Deutschland
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Talkmaster Frank Plasberg hatte unter anderem Karl Lauterbach zu Gast bei "Hart aber Fair". bild: screenshot ard

"Hart aber fair": Lauterbach hat ausgerechnet, wie lange es dauert, bis alle geimpft sind

Dirk Krampitz

Trump sei abgewählt und ein Corona-Impfstoff gefunden. "Man könnte meinen, dass der liebe Gott wieder Spaß bei der Arbeit hat", sagt Frank Plasberg. Bis heute drohte ein Winter ohne wirkliche Hoffnung. Jetzt die Nachricht: Ein erster Impfstoff, "um den sich die Welt kloppt", ist fast fertig. Und darum hat Frank Plasberg das Thema bei "Hart aber fair" kurzfristig umformuliert. Aus "Ratlos in der Virus-Welle – Welcher Ausweg bleibt noch?" wurde kurzfristig "Durchbruch beim Impfstoff: Hoffnungsschimmer statt Horror-Winter?" Es diskutieren:

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Virologin Isabella Eckerle sieht im Impfstoff "ein Hoffnungszeichen". bild: screenshot ard

Glücklicherweise hatte Plasberg auch schon vor der Impf-News die Virologin Isabella Eckerle eingeladen. Sie bittet er, auch nach Zuschauerfragen, um eine sachkundige Einschätzung der Impfung. Sie betont, man müsse nicht misstrauisch sein angesichts des stark beschleunigten Zulassungsverfahrens. Die Geschwindigkeit gehe nicht auf Kosten der Sicherheit.

Das verkürzte Verfahren werden vor allem durch parallele Testphasen und schnelle Dokumentensichtung erreicht, sonst würde man eins nach dem anderen machen, aus finanziellen Gründen. Sie sieht in der Impfung "ein Hoffnungszeichen". Allerdings dürfe man sich nicht vorstellen, "dass der Impfstoff da ist und dann alle innerhalb weniger Wochen geimpft sind". Es sei auch nicht sicher, dass es eine sterile Immunität gebe. Also dass ein Geimpfter den Erreger auch nicht mehr weitergeben könne. Darum glaubt sie:

"Es wird sicher eine lange Übergangsphase geben, wo wir die Regeln beibehalten. Man darf sich das nicht so vorstellen: Der Impfstoff kommt und ab morgen können wir in unser altes Leben zurück."

Isabella Eckerle

Virologin bremst Hoffnungen: "Es bringt nichts, wenn man sich in ein Wunschdenken flüchtet"

Sie habe zwar absolut Verständnis dafür, wenn so manche im Sommer gehofft haben, dass es aus sei mit Corona. "Aber ich glaube, es bringt nichts, wenn man sich in ein Wunschdenken flüchtet." Einige asiatische Länder, Uruguay, Australien und Neuseeland seien erfolgreiche Beispiele für die Corona-Bekämpfung. "Einfach mal hingucken, warum haben die es geschafft und wir nicht", empfiehlt sie. Wenn man die Zahlen erst runtertreibe und dann wieder groß lockert, sei das wie bei einer Diät und dem Jojo-Effekt.

Lauterbach hat ausgerechnet, wie lange es dauert, bis alle durchgeimpft sind

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SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht ausnahmsweise mal nicht schwarz. Zumindest nicht nur. bild: screenshot ard

Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte und bekennender Corona-Pessimist, beginnt erstaunlich positiv: "Das ist ein Riesendurchbruch für Deutschland" ein "Gamechanger" sei der Impfstoff. "Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Impfstoff nicht wirklich gut wirkt, ist sehr gering", formuliert er lauterbachartig, wie er eben manchmal ist. Der Impfstoff sei schnell und in großer Menge produzierbar.

Die Bundesregierung hat 375 Mio. Euro in das Unternehmen Biontech investiert, das zusammen mit Pfizer den Impfstoff entwickelt hat. Ein europäischer Vertrag über 300 Millionen Impfdosen (zwei Impfungen im Abstand von drei Wochen sind pro Person nötig) ist kurz vor dem Abschluss. Aber Lauterbach wäre nicht Lauterbach, wenn er die Zuversicht nicht auch wieder mit seinem Realismus abbremsen würde:

"Wir werden auf Maske und Abstand nicht verzichten können. Bis wir zur Herdenimmunität durchgeimpft haben, vergeht mindestens ein Jahr."

Karl Lauterbach

Und das unter Idealbedingungen von sportlichen sechs Minuten Dauer pro Impfung in 60 Impfzentren bundesweit mit Samstag und Sonntag frei, hat Lauterbach selbst nachgerechnet. Mit der Impfung für Normal-Bundesbürger ohne Risiko-Faktor und/oder Pflege- bzw. systemrelevanter Tätigkeit geht er erst im 3. Quartal von 2021 aus.

Unschöne Worte: "Das nächste Jahr wird ein Jahr der Einschränkungen"

Allein die Impfstoffhandhabe sei nicht ganz einfach. Das Mittel müsse bei 70 Grad minus mit GPS-Verfolgung und mit Hilfe der Bundeswehr verteilt werden. "Die nächsten Monate werden sehr hart und das nächste Jahr wird ein Jahr der Einschränkungen", so Lauterbach.

Lauterbach: "Mit der jetzigen Strategie laufen wir von Lockdown zu Lockdown"

Bei der Nachverfolgung von müsse man sich "sehr stark auf die Cluster konzentrieren" statt auf Einzelfallverfolgung. "Mit der jetzigen Strategie laufen wir von Lockdown zu Lockdown." Und auch die Sozial-Kontakte müssten unbedingt um 75 Prozent abgesenkt werden, "sonst kommen wir aus dem Shutdown nicht hinaus", sagt Lauterbach. Ganz schön ernüchternde Worte nach einer Impf-Meldung, die für so viel Optimismus gesorgt hatte.

