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Grünen-Politiker Boris Palmer gerät in der Debatte ins Kreuzfeuer. Bild: screenshot zdf

"Zynisch": Boris Palmer bekommt bei "Lanz" heftige Kritik für Aussage

alexandra karg

Die ersten Pharmafirmen haben die Zulassung von Impfstoffen gegen das Corona-Virus angekündigt, die EU schloss erste Verträge zur Verteilung der Impfdosen, doch damit ist die Krise längst nicht in den Griff gebracht. Wie gehen wir speziell mit Senioren und Menschen aus den sogenannten Risikogruppen in der Pandemie um? An dieser Frage entbrannte an diesem Abend die Diskussion in der Sendung "Markus Lanz". Grünen-Politiker Boris Palmer war schon vor der Sendung für seine polarisierenden Aussagen bekannt. Doch auch in dieser Talkshow stand er recht allein da mit seinen Argumenten. Und noch eine bekam an diesem Mittwochabend ihr Fett weg: die SPD – und stellvertretend für sie auch Politiker Franz Müntefering.

Dies waren die Gäste bei „Markus Lanz“ am 11. November 2020:

Franz Müntefering lehnt den Begriff "Risikopatienten" ab

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Franz Müntefering sieht sich selbst nicht als Risikopatient. Bild: zdf screenshot

Die Reihe an unzähligen Talkshows zum Thema Corona setzte sich auch an diesem Mittwochabend bei Markus Lanz fort. Diesmal ohne Virologinnen und Virologen in der Runde. Stattdessen wurde die Pandemie diesmal vor allem aus politischer Sicht diskutiert. Dabei stand besonders ein Aspekt im Zentrum: der Schutz der Älteren in der Gesellschaft. Sie bilden einen großen Anteil sogenannter Risikogruppen – ein Wort, das SPD-Politiker Franz Müntefering für sich selbst und auch für andere ablehnt, wie er zu Beginn der Sendung zugab.

"Ich mag das Wort der 'Risikogruppe' gar nicht", erklärte Müntefering. Es sei sehr unklar, was damit eigentlich gemeint sei: "Manche sagen, das ist eine Altersfrage, manche sagen, das ist eine Sache der Vorerkrankung." Selbst im Alter von 80 Jahren fühle sich Müntefering "nicht als hochgradiger Risikokandidat".

Franz Müntefering war sich sicher: Ältere in der Gesellschaft seien nicht grundsätzlich stärker von der Pandemie betroffen als jüngere Menschen.

"Ich glaube, dass Familien mit aufwachsenden Kindern mindestens genauso viele Probleme haben in dieser Situation wie viele ältere Menschen, die erkrankt sind."

Zwar hätten nicht alle älteren Menschen eine Rente, von der sie leben können, jedoch befänden sich viele in einer gesicherten sozialen Situation. Überhaupt sei die Debatte und die Wahrnehmung älterer Menschen in der Diskussion über das Corona-Virus eher unreflektiert, meinte Müntefering. "Das ist eine Verkürzung dessen, was Altsein ausmacht, was überhaupt nicht einigermaßen realistisch beschreibt, wie vielfältig diese ältere Gesellschaft ist und wie rational und vernünftig ganz viele von den Älteren mit dieser Situation umgehen und auch den anderen helfen."

"Zynisch": Boris Palmers Satz steht in der Kritik

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Boris Palmer stand mit seiner Meinung ziemlich alleine da. Bild: screenshot zdf

Ein kurzer Einspieler in der Sendung wühlte im Anschluss noch einmal das "Wespennest" auf, wie Markus Lanz es nannte, in das Grünen-Politiker Boris Palmer bereits im Frühjahr gestochen hatte. Palmer stand damals für die Aussage in der Kritik, man schütze in der Corona-Krise eventuell Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären. Damit meinte Boris Palmer vor allem den älteren Teil der Gesellschaft. Bei "Markus Lanz" stand nun die Frage im Raum, ob der Aufschrei, der auf diese Aussage folgte, gerechtfertigt war.

"Ja, vollkommen zurecht", ist sich Journalistin Anja Maier sicher. "Das war ein zynischer Satz." Zwar habe sich Palmer für seinen Satz später entschuldigt oder diesen zumindest relativiert, jedoch gelte laut Maier: "Das war ein schwieriger Moment in dieser pandemischen Phase." Sie erklärte weiter:

"Das war ein echter Tiefschlag. Das fand ich richtig schwierig und das hat dieser gesellschaftlichen Debatte nicht gutgetan."

