Deutschland
Bild

Gunnar Beck ist Hochschullehrer und AfD-Kandidat für Europa. Aber ist er auch Professor, so wie er behauptet? Bild: picture alliance/getty images/montage: watson

Falscher Professor? Vorwürfe gegen einen AfD-Europakandidaten

Professorenschwindel bei der ehemaligen "Professorenpartei"? Ein Kandidat der AfD zur Europawahl wird auf den Stimmzetteln als Professor ausgewiesen – dabei darf er den Titel laut Experten gar nicht führen.

Gunnar Beck steht auf Platz zehn der AfD-Liste zur Europawahl. Aktuelle Umfragen sagen dem 53-Jährigen gute Chancen voraus, am 26. Mai ins EU-Parlament gewählt zu werden. Beck ist Jurist. Er lehrt an der Universität London EU-Recht und Rechtstheorie. Und zumindest, wenn man dem Stimmzettel glaubt, ist er auch Professor. Ob er das nach deutschem Recht tatsächlich ist, daran sind nun allerdings Zweifel aufgekommen.

Bild

Bild: musterstimmzettel/bearbeitung: watson

Der Journalist Maximilian Steinbeis hat dem Lebenslauf Becks in seinem "Verfassungsblog" am Wochenende einen Artikel gewidmet. Er fragte sich: Woher hat der AfD-Kandidat den Professorentitel?

An seinem Arbeitsplatz, der "School of Oriental and African Studies" der Uni London, wird Beck nämlich nicht als Professor, sondern als "Reader in Law" geführt. Die Position eines "Readers" gibt es an deutschen Hochschulen nicht. Der englische Titel sei vergleichbar mit der Position eines "außerordentlichen Professors" in anderen Ländern, so der Journalist und Jurist Steinbeis. Das sei jedoch nicht ausschlaggebend dafür, ob Gunnar Beck sich in Deutschland auch als Professor bezeichnen darf.

Steinbeis schreibt weiter:

"Das Recht, sich in Deutschland rechtmäßig als Professor zu bezeichnen, hängt davon ab, ob Sie tatsächlich zum Professor ernannt wurden oder nicht."

Er habe den AfD-Kandidaten daraufhin kontaktiert und gefragt, warum er sich als Professor bezeichnet. Der habe unter anderem mit einem Verweis auf seinen Wikipedia-Eintrag geantwortet: "Soweit ich mich erinnere, fasst Wikipedia meine berufliche Tätigkeit korrekt zusammen, mit einer korrekten Angabe der Berufstitel."

Falscher Titel in der Wikipedia

Tatsächlich befand sich in Becks Wikipedia-Eintrag bis zum Samstag auch die Angabe, er sei Professor. Genau hieß es dort, er "wurde 2016 zum Professor an der Universität Sussex ernannt". In den Wikipedia-Eintrag hinzugefügt wurde die Angabe im August 2018.

So sah der Wikipedia-Eintrag bis Samstag aus:

Bild

screenshot: wikipedia/internet archive

Diese Angabe ist jedoch falsch. Gegenüber dem "Verfassungsblog" erklärte ein Sprecher der University of Sussex, Gunnar Beck habe weder für die Hochschule gearbeitet, noch sei ihm dort ein Professorentitel verliehen worden. Auf watson-Anfrage bestätigte ein Universitätssprecher das am Montag erneut:

"Ich kann bestätigen, dass Gunnar Beck nicht an der University of Sussex arbeitet und nie gearbeitet hat."

Nach der Veröffentlichung von Steinbeis' Artikel wurde die Passage noch am Samstag sowohl aus dem deutschen, als auch dem englischen Wikipedia-Eintrag entfernt. Gunnar Beck beantwortete die Frage, ob er von der Universität Sussex zum Professor ernannt wurde, gegenüber watson nicht. In einer E-Mail verwies er lediglich an den Pressesprecher der AfD.

Die AfD sagt: Alles in Ordnung

Dürfte sich Gunnar Beck aufgrund seiner Position als "Reader in Law" etwa doch als Professor bezeichnen? Die AfD sieht das so. "Reader" würden "im Ausland meist, und auch in Großbritannien häufig, die Berufsbezeichnungen Associate Professor oder einfach Professor" wählen, erklärte die Pressestelle der Partei auf watson-Anfrage schriftlich. An britischen Universitäten sei das "üblich und zugelassen".

Aber ist es das auch in Deutschland? Wir haben den Rechtswissenschaftler Ulrich Battis gefragt. Battis ist emeritierter Professor und hat bis 2011 an der Berliner Humboldt-Universität gelehrt. Er bestätigte die Einschätzung des "Verfassungsblogs".

Battis sagte:

"Ein Reader ist ein Lehrender an einer englischen Universität, aber kein Professor im Sinne des deutschen Rechts."

Professor vor allem in AfD-Kreisen

Weder auf Becks Unterseite auf der Website der Universität London, noch auf der Seite der Anwaltskammer, bei der er arbeitet, wird er als Professor bezeichnet. In AfD-Kreisen findet sich die Bezeichnung hingegen gehäuft. In einem "Kandidaten-Check"-Video des Youtube-Kanals "AfD Kompakt TV" wird Beck als "Prof. Dr." vorgestellt. Auch auf der offiziellen Website der AfD wird der 53-Jährige als "Prof. Dr. Gunnar Beck" bezeichnet.

So wird Gunnar Beck auf der Seite der AfD vorgestellt:

Bild

Bild: screenshot: www.afd.de/europawahl-kandidaten/

Die Behauptung, Beck sei 2016 zum Professor der Universität Sussex ernannt worden, findet sich ebenfalls bei der AfD: Der Kreisverband Siegen-Wittgenstein der Partei schrieb das etwa in einer Einladung zu einem "Bürgerdialog" mit Beck im April 2019.

Und nun hat es die Bezeichnung auch auf die Stimmzettel für die Europawahl geschafft. Die sind längst gedruckt und für die Briefwahl auch verschickt. Ändern lässt sich daran nichts mehr. Eine Sprecherin des Bundeswahlleiters erklärte watson, man gehe erstmal davon aus, dass Kandidaten, die Titel angeben, auch dazu berechtigt sind, diese zu führen. Standardmäßig überprüft würde das nicht.

Auch ein Thema für Europa: Schüler erklären, warum sie für das Klima demonstrieren

Play Icon
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

9 absolut clevere Wege, wie Rechtsradikalen und Neonazis schon die Stirn geboten wurde

Leider, leider halten rechtsradikale Tonalitäten in den vergangenen Jahren wieder Einzug in die politische Landschaft – auch hierzulande. Klar ist: Der "Vibe" ist ein wenig ungemütlich.

Neben der Politik schlägt sich die rechtsradikale Ideologie auch in der "Kultur" nieder. Immer wieder werden in Deutschland Rechtsrockkonzerte veranstaltet. Verbote sind juristisch allgemein schwierig (Grauzonen, freie Meinungsäußerung) und würden vermutlich ohnehin eher reizen, als lindern.

Doch anstatt jammernd …

Artikel lesen
Link zum Artikel