Deutschland
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Kabarettist Dieter Hallervorden verging kurz das Lachen. bild: screenshot ard

"Hart aber fair": Hallervorden attackiert Lauterbach scharf

dirk krampitz

Offiziell hat nun der Herbst begonnen und die Corona-Zahlen steigen an. Trotzdem wollen Bereiche wie der Fußball langsam wieder zu Bedingungen wie vor Corona zurückfinden. "Bei uns füllen sich die Stadien, bei anderen die Kliniken – hat Deutschland Corona-Dusel?", fragt Frank Plasberg in seiner Sendung. An diesem Abend diskutieren:

Den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach kündigt Frank Plasberg als "Hardliner" in Sachen Corona-Maßnahmen an, bestätigt ihm aber auch: "Sie haben sehr oft recht gehabt". Lauterbach ist seit März wohl einer der häufigsten Talk-Gäste bei Plasberg, Maischberger & Co. gewesen. Und oft hat er schwarzgemalt. Für ihn liegt der zuletzt relativ glimpfliche Verlauf in Deutschland vor allem an der Sommerzeit und dem guten Wetter. "Denn über 90 Prozent der Superspreading-Events finden drinnen statt."

Aber der Blick auf europäische Nachbarländer mache ihm Sorge: In Spanien sei die Lage mittlerweile wieder schlimm. "Wenn in Spanien so viel getestet würde wie hier, wären die Fallzahlen sogar noch viel höher. Es ist naiv zu glauben, dass uns das erspart bleibt". Allerdings habe Deutschland auch diesmal wieder das Glück, dass es im Vergleich zu den Nachbarländern später dran sei und sich vorbereiten könne. Er plädiert dafür, private Feiern auf 25 Personen zu begrenzen und die Schulen besser vorzubereiten für den Winter. Dazu die Quarantäne auf fünf Tage zu verkürzen mit abschließendem Test. Außerdem müssten in den Schulen unbedingt Lüftungen installiert werden, das ginge schon als mobile Lösung.

"Die Schulen sind leider miserabel vorbereitet für das, was da kommen wird. Ich glaube, dass wir in den Schulen riesige Probleme bekommen werden."

Karl Lauterbach

Hallervorden packt die Wut

Bei soviel Negativität platzt Kabarettist und Theaterintendant Dieter Hallervorden der Kragen. Und er greift den SPD-Gesundheitsexperten direkt an: "Das sind keine Warnungen mehr, das ist Panikmache, damit hilft man den Menschen auch nicht!" Da ist Didi kurz die gute Laune entglitten. Aber es dauert nicht lange, bis Hallervorden zu jovialer Altherren-Lockerheit zurückfindet. "Ich bin ja geborener Optimist", bekennt er. Und das, obwohl er von 473 Plätzen in seinem Berliner Schlosspark-Theater wegen der Abstandsregelungen nur 105 Plätze besetzen darf. Die Karten seien schnell ausverkauft, finanziell lohne sich das allerdings nicht.

In der Corona-Krise habe er 300.000 Euro privates Geld in seine Theater gesteckt, damit sie und die insgesamt 70 Festangestellten überleben. "Ich weiß, dass mein Leben keine Generalprobe ist, sondern eine 85-jährige Premiere. Das Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi." Er wolle am Ende dieser Krise sagen können, "dass ich mich nicht weggeduckt habe, sondern mit Ideenreichtum dazu beigetragen", dass Theater durch die Krise kommen. "Ich habe die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dass die Theater am Leben bleiben."

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Hertha BSC-Chef Michael Preetz bleibt farblos. bild: screenshot ard

Gegen Hallervordens mit viel Pathos vorgetragene Haltung bleibt der ehemalige Fußballer und jetzige Geschäftsführer von Hertha BSC, Michael Preetz, relativ farblos – obwohl sein Sport ja sogar explizit im Sendungstitel genannt wird. Er findet: "Wir sind nicht nach dem Virus, wir sind noch mittendrin." Und trotzdem ist er natürlich dafür, dass Fußballspiele im Stadion wieder verstärkt vor Zuschauern stattfinden, weil er glaubt, "dass die Menschen in unserem Land Optimismus brauchen".

Man müsse auch Wege zeigen, wie wir mit diesem Virus leben lernen: "Weil man nicht weiß, wann es vorbei ist." Überraschender Weise gibt ihm sogar Karl Lauterbach so etwas wie recht. Zwar sagt er erst: "Wenn ich anderthalb Stunden neben jemand stehe, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemanden infiziere, gegeben." Aber er bekennt auch: "Der Fußball ist definitiv nicht das größte Risiko." Allerdings hilft Lauterbach das auch nichts.

Andreas Gassen greift Lauterbach an

Es wird nicht mehr sein Abend. In einem halben Jahr Corona hat er gegen viel Gegenwind ankämpfen müssen. Aber so viel wie an diesem Abend gab es selten auf einmal.

Der Unfallchirurg und Vorstandsvorsitzender der Kassenärztliche Bundesvereinigung, Andreas Gassen, fragt betont polemisch in Richtung Lauterbach: "Wenn es am Wetter läge, warum bekommen denn Leute in Texas überhaupt Corona?" Und dann setzt er noch nach:

"Die vermeintlich absolute Wahrheit, die Sie verkünden, gibt es nicht."

Die 100.000 deutschen Arzt-Praxen seien auf Krankheitsfälle gut vorbereitet. Es sei äußerst wahrscheinlich, "dass nicht morgen das Armageddon kommt". Man solle nicht leichtsinnig werden, "aber Maßnahmen abwägen" und "nicht nach der Maximalkeule schreien". "Was wir brauchen, sind intelligente Konzepte. Corona ist nicht weg und geht vielleicht auch nie weg, aber wir müssen sehr dosiert und kontrolliert gucken, was geht."

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AucJournalistin Susanne Gaschke wendet sich gegen Lauterbach. bild: screenshot ard

Auch Susanne Gaschke, Autorin bei der "Welt", wendet sich an Lauterbach als regierenden Politiker: "Sie können nicht Grundrechte auf Vorrat einschränken und das tun Sie gerade. Es spricht alles dafür, dass die epidemiologische Lage von nationaler Tragweite derzeit nicht gegeben ist." Man müsse immer wieder überprüfen und die Maßnahmen an die Gegebenheiten anpassen.

Doppelrolle der FDP-Politikerin

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Karoline Preisler zwischen Karl Lauterbach (li.) und Michael Preetz (re.). bild: screenshot ard

Eine interessante Doppelrolle hat die FDP-Politikerin Karoline Preisler. Sie war selbst an Corona erkrankt und wurde bekannt durch ihr Videotagebuch. "Ich war weder auf einer Intensivstation, noch wurde ich intubiert und beatmet, ich hatte einen mittelschweren Verlauf, und trotzdem bin ich sechs Monate später noch immer ein Fall für die Krankenkasse", sagt sie. "Ich bin zwar nicht gestorben, aber ich bin auch nicht wieder ganz fit."

Ganz die FDP-Politikerin argumentiert sie auch mit den Kosten für die Erkrankten, "die auf uns alle zu kommen". Da müsse man einen Mittelweg finden. Und trotzdem wendet auch sie sich an Karl Lauterbach und kritisiert ein früheres Zitat, dass man die Leine wieder enger fassen müsse: "Als Mensch und Bürger möchte ich keine Leine kriegen und wieder an die Kandare genommen werden. Inzwischen wissen wir doch, dass es viele Maßnahmen gab, die es nicht hätte geben müssen."

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