Auch Franz Müntefering schloss sich der Kritik der taz-Journalistin an. Der Politiker nannte die Aussage Boris Palmers "überhaupt nicht akzeptabel." Müntefering erläuterte seine Kritik wie folgt: "Das Recht auf Leben kann man nicht messen daran, wie alt jemand ist."

Palmer versicherte daraufhin, dass er diesen Satz nicht noch einmal wiederholen würde, auch wegen der rund hundert Morddrohungen, die er daraufhin erhalten habe. Der Grünen-Politiker erklärte anschließend jedoch auch: "Das war natürlich nicht gut. Aber wenn Sie die Szene weiterlaufen lassen würden, dann wäre eigentlich der Punkt gekommen, um den es mir ging. Ich wollte eigentlich auf ein Dilemma aufmerksam machen, das zutreffend war: Die Lockdown-Strategie global betrachtet kostet möglicherweise mehr Leben als sie schützt."

Palmer verwies auf Angaben der UN, wonach die globalen Lockdown-Maßnahmen vor allem Kinder und arme Menschen in Gefahr gebracht hätten und bestehende Hilfsstrukturen der vergangenen Jahrzehnte teilweise zerstört hätten.

Journalistin Anja Maier: "Das glaube ich ehrlich gesagt nicht"

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Journalistin Anja Maier widersprach Palmer immer wieder. Bild: screenshot zdf

Palmer stellte anschließend mit Verweis auf Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen eine Rechnung an, die eine solch negative Bilanz belege. "Als gelernter Mathematiker finde ich das nicht zynisch, sondern nötig", verteidigte sich Palmer. Darauf hinzuweisen, konkrete Zahlen als Entscheidungsgrundlage zu verwenden, sei bei der Aussage im Frühjahr sein einziges Anliegen gewesen.

Hier widersprach Anja Maier dem Grünen-Politiker sofort:

"Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe den Eindruck gehabt, dass Sie durchaus Emotionen schüren – und das alles auf einer Zahlenbasis."

Palmer versicherte noch einmal, er hätte keinen politischen Hintergedanken gehabt bei dieser Aussage. "Aber was ist denn dann ihre Schlussfolgerung daraus?", wollte Maier daraufhin von ihm wissen. "Die Schlussfolgerung ist erstens, die Heime zu schützen. Wenn da die meisten Menschen sterben, dann muss man diese schützen. Und die zweite Schlussfolgerung ist die Frage: Gibt es Maßnahmen, die weniger Schaden anrichten und mehr Nutzen generieren? Und das sind Abwägungen, die ich als Mathematiker für nötig halte."

Palmer versicherte noch einmal: "Ich hab eine eigene Meinung, einen eigenen Willen. Und ich sage das ohne Spin – auch wenn das in Berlin manchmal vielleicht überraschend kommt."

Doch auch der Astrophysiker Heino Falcke äußerte seine Bedenken gegenüber der zahlenbasierten Herangehensweise Boris Palmers und verdeutlichte noch einmal die Gefahr von exponentiellem Wachstum in der Corona-Pandemie anhand einer beispielhaften Überschwemmung eines Fußballstadions. Falckes Lehre aus seinem bildhaften Beispiel: "Wir sitzen zusammen in dem Stadion. Einzelne herausnehmen finde ich da schwierig." Man könne eine solche Pandemie nicht nur mit Zahlen angehen, denn es gehe um Menschen. Markus Lanz nannte die Diskussion ein "moralisches Dilemma".

SPD-Politiker Franz Müntefering verwies anschließend noch einmal auf die Schwierigkeit der politischen Praxis und kritisierte Palmer damit erneut:

"Das ist ein sehr komplexes Feld insgesamt. Und man muss miteinander lernen und muss auch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen und das Gerede über die älteren Menschen vermeiden."

Boris Palmer: "Einsam sterben kann noch schlimmer sein als der Tod"

Nachdem Boris Palmer noch einmal verdeutlicht hatte, dass Empathie für ihn nicht die richtige Strategie sei, um eine Pandemie zu bekämpfen und stattdessen die Zahlen die einzig wahre Grundlage, stelle er die Corona-Strategie vor, die er als Bürgermeister von Tübingen seinen Angaben zufolge seit Monaten erfolgreich verfolgt. "Boris Palmer macht in seiner Stadt etwas, wo es genau darum geht, das Leben möglichst lange zu erhalten – aber anders", leitete Markus Lanz diesen Teil der Sendung ein.

