Deutschland
Tuebingen 12.03.2020
Eine Aerztin (Mitte) mit Mundschutz und Schutzanzug und zwei Mitarbeiter des DRK Tuebingen besprechen am Corona-Drive-In auf dem Tuebinger Festplatz die Entnahme von Abstrich durch das Autofenster, Landrat Joachim Walter (hinten re) im Gespraech mit Dr. Lisa Federle (hinten li)
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Eine Ärztin mit Mundschutz und Schutzanzug und zwei Mitarbeiter des DRK Tübingen. Bild: Pressebildagentur ULMER / ULMER

Studie: Tatsächliche Zahl an Infizierten könnte 5 bis 10 mal höher sein

Wie viele Menschen haben sich bereits mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert? Schaut man auf die Zahlen der Johns-Hopkins-Universität, sind es aktuell in Deutschland etwas über 10.000 Infizierte. Das Robert-Koch-Institut sprach am Mittwochvormittag von rund 8200 gemeldeten Fällen. 1000 mehr als noch am Tag zuvor.

Bei diesen Zahlen kommt immer auch sofort die Frage nach der Dunkelziffer, also der echten Zahl an Fällen. Wie viele Menschen haben das Virus wirklich in sich, ohne dass sie selbst oder andere davon wissen?

Gibt es deutlich mehr Coronavirus-Infizierte als gedacht?

Eine Studie aus den USA kommt nun zu dem Ergebnis, dass die Zahl der tatsächlichen Fälle um das Fünf- bis Zehnfache größer sein könnte. Studienleiter Jeffrey Shaman sagte dazu laut dem Bericht: "In einigen Gesellschaften kommen zu Beginn einer Epidemie vielleicht zehn unentdeckte Fälle auf einen nachgewiesenen, in anderen sind es fünf." Über die genaue Zahl lasse sich streiten, die Größenordnung stimme aber im Großen und Ganzen.

Gemessen an der Zahl der Infizierten des RKI vom Mittwoch würde das bedeuten: In Deutschland leben bereits 41.000 mit dem Virus infizierte Menschen, mindestens.

Die Studie der Columbia-Universität nutzte einen Pandemie-Simulator, den Forscher mit den aus China übermittelten Infektionsdaten fütterten. Diese Daten von 375 chinesischen Städten stammen aus dem Zeitraum vom 10. bis 23. Januar, dem Tag, als die chinesische Regierung mit drastischen Maßnahmen auf die ungebremste Ausbreitung des Coronavirus reagierte. Die zu Grunde liegende Annahme der Studie ist: Die Zahl der positiv getesteten Fälle aus China kann nicht erklären, warum sich das Virus so schnell ausbreitete.

Das "Ärzteblatt", das ebenfalls über die Studie berichtet hat, weist hier darauf hin, dass es bei den Rückführungsflügen verschiedener Nationen wesentlich mehr Coronafälle gegeben hatte, als nach den bekannten Zahlen eigentlich erwartbar gewesen wäre.

Der Verdacht: Es muss mehr Fälle als die bekannten gegeben haben.

"Triebfeder der Epidemie"

Die Forscher der Studie gehen davon aus, dass vor dem 23. Januar 86 Prozent aller Infektionsfälle nicht dokumentiert wurden. Lediglich in 14 Prozent der untersuchten Fälle sei eine Erkrankung an Covid-19 erkannt worden.

Die undokumentierten Fälle seien, obwohl sie weniger ansteckend waren als die dokumentierten Fälle, zu 79 Prozent die Ansteckungsquelle für dokumentierte Infektionen gewesen, so die Forscher. Sie waren, so formuliert es das "Ärzteblatt", die "Triebfeder der Epidemie".

Das bedeutet: Auf jeden dokumentierten Coronafall kamen in China im genannten Zeitraum sechs Fälle, die nicht erkannt wurden.

Erklären lässt sich das unter anderem damit, dass Covid-19 in vielen Fällen nur milde Symptome ausbildet oder gar keine. Diese Menschen suchen keine ärztliche Hilfe auf und können also auch nicht als Infizierte erkannt werden. Weitertragen können sie das Virus aber durchaus. Und tun das auch. Wer sich nicht krank fühlt, das Virus aber in sich trägt, meidet nicht die Öffentlichkeit, obwohl er das zum Schutz der anderen sollte.

Nur eine Studie unter vielen

Das kann erklären, warum sich das Virus und die Krankheit so rasant in China verbreitet haben, bevor die Zentralregierung das öffentliche Leben stilllegte und die Stadt Wuhan abriegelte. Vor dem 23. Januar war in China wegen des Neujahrsfestes Hauptreisezeit. Viele Menschen trugen unerkannt das Virus weiter und halfen so bei dessen Verbreitung.

Es zeigt auch, warum es notwendig ist, flächendeckend Coronatests durchzuführen. Viele Infizierte wissen schlicht nicht, dass sie infiziert sind und werden es auch nie, weil sie selbst, oder ihre behandelnden Ärzte, ihre Symptome für die einer Grippe oder einer Erkältung halten. Dann unterbleibt ein Coronatest und der Virusträger kann, ohne es zu wissen, den Erreger verbreiten.

Da es sich hier allerdings nur um eine einzige wissenschaftliche Studie handelt, ist deren Aussagekraft noch gering. Darauf wies etwa Emanuel Wyler vom Max-Delbrück-Zentrum für Molekularmedizin in Berlin am Mittwoch in einem Thread auf Twitter hin.

"Unterschiedliche Studien kommen mit unterschiedlichen Methoden zu unterschiedlichen Ergebnissen", gibt Wyler zu bedenken. Verlässlich beantworten lassen werde sich die Frage, wie viele Menschen sich unentdeckt angesteckt haben (die Dunkelziffer), erst in einiger Zeit.

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