern schränken nun auch andere Bundesländer wie das Saarland, Hessen, Baden-Württemberg das öffentliche Leben ein. "Wir fahren das öffentliche Leben nahezu vollständig herunter", sagte Söder mit strenger Miene. Auf die Straße darf man trotzdem noch. Um wenigstens zu zweit zu sein. Das ist gut.

Psychiater Huppertz sagt:

"Da wir, wie gesagt, noch keine Ausgangssperre haben, gibt es keinen Grund, die Menschen, die man dringend sehen möchte, nicht zu treffen. Wir sollten nur explizit bestimmte Verhaltensregeln festlegen. Wenn ich mit zwei Metern Abstand mit jemandem zusammen bin, können wir immer noch miteinander kommunizieren."

Was aber eben nicht mehr möglich sein wird, ist exakt das, was seit Tagen die Gemüter erhitzt: Coronapartys, volle Cafés in den Innenstädten und Menschen, die draußen in größeren Gruppen die Lage nicht ernst genug nehmen. Auch wenn sie sicherlich nicht absichtlich, andere Menschen anstecken wollen. Denn wer sollte das schon bewusst wollen?

Die Bundesregierung wird nachziehen – mit der Ausgangsbeschränkung. Immer mehr Bundesländer werden den Verzicht auf die Freiheit erklären und Angela Merkel dem Prozedere für uns alle zustimmen. Es wäre sowieso nicht mehr zu verhindern. Und am Ende auch das einzig Richtige.

(kiru/ Interview mit Michael Huppertz: ak)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Hansi Daurippel 21.03.2020 23:51
    Highlight Highlight Ich habe eine Idee. Statt Arbeitslose und Flüchtlinge sollte man die auf die Felder zum Spagelstechen schicken.
  • Rena Tellmann-porter 21.03.2020 14:16
    Highlight Highlight diese wohltandsgeschwätz zeigt leider, wie wenig man immer noch denkt, wir haben mit italien nichts zu tun? und auch die dumme sozialbetrachtung ärgert mich! junge unbedarfte können zu hauf ANDERE anstecken! es geht doch nicht darum, das man ihr leben eindämmen oder verurteilen will? kapiert hie rjetzt endlich mal jemand , das wir einer tödlichen unsichtbaren gefahr ausgesetzt sind, über die wir fast nur theoretisches wissen haben? die härte kommt erst jetzt in deutschland an..wacht endlich auf! es wurde genug diskutiert! handeln ist angesagt! schnell jetzt! denkt an ärzte , kliniken, man!!
  • Zweiundvierzig 21.03.2020 14:06
    Highlight Highlight In der Jugend ist man unsterblich - wo sind die Eltern und Vorbilder die hier eingreifen?
    Und die, die es besser wissen müssten sind auch nicht besser.
    Die Stadt voller Rentner - die Hauoptrisikogruppe - und gekauft werden aber keine Grundnahrungsmittel sondern Haarkur und Friseurtermine.
    Rücken einen Auf die Pelle und werden noch frech, wenn man den Sicherheitsabstand anmahnt.
  • Limo 123 21.03.2020 13:14
    Highlight Highlight Ja, jetzt sieht man die geistige Intelligenz mancher Leute .
  • Dorian 21.03.2020 12:50
    Highlight Highlight Das sind diejenigen, die am Freitag für´s Klima demonstrieren aber nicht wissen, für was sie demonstrieren. Daß sie mit ihrer Ignoranz sich selber und andere Gefährden kapiert diese Spezies nicht, Hauptsache ich habe Spaß und nach mir die Sintflut. Daß es ein "nach mir" sehr bald geben könnte dringt in diese Hohlbirnen nicht ein! Ich bin für die Ausgangsbeschränkung !!
    • Jaisalmer 21.03.2020 15:26
      Highlight Highlight Kannst du das bezeugen, dass das die gleichen Leute sind?
      Immer gleich die fff Bewegung beschuldigen, das macht der Dorisn gerne.
      Warum sind die dir eigentlich so ein Dorn im Auge?
    • Thorsten 21.03.2020 17:42
      Highlight Highlight Ihre Behauptung ist an Intoleranz kaum kaum zu überbieten. Die meisten Jugendlichen wissen sehr wohl was abgeht. Ihr Vergleich mit FFF zeigt ihre geistige Einstellung
    • Ansoko 21.03.2020 23:25
      Highlight Highlight Es sind nicht diejenigen, die freitags für eine sinnvolle Sache demonstrieren, die sich aufgrund von Corona jetzt besaufen und partys feiern, da schmeißen sie etwas bewusst durcheinander, es geht hier auch nicht um populistische Statements .
    Weitere Antworten anzeigen
  • dmark 21.03.2020 12:21
    Highlight Highlight Macht es den Jungen klar, dass auch sie durchaus Schaden davon tragen können. Wenn nicht sofort, dann u.U. in späteren Jahren, weil ihre Lunge vom Virus geschädigt wurde.

    https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_87565180/coronavirus-junge-generation-unterschaetzt-gefahr.html
  • stahlbau-grauerwolf 21.03.2020 11:29
    Highlight Highlight wenn ich das hier kommentiere, dann aus der Erkenntnis
    denn 2. Weltkrieg noch voll erlebt zu haben mit all seinen
    Einschränkungen
    und wir haben wieder Krieg nämlich im Kampf gegen einen von uns unsichtbaren Gegener, der Millionen
    Menschen den garaus machen können ohne Bomben, ohne Kanonengeschosse, ohne Raketen, ohne Gewehrkugeln etc.
    Die Menschen, die heute alle so unbekümmert durch die
    Welt laufen haben schlimme Zeiten noch nicht am
    eigenen Körper gespürt und erlebt.
    Diese Zum Teil Uneinsichtigkeit stimmt mich traurig.
    Offenbar geht alles nur in Funktion mit Verboten,
    Gebote reicht nicht.
    • Rena Tellmann-porter 21.03.2020 14:18
      Highlight Highlight das ist eine ansteckende immunkrankheit von jugend..sich unbesiegbar zu fühlen, nicht vorrausschauend agieren zu können..wieviel junge männer(kinder) sind im 2.weltkrieg stolz wie bolle in den krieg gezogen..kamen verstümmelt, geläutert, oder nicht mehr zurück..
  • Paul (3) 21.03.2020 11:21
    Highlight Highlight Wer intelligent ist, hält die Anordnungen und Verhaltensmaßregeln ein. Den anderen wird es eben verboten!
  • Ansoko 21.03.2020 10:51
    Highlight Highlight Wie will man denn die Daten der Fallzahlen auswerten, wenn sich niemand an die Bestimmungen und Vorsichtsmaßnahmen hält? Dass bei Nichteinhaltung die Zahlen der Infektionen explosionsartig in die Höhe gehen, konnte man ja nun wirklich auch ohne Langzeitstudien feststellen, auch wenn der Bürgermeister von Ischgl das anders sieht. Es ist nicht sehr vorteilhaft, wenn jetzt ein Virologe hergeht und diese Maßnahmen in Frage stellt, es gibt ohnehin schon viel zu viele, die meinen, sie wären immun und das Ganze wäre eh nur bewusst ausgestreute Panikmache.

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