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Virologe Streeck war am Mittwoch bei Maischberger zu Gast. bild: screenshot ard

Virologe erklärt bei "Maischberger", was uns im Herbst mit Corona erwartet

dirk Krampitz

Er hatte sich ein wenig aus Talkshows und der Öffentlichkeit zurückgezogen. Nach seiner umstritten aufgenommenen Corona-Studie aus dem Pandemie-Epizentrum Heinsberg in Nordrhein-Westfalen war es ruhiger um Hendrik Streeck geworden, den Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Nun ist er bei "Maischberger. Die Woche" zu Gast und wird wohl gleich wieder viel Aufmerksamkeit erregen und polarisieren.

"Es ist ein ernst zu nehmendes Virus, aber auf der anderen Seite dürfen wir es nicht überdramatisieren.“

Hendrik Streeck

Was uns im Herbst erwartet

Er habe selbst in seinem Bekanntenkreis zwei ältere Risikopatienten, deren Covid19-Erkrankung weitgehend ohne Symptome abgelaufen sei. Sein genereller Rat: Sich nicht so sehr auf die steigenden Infektionszahlen konzentrieren, die würden im Herbst ganz sicher steigen. Laut seiner Prognose könnten die Neuinfektionen gegen Herbst gar um das Zehnfache steigen. Weil es kälter wird und die Menschen mehr drinnen und beieinander sind. "Es kann gut sein, dass es hochgeht – es wäre nicht überraschend für mich, wenn es sich um solche Dimensionen annimmt."

Das klinge zwar nach "Apokalypse", sei aber nicht so schlimm, denn viele Erkrankungen verliefen mit harmlosen oder gar keinen Symptomen.

Maischberger stutzt jedoch – das wären um die 20.000 Infizierte Pro Tag. Die Moderatorin merkt an, dass bei 6000 Infektionen im März der Lockdown kam. Genau darum, so Streecks Argumentation, solle man eben die Kranken mit Symptomen als Maßstab nehmen und auch nur die Leute testen, die Kontakt zu Infizierten oder Anzeichen hätten. "Gefährlich wird es, wenn man wirklich krank wird. Wichtig ist, dass wir die schützen, die vielleicht einen schweren Verlauf haben können."

Diese Form der Erkrankungen sei ja nicht schlimm, schlussfolgert er. "Die alleinigen Infektionszahlen sind nicht aussagekräftig. Infektionen, die keine Symptome haben, muss man wahrscheinlich ein Stück weit akzeptieren."

Mehr Gelassenheit

Er schlägt vor, sich als Maßstab eher an den Erkrankungen mit Symptomen und an der Intensivbettenauslastung zu orientieren. Generell plädiert er für mehr Gelassenheit im Umgang mit Corona.

"Angst ist ein Problem in dieser Pandemie. Das objektivierbare Risiko für den einzelnen Menschen ist eigentlich gering. Das gefühlte Risiko ist enorm."

Hendrik Streeck

Da müsse man wieder in eine Balance kommen, findet Streeck. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gebe es bisher auch nicht deutlich mehr Todesfälle in Deutschland. Mit diesen Aussagen ist Streeck dann eigentlich inhaltlich fast wieder auf einem Stand wie ganz am Anfang der Pandemie, als er Corona und Grippe-Viren ähnlich beurteilte. Das sieht er heute anders. Corona sei vier bis fünfmal gefährlicher. "Am Ende werden wir eine Realität haben, wo das Virus in unserem Leben ist", fasst er seine Haltung zusammen.

Wie sieht es mit einem Impfstoff aus?

Zumal er auch nicht sicher ist, dass es einen wirksamen Impfstoff geben wird, auch wenn China und Russland bereits Erfolge gemeldet haben und Impfungen ausprobieren. Gegen andere Virus-Erkrankungen wie HIV, Dengue, Tuberkulose oder Malaria gebe es auch keinen Impfstoff, trotz aller Anstrengungen.

