Portrait of a nurse wearing protective mask and body combination look on at Tenon hospital on March 28, 2020 in Paris as the country is under lockdown to stop the spread of the Covid-19 pandemic caused by the novel coronavirus. Photo by Raphael Lafargue/ABACAPRESS.COM |

In einem Facebook-Post klagt eine Krankenschwester die Zustände in den Kliniken an (Symbolbild). Bild: picture alliance / abaca / Lafargue Raphael/ABACA

Berliner Krankenschwester: "Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken"

Die Pflegekräfte in den Krankenhäusern stehen an vorderster Front im Kampf gegen das Coronavirus. Menschen im ganzen Land danken es ihnen mit Applaus-Aktionen auf den Balkonen – doch einer Berliner Krankenschwester reicht das nicht. Ihr emotionaler Appell auf Facebook ging viral.

"Euer Klatschen könnt ihr euch sonst wohin stecken, ehrlich gesagt", schrieb die 28-jährige Krankenpflegerin Nina Magdalena Böhmer am Montag. "Tut mir leid, es so zu sagen, aber wenn ihr helfen wollt oder zeigen wollt, wie viel wir Wert sind, dann helft uns, für bessere Bedingungen zu kämpfen!"

In einem Gastbeitrag für den "Tagesspiegel" erklärte die 28-Jährige am Samstag, sie wisse, dass die Geste auf dem Balkon nett gemeint sei. "Aber glaubt mir: Es verändert absolut nichts."

Seit sie 16 Jahre alt sei, arbeite sie in der Pflege, seit zwei Jahren auf einer peripheren Station in einer Berliner Klinik.

Krankenschwester: "Ich fühle mich verarscht und ich kann es nicht fassen"

In ihrem Facebook-Post kritisiert sie die schlechte Ausstattung in den Krankenhäusern, die miese Bezahlungen und auch das Robert-Koch-Institut.

Hier der ganze Facebook-Post:

Fassen wir mal zusammen.

Erst sollen wir einen Mundschutz und Schutzkittel für mehrere Patienten benutzen.

Wir sollen weiter arbeiten, wenn wir Kontakt zu einem Corona/Covid-19 Patienten hatten.

Dann werden Personaluntergrenzen ausgesetzt, für die lange gekämpft wurde. Das heißt, scheißegal, es könnte eine Pflegekraft 50 Patienten betreuen.

Dann sagt Herr Spahn, es geht gar nicht um die Bezahlung in dem Beruf, es ist nur wichtig, den Job attraktiver zu machen.

Und jetzt müssen wir nicht mehr in Quarantäne nach Kontakt, wir können schon früher zur Arbeit gerufen werden, sagt das RKI! Diejenigen, die hier empfehlen, dass am besten alle zu Hause bleiben sollen wegen dem gefährlichen Virus! Schämt euch, diejenigen, die das RKI hoch in den Himmel heben!

In einem Beruf, der jahrelang unterbezahlt ist... wo alle am Limit arbeiten... wir sollen jetzt die Helden sein und werden so behandelt?

Eigentlich sollten genau jetzt alle Pflegekräfte ihren Job kündigen!

Ich bin richtig doll traurig und enttäuscht, ich fühle mich verarscht und ich kann es nicht fassen. Ich bin ernsthaft sprachlos.

Vielleicht kann man jetzt meine Posts verstehen... ich bin sauer. Und euer Klatschen könnt ihr euch sonst wohin stecken, ehrlich gesagt... Tut mir leid, es so zu sagen, aber wenn ihr helfen wollt oder zeigen wollt, wie viel wir Wert sind, dann helft uns, für bessere Bedingungen zu kämpfen."

Nachts kann sie meist nicht schlafen

Im "Tagesspiegel" erklärt sie weiter: "Ich habe eigentlich so einen schönen Beruf. Oft gehe ich glücklich nach Hause, weil ich daran mitwirken konnte, dass es Menschen besser geht." Oft habe sie aber auch ein schlechtes Gewissen, weil sie dem nachfolgenden Dienst Arbeit übrig lassen musste.

Und weiter: "Rückenschmerzen habe ich fast immer und schlaflose Nächte oft genug. Manchmal mache ich mir Sorgen um einzelne Patienten, manchmal ist es nur der Schichtdienst, der mich wachliegen lässt."

Auch ihren Beitrag im "Tagesspiegel" schließt sie mit einem Appell: "Wenn ihr uns helfen wollt, dann klatscht nicht, singt nicht, unterschreibt lieber eine Online-Petition und wählt Parteien, die sich für uns einsetzen. Ich verrate nur so viel: Jens Spahn ist es nicht."

