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Ärztepräsident Klaus Reinhardt sieht keine Evidenz für die Wirksamkeit von Alltagsmasken. Bild: dpa / Wolfgang Kumm

Ärztepräsident zweifelt an Alltagsmasken – Lauterbach bringt Rücktritt ins Spiel

Abstand halten, Hände waschen, Alltagsmasken tragen – diese Regeln sind uns in den vergangenen Wochen praktisch ins Blut übergegangen. Umso erstaunlicher, wenn ausgerechnet der Präsident der Bundesärztekammer an diesen Schutzmaßnahmen vor Covid-19 zweifelt, zumindest an der letzten der drei genannten.

Klaus Reinhardt sagte in der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" am Mittwochabend, er sei von den Alltagsmasken nicht überzeugt, "weil es auch keine tatsächliche wissenschaftliche Evidenz darüber gibt, dass die tatsächlich hilfreich sind" – und löste damit Entsetzen aus. SPD-Politiker Karl Lauterbach legte ihm sogar den Rücktritt nahe.

Masken-Aussage ließ aufhorchen

Der Ärztepräsident, der sich in der Sendung ohnehin äußerst gelassen gab, betonte zwar, man könne einen Mund-Nasen-Schutz an solchen Orten tragen, wo man keinen Abstand zu seinen Mitmenschen halten könne, in den öffentlichen Verkehrsmitteln etwa. Das Tragen an der frischen Luft sei aber wenig sinnvoll: "Ich glaube, dass das wenig bringen wird." Reinhardt bestätigte, dass die Maske an sich eine Wirkung habe, stellte aber infrage, ob sie in der Form wirke, "wie wir sie tragen".

Markus Lanz war sichtlich entsetzt von den Aussagen: "Hier sitzt gerade der Präsident der Bundesärztekammer und sagt, es gibt keine Evidenz für Masken – ich halte das noch einmal fest", sagte er.

Zur Erinnerung: Das Robert-Koch-Institut empfiehlt das Tragen von Alltagsmasken in bestimmten Situationen, um Risikogruppen zu schützen und die Ausbreitungsgeschwindigkeit zu reduzieren. An einigen Orten wurde die Maskenpflicht auch auf viel frequentierten öffentlichen Straßen und Plätzen angeordnet, an denen es nicht genug Raum zum Abstandhalten gibt.

Ärztepräsident Reinhardt sieht das offensichtlich anders, legte aber gleichzeitig Wert darauf, nicht in die Reihe der Maskengegner gestellt zu werden: "Ich möchte auf keinen Fall für diesen Maskenkrieg – in Anführungszeichen – instrumentalisiert werden." Man müsse aber in der Gesellschaft darüber nachdenken können, "ob die Vermummung zum Standard werden muss".

Lauterbach: "Unentschuldbare" Aussage

Gerade mit dieser Aussage stieß Reinhardt auf Unverständnis, nicht nur bei Moderator Markus Lanz, sondern auch bei zahlreichen Twitter-Usern und bei SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach.

Die Gleichsetzung der Maskenpflicht zum Schutz vor einer tödlichen Viruserkrankung mit einem Vermummungsverbote sei für den ranghöchsten deutschen Ärztefunktionär "unentschuldbar", twitterte Lauterbach. Er forderte sogar den Rücktritt des Ärztepräsidenten, sollte Reinhardt seine Aussage nicht sofort zurücknehmen.

Gegenüber "Focus Online" sagte Lauterbach außerdem: "Dr. Reinhardt ist mehrfach durch völlig unwissenschaftliche und auch nicht ganz verantwortungsvolle Äußerungen in den letzten Tagen aufgefallen."

Darauf reagierte Reinhardt bisher nicht. In einer gemeinsamen Mitteilung der Ärztekammer vom Donnerstag bekräftigte er aber, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in bestimmten Situationen sinnvoll ist. "Dieser ist zwar kein sicherer Schutz vor einer eigenen Infektion, hilft aber, durch eine mechanische Reduktion der Aerosol-Verbreitung andere zu schützen."

Lauterbach wird das wohl nicht genügen. "Ich bleibe bei der Forderung, dass Herr Reinhardt als Ärztekammer-Präsident nicht mehr haltbar wäre, es sei denn, er distanziert sich von diesen Äußerungen", bestätigte er gegenüber dem "Spiegel". Was Reinhardt vorgetragen habe, sei wissenschaftlich unhaltbar.

Die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, kritisierte, gerade in der jetzigen Phase der Pandemie komme es darauf an, mit klaren Botschaften die Bevölkerung über den notwendigen Infektionsschutz aufzuklären.

Leider habe Reinhardt den Eindruck erweckt, "dass für ihn Alltagsmasken zum Schutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nur von geringem Wert sind. Diese persönliche Auffassung des Bundesärztekammer-Präsidenten steht im Widerspruch zur aktuellen Studienlage und ist geeignet, das seit Monaten wirksame und evidenzgestützte Konzept zur Minimierung von Infektionen zu diskreditieren." Für den Verband stehe außer Frage, dass Alltagsmasken das Risiko einer Übertragung reduzierten.

(ftk)

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