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Experte Michael Meyer-Hermann im "Heute Journal". Bild: screenshot zdf

"Epidemiologisch gesehen falsch": Forscher kritisiert Bundesregierung für Lockerungen

Die von der Bundesregierung und den Ländern am Mittwoch beschlossenen vorsichtigen Lockerungen der Corona-Maßnahmen stoßen auf unterschiedliche Resonanz. Einige hatten sich mehr erhofft und sind enttäuscht. Andere aber kritisieren, dass es noch zu früh dafür sei.

Zu den Kritikern zählt auch der Epidemiologe Michael Meyer-Hermann. Er sei erleichtert, dass die Strategie im Kampf gegen das Coronavirus im Wesentlichen beibehalten werde und es nur ein paar "Kompromiss-Einschränkungen" gegeben habe, sagte er am Mittwochabend im "Heute Journal". Der Epidemiologe arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Jede Lockerung sei falsch

Wie groß die Auswirkungen der Lockerungen, die unter anderem vorsehen, Geschäfte mit einer Ladenfläche bis 800 Quadratmeter wieder zu öffnen, ausfallen werden, könne er aber leider nicht beurteilen, so Meyer-Hermann weiter. Gleichzeitig betonte der Forscher:

"Epidemiologisch gesehen ist jede Lockerung falsch – auch diese Lockerung."

Zugleich zeigte Meyer-Hermann auch Verständnis für die Entscheidung der Bundesregierung sowie der Länderchefs. "Der Kompromiss kommt sicher daher, dass wir auch die Wirtschaft am Laufen halten müssen." Die Menschen im Einzelhandel kämpften ums Überleben und könnten die Miete nicht mehr bezahlen. "Das ist eine sehr schwierige Situation."

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Michael Meyer-Hermann hält jede Lockerung der Maßnahmen für falsch. Bild: Screenshot ZDF

Sein Ratschlag: Aufpassen und genau hinschauen. Die Zahlen seien jetzt gerade ganz gut. Vor allem nannte Meyer-Hermann die Reproduktionsrate, also die Zahl an Menschen, die ein Infizierter ansteckt. Derzeit liege sie bei eins. Schon leichte Veränderungen hätten aber dramatisch Folgen: Bei 1,1 sei das Gesundheitssystem im Oktober überlastet, bei 1,2 schon im Juli.

Zudem müsse man abwarten, ob das Osterwochenende die Raten nicht negativ beeinflusst habe. Viele seien eben entgegen aller Empfehlungen doch zu ihren Eltern gefahren. "Nach zehn Tagen wird man das erst sehen."

Vollbremsung statt angezogene Handbremse

Statt einer Lockerung plädierte der Wissenschaftler für das Gegenteil.

"Ich hätte es bevorzugt, wenn wir versucht hätten, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln eine totale Bremse zu ziehen, damit wir in absehbarer Zeit zu einer großen Normalität zurückkehren können."

Die Regierung vertrete offenbar den Ansatz, mit dem Virus zu koexistieren und solange durchzuschalten, bis es einen Impfstoff oder ein Medikament gebe. Man werde über lange Zeit mit angezogener Handbremse fahren.

"Das ist eine Philosophie, die uns lange bremsen wird. Unter wirtschaftlichen Aspekten finde ich das falsch."

Hoffnungen auf eine Herdenimmunität, die immer noch viele hegten, erteilte er außerdem eine Absage. "Wenn wir die Reproduktionsrate bei eins halten, bleibt unser Gesundheitssystem stabil und wir können die Kranken versorgen." Herdenimmunität, also das Immunisieren weiter Teile der Bevölkerung durch Ansteckung und anschließende Genesung, werde so aber nicht erreicht.

"In einem Jahr wären etwa eine Million Menschen infiziert und damit immun – wenn diese Immunität wirklich so lange hält, das wird ja gerade auch diskutiert." Für eine Herdenimmunität brauche es aber 50 Millionen Menschen. Selbst wenn zehn Millionen die Zielmarke wären, dauere es immer noch fünf Jahre, bis die Herdenimmunität erreicht sei. "Das ist kein Szenario, das die Wirtschaft aushält", gab der Wissenschaftler zu bedenken.

(om)

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