Trump und Nawalny

Da Sandra Maischberger die Themen der Woche behandelt, dürfen natürlich auch nicht der amerikanische Wahlkampf und der vergiftete russische Oppositionelle Alexej Nawalny fehlen. Doch sie werden von den kommentierenden Journalisten im Studio schnell abgehakt. "Welt"-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld findet besonders erstaunlich, dass der Giftanschlag quasi "auf offener Bühne" stattgefunden hat, für sie ist das ein deutlicher Einschüchterungsversuch für alle anderen Gegnern des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

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"Spiegel"-Journalist Markus Feldenkirchen nimmt Trumps Tricks ernst. bild: screenshot ard

Donald Trumps verstörende Ankündigung, dass er die Präsidentschaftswahl einzig und allein durch eine Wahlfälschung verlieren könne, sieht "Spiegel"-Journalist Markus Feldenkirchen als Strategie, um an der Macht zu bleiben, vielleicht um bei einer knappen Niederlage Anhänger auf die Straße zu ziehen. "Dahinter steckt ein Muster und man muss es ernst nehmen."

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Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) packt das "ordentliche Geschirr" bei besonderen Gästen aus. bild: screenshot ard

Interessanter als diese Spekulationen aus der Ferne ist da Maischbergers Gast im Studio: Markus Söder. Heute wollen sich Söder und die anderen Regierungschefs der Bundesländer gemeinsam mit der Bundeskanzlerin über eine Strategie beraten, wie sie die steigenden Corona-Infektionszahlen in den Griff bekommen. Nun hatte Bayern zuletzt mit der Corona-Test-Panne für negative Schlagzeilen gesorgt. Und das ausgerechnet, nachdem sich Ministerpräsident Söder mit seinem Auftreten in der Krise und einem staatsmännischen Empfang von Bundeskanzlerin Angela Merkel im prächtigen Schloss Herrenchiemsee für höhere Aufgaben empfohlen hatte. Die bohrenden Fragen an den Bayerischen Ministerpräsidenten also: Corona und mögliche Kanzlerkandidatur.

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Söder gesteht im Gespräch mit Sandra Maischberger, dass er eigentlich "ausbefördert" sei. bild: screenshot ard

Für Söder war der Empfang in Herrenchiemsee allerdings nur so etwas wie besondere Ehrerbietung, wenn man eben einen besonderen Gast hat. "Da packt man doch das ordentliche Geschirr aus und geht nicht ins Hinterzimmer." Es vergeht kein Interview mit Markus Söder, in dem er nicht zu seinen Kanzlerambitionen gefragt wird. Er hat mittlerweile eine Routine im Abbügeln entwickelt. "Man ist als bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender ausbefördert", sagt Markus Söder und schickt noch ein "normalerweise" hinterher. "Das ist eine Kombination, die schwer genug ist." Heißt das etwa Markus Söder traut sich nicht mehr zu?

Nicht ganz: Außerdem habe die größere Schwesterpartei CDU ja das Kandidatenvorschlagsrecht, das sei schon immer so gewesen.

"Und, ich glaube, es könnte einen Grund geben, warum es noch nie einen CSU-Kanzler gab."

Markus Söder

Was soll man dazu sagen – Markus Söder ist eben Politiker durch und durch. Er versichert, dass er Ministerpräsident bleiben will und sät Zweifel mit einem "normalerweise" und was würde er den tun, wenn ihn die CDU vorschlägt? Als ihn Maischberger festnageln will, ob er als Kanzlerkandidat zur Verfügung stehen würde, sagt er das, was er immer sagt – ergänzt mit einem kleinen Nachsatz: "Mein Platz ist in Bayern ­- und da bleibt er auch."

Mit jedem Mal, dass er diesen eigentlich unmissverständlichen Satz sagt, wird es schwerer, eine eventuelle Kandidatur später zu argumentativ und glaubwürdig zu rechtfertigen. Ausgeschlossen ist sie trotzdem nicht.

Von Bayern aus auf den Rest schimpfen

Aber einstweilen lässt sich von seinem Platz in Bayern lässt es sich ja auch vortrefflich auf die Bundespolitik in Berlin schimpfen: Zum Beispiel über die Zögerlichkeit der Länder bei den Corona-Tests für Heimkehrer bis Bayern vorgeprescht ist ("Ich habe mich eigentlich gewundert, dass in Deutschland keiner darauf reagiert hat. Die Ferientermine waren ja bekannt.), die Wirksamkeit der Corona-App („Die Wirkung ist gedämpft“), Digitalisierung allgemein („Nachholbedarf“).

Das klingt als hätte Markus Söder viel zu besprechen. Nicht in der Ministerpräsidentenrunde. Sondern mit der Ministerpräsidentenrunde.

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