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Fast jeder in Deutschland kennt ihn mittlerweile: Christian Drosten, Virologe an der Charité Berlin. Bild: reuters / HANNIBAL HANSCHKE

Christian Drosten: Wer ist der Mann, der Deutschland Corona erklärt?

Wären die Umstände andere, dann könnte man Christian Drosten durchaus als einen Shootingstar bezeichnen. Angesichts der dramatischen Auswirkungen, die die Corona-Krise mittlerweile in Europa hat, wäre das allerdings unangebracht. Und dennoch – der etwas unscheinbare 48-jährige Virologe erfreut sich derzeit allgemeiner Beliebtheit und eines sprunghaft angestiegenen Bekanntheitsgrads.

Noch vor wenigen Wochen dürfte kaum jemand seinen Namen gekannt haben. Ganz anders heute: Wenn der Leiter des Instituts für Virologie der Charité Berlin in seiner für ihn typisch nüchternen, sachlichen Art über das Coronavirus spricht, hängen Millionen Deutsche wie gebannt an seinen Lippen.

"Die Wissenschaft ist nicht ein Schwarz-Weiß-Bild."

Christian Drosten über seine beratende Rolle als Wissenschaftler im NDR-Podcast vom 13.3.

Doch wer ist der Mann, dem in der Krise so viele Menschen vertrauen? Geboren wurde Drosten im Emsland. 1972 war das. Die Region kann man getrost als Pampa bezeichnen, sie liegt im Niemandsland zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Droste ist hier auf dem Bauernhof seiner Eltern aufgewachsen.

Anstatt den elterlichen Hof zu übernehmen, entschied er sich aber für ein Studium. Das Thema Viren interessierte ihn schon damals. Auf ein Studium der Chemie und Biologie folgte ein Medizinstudium. Er arbeitete am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, wo er unter anderem zu tropischen Viruskrankheiten forschte und leitete das Institut für Virologie am Universitätsklinikum in Bonn. Seit 2017 leitet Drosten das Virologie-Institut an der Charité in Berlin.

Schon bei der Sars-Bekämpfung war Drosten aktiv

Mit seiner Forschung zu Viren wurde er in Fachkreisen schon vor Jahren berühmt. 2003, da war er noch Nachwuchswissenschaftler, entwickelte er gemeinsam mit einem Kollegen als Erster ein Testverfahren für das Sars-Virus. Er wurde dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Dabei zeigte er schon damals, wie viel ihm an der Aufklärung der Öffentlichkeit liegt. Noch bevor er die Ergebnisse seiner Sars-Forschungen in einem wissenschaftlichen Magazin veröffentlichte, stellte er sie allgemein zugänglich für alle ins Internet. Transparenz ist ihm schon immer wichtig gewesen. Er publiziert daher auch in Wissenschafts-Zeitschriften wie "Eurosurveillance", die ihre Artikel frei zugänglich ins Netz stellt.

Auch für das neuartige Coronavirus, das erstmals im Dezember 2019 auftrat, entwickelte Drosten einen Test. Wieder verfuhr er damit sehr transparent: Das Verfahren stellte er weltweit zur Verfügung. Schließlich zeigt sich sein Engagement dafür, die Öffentlichkeit zu informieren, in seinen nun täglichen Podcasts beim NDR. Auch hier geht es nur um das Coronavirus und die zu erwartenden Auswirkungen.

Demütig und aufrichtig spricht der Virologe über Covid-19

Dabei beweist der Forscher auch eine Demut, die ihn noch sympathischer und vor allem vertrauenswürdiger macht. So hat er kein Problem damit, Fehleinschätzungen einzugestehen und zu korrigieren. Hatte er zunächst erklärt, die Ausbreitung des Virus werde durch die höheren Temperaturen im Frühling vermutlich verlangsamt, hat er sich diesbezüglich inzwischen korrigiert.

"Es ist ja so, dass wir immer dazulernen bei dieser Erkrankung."

Christian Drosten in seinem Podcast am 9.3.

Allergisch reagiert er dagegen, wenn man ihn falsch oder verzerrt wiedergibt. So wehrte er sich nachdrücklich gegen die Zuschreibung eines Zitats in der Sendung "Maybritt Illner". Es ging um die Aussage, dass das Virus wiederkommen könne. Das hätten vielleicht seine Kollegen gesagt, er aber nicht, so Drosten fast schon patzig. Auch seine Aussage zu Schulschließungen sah er von einigen Medien verkürzt wiedergeben. Er habe sich vor allem auf die Spanische Grippe bezogen, betonte er. Die heutige Situation sei aber anders.

Schon früh hatte er außerdem eine andere, erst jetzt beschlossene Maßnahme – das Verbot von Großveranstaltungen – gefordert. Zunächst vergeblich. Inzwischen hört die Politik auf ihn. Als Berater der Bundesregierung sitzt er in der Bundespressekonferenz neben Gesundheitsminister Jens Spahn und hat mit dieser neuen Funktion offensichtlich alle Hände voll zu tun: In seinem Podcast vergangenen Freitag sprach Drosten darüber, wie er zwischen Ministerien und Behörden geradezu hin und her eilt, um alle notwendigen Stellen zu beraten.

Aber auch Drosten ist schon in die Kritik geraten. Etwas Gegenwind brachte ihm zum Beispiel seine Aussage im Podcast, als er meinte, er würde auf frisch gezapftes Bier verzichten, um sich vor Ansteckung zu schützen (grundsätzlich übrigens, nicht nur zu Corona-Zeiten):

"Wenn ich in eine Kneipe gehe, bestelle ich seit vielen Jahren immer Bier aus der Flasche. Denn die Biergläser werden – das wissen wir alle – mal durchs Wasser gezogen, aber wie viel Spülmittel da noch drin ist, das möchte man gar nicht so genau hinterfragen."

Christian Drosten im Podcast vom 13.3.

Ein watson-Leser kommentierte auf unserer Seite dazu: "Die Aussage ist schlichtweg falsch. Heutzutage werden im Großteil der Gastronomie die Gläser thermisch und chemisch gespült in einer Gläserspülmaschine. Weiß ja nicht wo er sein Bier trinken geht." Ähnliche Hinweise fanden sich auf Twitter:

Drosten als Kanzler? Lieber ein verdienter Ruhestand

Ansonsten aber schaut die Bevölkerung zu ihm auf, fast wie zu einem Heiligen. Halb ironisch, halb ernst gemeint fragen sich User auf Twitter, ob er nicht Kanzler werden wolle. Direkt geantwortet hat Drosten auf solche Anmutungen bisher nicht. Es fällt aber etwas schwer, sich den akribischen, präzise denkenden Wissenschaftler als Politiker vorzustellen. Da sind schließlich andere Qualitäten gefragt, vor allem außerhalb von Krisensituationen.

Andere User wiederum bekommen offenbar Gelüste, wenn sie an Drosten denken:

Und hier würde jemand Drosten gerne auf ein Bier einladen. Aus der Flasche, selbstverständlich:

Was bleibt von Christian Drosten? Bereits jetzt kann man festhalten: Er hat große Verdienste geleistet, sowohl um die Wissenschaft als auch um die Aufklärung bedeutender Teile der Bevölkerung. Es bleibt trotzdem zu hoffen, dass er in nicht allzu ferner Zukunft wieder sanft aus dem Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit verschwindet. Ganz einfach, weil das Thema, von dem er am meisten versteht, dann hoffentlich auch verschwunden ist – für die meisten von uns jedenfalls.

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