(ll)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Früherwarmehrlametta 01.04.2020 11:30
    Highlight Highlight Nach Corona wird vieles verändert sein...
    Schlimmstenfalls werden Freunde oder Familienmitglieder nie wieder Geburtstage oder andere Anlässe mit uns feiern können, weil sie nicht mehr da sind.
    Aber andere Dinge bleiben garantiert...
    Die Pflegekräfte werden nicht angemessen entlohnt und die Arbeitsbedingungen ändern sich nicht, Spahn und Scheuer wurschteln weiter, Esken und Lindner unterbreiten Vorschläge die niemand braucht, nur um mal wieder in den Medien aufzutauchen und wenn sich global nicht vieles ändert, ist nach der Pandemie eigentlich nur vor der nächsten Pandemie.
  • Ella60 31.03.2020 15:39
    Highlight Highlight Ich ziehe meinen Hut - Pflegekräfte werden erst in der jetzigen Situation wieder wahrgenommen. Politisch wird sich hier nicht viel ändern. Wenn Politiker oder ihre Familienmitglieder einen Termin bei Arzt oder für eine OP benötigen werden diese bevorzugt BEHANDELT. Das einfache Volk wartet mit unter Monate auf eine wichtige Behandlung. So lange es eine 2-Klassengesellschft gibt wird sich leider nicht ändern und eine Krankenschwester oder ein Pfleger wird weiter ausgeblutet und total unterbezahlt. Ihr Politiker müsst uch schämen.
  • Schlaupischlumpf 30.03.2020 19:27
    Highlight Highlight Respekt vor dieser Frau, doch wie Recht Sie auch immer haben mag, wenn diese Krise überstanden ist wird sich wieder niemand an die vielen unterbezahlten Hände erinnern.
    Die Experten, sonstige Leerplauderer und Politiker wie Hr Spahn werden sich dann immer noch die Hände waschen – in Unschuld, während der hinterlassene Scherbenhaufen wieder von den vielen unterbezahlten Händen entsorgt wird.
  • stahlbau-grauerwolf 29.03.2020 18:57
    Highlight Highlight Sie hat Klartext gesprochen und damit die Wahrheit.
    Hoffentlich wertetet das Gesundheitsministerium das
    richtig aus.
    Dem Herrn Spahn traue ich das schon zu, der aber lebt
    im Gesellschaftssystem des Kapitalismus und ist somit
    Gefangener diese System.
    Alles möglichst privatisieren und sparen.
    Die Gesundheit der Menschen steht hier nicht im
    Vordergrung; geschweige denn die Menschen, die im
    Gesundheitswesen ihre Arbeit verrichten.
    Solange mit Kranken, Alten, Gebrechlichen etc. Provit
    gemacht wird, ist das nicht mein erstrebenswertes
    Gesellschaftssystem, und damit für mich nie wählbar.
  • Kalisol 29.03.2020 18:27
    Highlight Highlight Es ist wichtig, dass hier mal jemand Klartext schreibt.
    Da dreht sich mir doch der Magen um, wenn ich dieses geheuchel unserer politischen Leistungsträger zumThema Leistungsträger*innen höre. Dieser systemrelevante Personenkreis, Krankenschwestern, Pfleger*innen, Erzieher*innen, Einzelhandels Mitarbeiter*innen, LKW Fahrer*innen, Paketzusteller*innen und andere, sind doch die Berufsgruppen, die durch Unterbezahlung und Überlastung permanent ausgebeutet werden.
    Heute Helden*innen morgen wieder billige Arbeiskräfte.
    Sie brauchen keine Fensterreden oder Applaus sonder unsere Solidarität.
  • Schorschi1 29.03.2020 18:03
    Highlight Highlight Die gute Frau hat so verdammt Recht. Das gesamte Pflegepersonal, sowie die Krankenschwestern, sind auf einmal die großen, und was nützt es ihnen, sie werden weiter verarscht. Dieser Staat nennt sich sozial, das ist asozial und die Bezahlung ist das letzte, die unterste Stufe.
    Das ist nicht erst seit Corona so, nein das geht schon seit über 40 Jahren so und keiner tut was dagegen. Das hat nicht mit "Christlich" zu tun. Das ist reines Profit-denken, Machtgier und Verarschung. Das dürfen sich alle Regierungen der letzten 40 Jahre hinter die Ohren schreiben. Das ist nur zum Kotzen
  • Schorsch52 29.03.2020 14:21
    Highlight Highlight Endlich wird mal gesagt was Sache ist. Klar, für Herrn Spahn sind nur die Umfragewerte wichtig und das RKI kannst sowieso in der Pfeife rauchen, da ebenfalls von der Pharmaindustrie gesponsert. Wie eben auch Hr. Spahn.
    Leider wird sich an der Lage für die Pflegekräfte nichts ändern. Zumindest jetzt auf die schnelle nicht und später ist wieder alles vergessen. SCHADE
  • Apollo 29.03.2020 13:28
    Highlight Highlight Wie Recht sie hat, vom Händeklatschen und Danke sagen haben diese helfenden Hände nichts......sie begeben sich selbst in Gefahr (weil die nötige Schutzausrüstung fehlt) eine Erholungsphase so gut wie nicht gegeben ist.....was ist denn passiert, seit der Diskussion mit dem Krankenpfleger Horde, der die Missstände mit Fr.Merkel diskutiert hat.......???????🤦🏻‍♀️
  • Hansi Daurippel 29.03.2020 11:54
    Highlight Highlight In vielen Köpfen sind die Forderungen der Krankenschwester Sozialismus und wird in die linksextreme Ecke gestellt. Gerade in den neoliberalen Eliten der Berufspolitik ist diese Form des Denkens sehr verbreitet.
    • Thorsten 30.03.2020 11:52
      Highlight Highlight An 42. Das sagt der richtige.(Zu ihrem ersten Satz)
    • Hansi Daurippel 31.03.2020 17:20
      Highlight Highlight Nein, es können nicht alle reich sein. Aber man kann Vermögen gerechter verteilen. Wenn 10% der Weltbevölkerung genauso viel besitzen wie die restlichen 90% dann stimmt was nicht. Leider lässt sich das Problem Global kaum lösen weil die Industriestaaten sich weigern zu teilen und stattdessen die neoliberale Philosophie "wer reich ist hat's verdient, wer arm ist hat selber schuld" in die Welt setzten. Mit diesem Slogan hetzt man in Deutschland auch gerne die Mittelschicht gg. die Unterschicht auf.
    • Thorsten 31.03.2020 18:42
      Highlight Highlight Lesen Sie ihre 2 letzten Kommentare. Vielleicht kommen sie ja selber drauf
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