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Virologe Dr. Martin Stürmer hadert mit der Kritik an seinem Berufsstand. Bild: screenshot zdf

Virologe bei "Markus Lanz" ratlos: "Weiß nicht, was passiert"

Restaurants öffnen langsam wieder, selbst in Fitnessstudios wird in einigen Bundesländern schon wieder trainiert. Und am Wochenende startet nach zwei Monaten Pause auch die Fußballbundesliga wieder. Die Meinungen dazu gehen auseinander. Zu schnell sagen die einen, endlich meinen die anderen. In der Talkrunde von Markus Lanz diskutierten Grünen-Chef Robert Habeck, Journalistin Claudia Kade, Borussia Mönchengladbachs Sportchef Max Eberl, Virologe Dr. Martin Stürmer und Politikerin Heike Horn über die aktuellen Entwicklungen in der Corona-Krise.

Lange Zeit war es still um die Grünen geworden. In der Corona-Krise war die Oppositionspartei von Robert Habeck einfach nicht so gefragt. "Wir wollten nicht in der ersten Reihe herumtanzen", rechtfertigte er die Stille, die von einem Großteil der Partei ausging. Doch eben nicht alle habe das so gesehen. Bestes Beispiel: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Der hatte mit gewagten Aussagen in der Corona-Krise für Aufsehen gesorgt. Nun bekam Habeck die Gelegenheit, noch einmal ausführlich dazu Stellung zu beziehen. Doch auf lange Diskussionen um seinen Parteikollegen hatte er keine Lust. Nur so viel: Einige von Palmers Aussagen halte er für falsch.

Palmer dürfe sich nicht wundern, dass seine als brutal angekündigte Aussage auch als brutal empfunden wurde. Damit wollte Habeck das Kapitel endgültig beenden. Lanz hatte jedoch andere Pläne und kam noch schnell auf das mögliche Parteiausschlussverfahren des Politikers zu sprechen. Dies sehe er nicht, positionierte sich Habeck klar. Doch Lanz hakte weiter nach, denn es gebe ja noch andere Parteimitglieder, die das womöglich anders sehen. Dass nicht doch auf irgendeiner Ebene etwas angestrebt würde, dafür könne Habeck seine Hand nicht ins Feuer legen, so der Politiker.

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Grünen-Chef Robert Habeck und Journalistin Claudia Kade Bild: screenshot zdf

Habeck fordert Flugverbot für Kurzstrecken

Der Grünen-Chef nutzte seine Redezeit bei Lanz auch, um sich politisch wieder stärker zu positionieren – auch über die Corona-Zeit hinaus. Er plädiert dafür, die Krise zu nutzen, um Klimaforderungen durchzusetzen. Konkretes Beispiel: der angeschlagene Lufthansa-Konzern, der auf staatliche Unterstützung hofft. Doch eine Unterstützung sollte, wenn es nach Habeck geht, immer mit einer Klimaforderung verbunden sein.

Sein Vorschlag: Ein Flugverbot für Kurzstrecken, wenn eine Strecke beispielsweise in vier Stunden mit der Bahn erreichbar ist. Allerdings sehe er diesen Vorstoß eher auf europäischer Ebene, denn niemand hätte etwas davon, wenn die Lufthansa bestimmte Strecken nicht mehr bedienen dürfte, stattdessen aber Ryanair oder Easyjet einspringen würden – mit womöglich schlechteren Flugzeugen.

Journalistin Claudia Kade kritisierte Habecks Vorstoß, jedoch nicht, weil sie eine europäische Lösung nicht grundsätzlich befürwortet, sondern weil der Lufthansa eben jetzt geholfen werden müsste. Eine europäische Lösung sei jedoch nicht innerhalb von vier Wochen auf die Beine gestellt.

Auch die wirtschaftlich so wichtige Automobilbranche solle durch die Corona-Krise nicht die Klimaziele aus dem Blick verlieren. Habeck machte noch einmal deutlich, dass auf E-Mobilität gesetzt werden muss. Kaufanreize für Benziner, wie sie von Markus Söder gefordert werden, hält er hingegen für den falschen Weg. Die Mobilität müsse komplett umgestellt werden. Dass dadurch auch viele Arbeitsplätze verloren gehen könnten, wie Markus Lanz einwarf, stritt er nicht ab.

