Deutschland
13.05.2020, Nordrhein-Westfalen, D

Virologe Henrik Streeck hält nicht viel von den Maßnahmen der Bundesregierung gegen das Coronavirus. Bild: dpa / Marcel Kusch

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Corona-Lockdown überflüssig? Epidemiologe Ulrichs widerspricht Streeck

So langsam erwacht Deutschland wieder aus dem Corona-Dämmerschlaf. Und kaum scheint das Schlimmste überstanden, geht die Diskussion los, ob die getroffenen Maßnahmen richtig waren.

Der Virologe Hendrik Streeck etwa hat den Corona-Lockdown in Deutschland infrage gestellt. Nach dem frühen Verbot von Großveranstaltungen seien die Infektionszahlen bereits gesunken, sagte der Direktor des Instituts für Virologie der Universitätsklinik Bonn der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Mittwoch. Deutschland sei "zu schnell in den Lockdown gegangen", kritisierte Streeck.

Dieser Einschätzung widerspricht der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Es sei zwar richtig, dass die Reproduktionszahl R schon vor dem Lockdown bei etwa 1 gelegen habe", so Ulrichs gegenüber watson.

"Aber die Maßnahmen waren insgesamt richtig und haben erheblich dazu beigetragen, dass wir weder in eine Überlastung des Gesundheitssystems noch in eine exponentielle Verbreitung des Virus gekommen sind."

Was passiert wäre, wenn die Lockdown-Maßnahmen später oder unvollständig umgesetzt worden wären, könne man in Großbritannien oder Schweden beobachten.

Keine Zeit für Experimente

Streeck hatte auch erklärt, er hätte die Kontaktbeschränkungen vom tatsächlichen Verlauf abhängig gemacht, auch um zu sehen, wie die einzelnen Beschränkungen wirkten und ob zusätzliche Schritte wirklich nötig seien. Auch dem widerspricht Ulrichs. Zwar hätte ein allmähliches Einsetzen der Lockdown-Maßnahmen erlaubt, jede einzelne auf ihre jeweilige Wirksamkeit hin zu prüfen.

"Jedoch waren wir zu Beginn der Virusausbreitung nicht in der Position, hier zu experimentieren – es ging schließlich um die Verhinderung von Erkrankungs- und Todesfällen."

Deshalb sei das Einsetzen von Public-Health-Maßnahmen wie die Kontaktsperre durch Abstandhalten und später das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen sinnvoll und richtig. "Zumal wir zu diesem Zeitpunkt nur begrenzte Testkapazitäten hatten und die epidemiologische Lage immer nur verspätet abbilden konnten."

Maßnahmen basierten auf wissenschaftlichen Einschätzungen

Streeck zufolge erfolgte der Lockdown auch, weil ein "gewisser Druck der Öffentlichkeit" bestanden habe. Ulrichs hingegen sagt zu watson: "Die Maßnahmen mussten von der Politik schnell und entschieden eingeleitet werden und basierten weitgehend auf Einschätzungen aus der Wissenschaft." Landesregierungen und Bundesregierung seien in der Pflicht, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen, und das auf der Grundlage des verfügbaren Wissens über die gesundheitliche Bedrohung durch das neue Coronavirus.

Schließlich hatte Streeck auch eine weitere Maßnahme der Bundesregierung kritisiert. Die Corona-Warn-App kommt seiner Auffassung nach ein "bisschen spät".

Sicher wäre eine solche Corona-Warn-App schon früher sinnvoll gewesen, etwa um während des Lockdowns besser Abstand halten zu können, erklärt Ulrichs dazu.

"Aber auch jetzt in einer relativ entspannten epidemiologischen Lage kann sie gut angewendet werden, etwa nach lokalen Ausbrüchen, um mögliche Kontakte schneller und genauer ausfindig zu machen und die Weiterverbreitung damit effektiver zu unterbinden", so sein Fazit gegenüber watson.

(om)

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