Zusammengefasst bedeutet dies: Palmer hat in Tübingen den Schutz der älteren Gesellschaft zum wichtigsten Element in der Corona-Bekämpfung gemacht. Dazu gehörten laut Palmer regelmäßige Corona-Tests von Pflegepersonal und Schnelltests für Besucher in Pflegeheimen. "Der Unterschied ist eben: Einsam sterben kann noch schlimmer sein als der Tod", erklärte Palmer gegenüber Markus Lanz und den anderen Gästen. Darüber hinaus habe die Stadt mit Einzeltaxis, Einkaufszeiten und der Bereitstellung von Masken für Menschen ab 65 Jahren an den Schutz Älterer appelliert. Palmers Credo: "Ich finde, wir müssen ältere Menschen als Gemeinschaft dabei unterstützen, sich selbst besser zu schützen."

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Franz Müntefering glaubt, die Corona-Krise treffe ältere Menschen gleichermaßen wie Jüngere. Bild: screenshot zdf

Trotz der laut Boris Palmer positiven Erfolge dieser Appelle ließ sich Franz Müntefering von dessen Vortrag seiner Corona-Strategie nicht überzeugen. Münteferings Kommentar dazu fiel stattdessen eher knapp und etwas spöttisch aus: "In der Tendenz ist da schon etwas, wo man sagen kann, guckt hin, achtet einfach aufeinander. Aber zwischen 11 und 12 Uhr sind die Alten sowieso immer beim Einkaufen."

Anja Maier über die SPD: "Man spürt die tiefe Kluft in der Partei"

Nachdem alle Gäste in der Runde ihre Position zu diesem Thema damit endgültig klargemacht hatten, packte Moderator Markus Lanz gleich die Gelegenheit beim Schopf und stellte Franz Müntefering die Kanzlerfrage: "Was wäre Olaf Scholz für ein Kanzler?" "Ein guter", antwortete Müntefering schnell. Friedrich Merz dagegen – und das ist aus Sicht eines SPD-Politikers auch kein Wunder – ordnete Müntefering dagegen in niedrigerer Position ein: "Er ist vielleicht ein guter Wirtschaftsminister im Kabinett von Olaf Scholz oder so."

Doch nicht nur gegenüber den Mitgliedern der CDU äußerte sich der Politiker spöttisch – auch an der Spitze seiner eigenen Partei ließ Müntefering kein gutes Haar, besonders an Saskia Esken. Diese sei ja eh erstmal nur für zwei Jahre gewählt, ließ Müntefering verlauten. "Sind Sie froh, Saskia Esken an der Spitze zu haben?", fragte Markus Lanz direkt nach. "Das ist keine Frage von Frohsein", gab Müntefering daraufhin zu. "Ich habe Ihnen ja gesagt, ich hätte für Olaf Scholz gestimmt. Insofern war das für mich nicht die erste Wahl."

Hier klinkte sich Polit-Journalistin Anja Maier in die Diskussion ein und bemerkte: "Das sind schon Abgründe. Man spürt die tiefe Kluft in der Partei. Das tut richtig weh, das jetzt nochmal live zu erleben. Im Grunde haben Sie gesagt, die ist auch bald wieder weg, die Vorsitzende. Das ist eine Haltung, die leider nichts Gutes hoffen lässt für die Wahl für die SPD."

Doch nicht nur die Aussagen Franz Münteferings kritisierte Anja Maier in der Sendung. Sie verwies auch auf einen Kommentar Saskia Eskens, die einen Tag vor der Wahl Olaf Scholz‘ zum SPD-Kanzlerkandidaten erklärt hatte, sie könne sich auch eine Regierung mit den Grünen an der Spitze vorstellen. Anja Maier beklagte: "Da muss man fragen: Was stimmt nicht mit euch in der Partei, was ist da los? Jetzt habt ihr die Machtoption und trotzdem führt ihr dieses öffentliche Schauspiel auf." Die Journalistin urteilte: "Das finde ich auch wirklich bedauernswert."

Franz Müntefering versuchte daraufhin die Klage an die SPD mit einem Witz zu retten als er bemerkte: "Deshalb bleibe ich auch bei der SPD dabei, wir sind zwar die älteste Partei – aber wir sind kein Risikofaktor für das Land." Zwar spannte Müntefering damit einen schönen Bogen zum Anfang der Sendung. Sein Witz blieb jedoch unverstanden. "Was sollen Sie damit sagen?", fragte Anja Maier. Es blieb, wie so vieles in dieser Sendung, letztlich offen.

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