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Markus Lanz hakte bei Habecks Forderungen nach. Bild: screenshot zdf

Virologe ist ratlos

Aber nicht nur Robert Habeck war in der Talkrunde gefragt. Mit Martin Stürmer war ein Virologe zu Gast, der aus eigener Erfahrung von einer Covid-19-Erkrankung berichten konnte. Und er warnt vor zu viel Leichtfertigkeit mit dem Virus. Er selbst hatte sich in Österreich beim Skifahren mit dem Coronavirus infiziert – auch ohne Après-Ski. Die Gefahr sich anzustecken, sei sehr hoch, auch ohne sich einem hohen Risiko auszusetzen, betonte er. Stürmer erzählte weiter:

"Letztlich ist alles gut verlaufen, aber ich weiß auch nicht, was nach der Infektion in meinem Körper weiter passiert. Ich hatte keinen Geruchs- und Geschmackssinn mehr."

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Virologe Martin Stürmer war selbst an Covid-19 erkrankt. Bild: screenshot zdf

Und er habe nach wie vor das Gefühl, das sein Geruchs- und Geschmackssinn auch nur teilweise zurückgekommen sei. "Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr so gut schmecke, wie ich es vorher getan habe", gestand er offen.

Dann äußerte Stürmer eine Vermutung, die aufhorchen ließ:

"Dementsprechend kann es sein, dass das Virus mehr Schäden anrichten kann und wird, als wir bis dato vermuten."

Infolgedessen würde er niemandem empfehlen aufgrund der vier Monate Erkenntnis, die man über das Virus erhalten haben, zu sagen: "wenn ich mich infiziere, da kann mir nichts passieren". "Das ist leichtfertig", schloss er.

Virologen sind die Deppen der Nation

Als Virologe habe er außerdem mittlerweile das Gefühl, der "Depp der Nation" zu sein. Das Problem sei, dass die Virologen und Epidemiologen immer direkt mit dem Virus assoziiert werden. "Ich bin nicht so betroffen, wie mein Kollege Christian Drosten, der schon Morddrohungen erhalten hat", sagte Stürmer.

"Als ob wir als Überbringer der schlechten Nachrichten gleich diejenigen sind, die geköpft werden", kritisierte er den aktuellen Umgang mit seinen Kollegen und sich selbst. Er sei Virologe, aber auch Staatsbürger. Die Einschränkungen träfen ihn genauso, betonte er. Aber er sehe sich nun mal auch in der Verantwortung, offen zu kommunizieren. Doch die Meinung und Einschätzung der Virologen sei plötzlich deutlich weniger gefragt. Von der Politik würde sie teilweise sogar zur Seite geschoben.

Statt mit Anerkennung hätten Virologen mittlerweile vermehrt mit Kritik à la Armin Laschet zu tun, der behauptete, sie würden ihre Meinung alle drei Tage ändern. Aber das lege nun mal in der Natur der Sache, denn das Wissen entwickele sich weiter und "das müssen wir verarbeiten und kommunizieren", machte er deutlich. Dass die Virologen auch von der Gesellschaft mittlerweile weniger angesehen werden, sei angesichts solcher Aussagen von Politikern nicht verwunderlich.

Die Lockerungen gingen Stürmers Meinung nach zu schnell – und vor allem wirkten einige auch nicht sehr durchdacht . Es sei gut gewesen, wenn man nach der Ankündigung der Lockerung noch etwas mehr Zeit für die Ausarbeitung der Umsetzung gelassen hätte, denn die sei im Detail nicht immer leicht. Man hätte lieber langsamer lockern und dann nachjustieren sollen, nachdem sich die tatsächlichen Auswirkungen der ersten Lockerungen gezeigt hätten. "Da wäre weniger sicherlich mehr gewesen."

(jei)

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