Plasberg konfrontiert ihn natürlich auch nochmal mit seiner vielzitierten Aussage, dass angesichts der Infektionszahlen die Verletzlichkeit der Wohnung "kein Argument" mehr sein dürfe. Es gab einen wahren Shitstorm. Und Lauterbach präzisiert nun oder schwächt ab, dass er das mit der Wohnung "nicht mit der Ramme wie beim Anti-Terror Einsatz", sondern mit Polizei wie bei nächtlicher Ruhestörung gedacht habe. "Diese Kontrollen sind notwendig, aber die Unverletzlichkeit der Wohnung habe ich nie infrage gestellt."

Restaurant-Besitzer und TV-Koch Steffen Henssler dachte angesichts der Impf-Meldung am Morgen "erst Halleluja". Nun, am Abend, denkt er aber: "Klar ist es eine tolle Nachricht, aber dass man jetzt sagt, das Thema ist gegessen, das sehe ich noch nicht." Er fragt sich immer noch, warum man "mit einem schmierigen Baumwolllappen vor dem Mund in einem vollen Bus fahren darf", er aber trotz Hygienekonzept sein Restaurant dicht machen muss. "Ich verstehe, dass man was machen muss, aber dann kann man sich nicht nur ein bisschen was rauspicken." Für ihn sind die Restaurants offenbar Bauernopfer.

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TV-Koch Steffen Hanssler ist skeptisch. bild: screenshot ard

Skeptisch sehen das Schließen der Restaurants auch 57 Prozent der Bundesbürger, sagt Plasberg. Und dann lehnt sich der Moderator weit aus dem Fenster. Zwar gab es vom RKI eine Grafik zu verschiedenen Ansteckungswegen, in dem auch Restaurants ganz weit unten aufgeführt wurden, Zahlen hat die Redaktion aber nicht bekommen. "Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber die richtigen Zahlen bekommt man nicht vom RKI", kritisiert der Moderator die Bundesbehörde vieldeutig.

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Die Journalistin Kristina Dunz hatte Corona. bild: screenshot ard

Die Journalistin Kristina Dunz erzählt dann nochmal im Einzeltalk die Geschichte, wie sie immer Corona-Abstand gehalten hat, bis auf einmal, wo sie bei einem Familienfest einen Tisch mit ihrer Schwester getragen und sie dabei angesteckt hat.

Plasberg ermahnt Kubicki

Ihre Geschichte war vor zwei Wochen fast gleich in Fragen und Antworten bei Markus Lanz im ZDF zu hören. Vielleicht saß da auch schon Wolfgang Kubicki vor dem Fernseher. Jedenfalls fängt er offenbar wenig interessiert an, im Hintergrund zu quatschen. Im TV hört man es nicht, aber Plasberg hört es und unterbricht Dunz.

"Ich muss erstmal Herrn Kubicki rügen", kündigt der Moderator genüsslich an. Und dann schwingt er sich auf: "Was würde man im Bundestag sagen?", fragt er den Vizepräsidenten des Parlaments. Der versteht ihn aber wohl nicht richtig und antwortet erstmal: "Das würde einen Eintrag ins Klassenbuch geben." Aber Plasberg lässt nicht locker in seinem Erziehungsversuch. "Ich dachte mehr an den Bundestag." Und dann leistet Kubicki eben doch noch vollständige Abbitte: "Herr Kollege, konzentrieren wir uns auf das Wesentliche und das bin in diesem Falle nicht ich, sondern das sind Sie."

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Wolfgang Kubicki muss Abbitte leisten. Bild: Screenshot ard

Vielleicht war diese Zurechtweisung auch eine Retourkutsche von Plasberg, denn der hatte zuvor versucht, ein bisschen zu zündeln und Kubicki provokativ gefragt: "Warum will man warten, bis aus Impfgegnern Corona-Leugner werden" und so etwas unmotiviert nach einer Zwangsimpfung gefragt. Doch Kubicki, der sonst immer gern für provokante Ansichten zu haben ist, ließ Plasberg abblitzen: Mit Impfzwang würde man das logistische Problem, das es bei der Impfung so schon gebe, "exponentiell vergrößern". Sein Fazit: "Für Polizei und Gericht ist das von der Größenordnung gar nicht machbar."

Mit seinen Zuspitzungen lief Plasberg in dieser Sendung auch bei Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) ins Leere. Mit dem Arzt und Politiker wollte er eine Kontroverse um die Impfreihenfolge von Bevölkerungsgruppen heraufdiskutieren. "Darüber müssen wir doch heute noch nicht streiten", antwortete er hanseatisch-reserviert, das würde alles noch dauern.

Aber eigentlich kann Plasberg das auch egal sein. Denn trotz seiner gescheiterten Provokations-Versuche war es diesmal ein informativer und unterhaltsamer Talk über Durchschnitt.

Hitziger Sprach-Talk bei "Hart aber fair": Nicht mehr Junge, sondern "Kind mit Penis"?

Frank Plasberg gönnt sich eine Corona-Pause und beackert bei "Hart aber fair" ein ganz anderes Thema: "Streit um die Sprache: Was darf man noch sagen und was besser nicht?" Zigeunersauce und Mohrenstraße gelten heute als rassistisch, finden die einen, die anderen beklagen sich, dass man "gar nichts mehr sagen" dürfe.

Frank Plasberg findet "lebenslanges Lernen ist nichts Schlechtes" und bezieht sich damit auf die Sprache. Aber so ganz überzeugt scheint er davon nicht zu sein. Denn er zitiert …

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