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Mit diesem Banner warnte die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft gegen die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und schaltete Anzeigen in vielen großen Tageszeitungen. Bild: INSM

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Junge Unternehmer zu Werbe-Anzeige gegen Baerbock: "Bei Nachhaltigkeit sind die Grünen völlig einseitig"

Mit einer großen Anzeigenkampagne hatte die Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft in vielen großen Tageszeitungen vor der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock gewarnt. Anlass war der Parteitag der Grünen am vergangenen Wochenende. Auf den Plakaten war Baerbock als Moses dargestellt, der statt der zehn Gebote die zehn Verbote in den Händen hält.

Die Message der Kampagne: Die Grünen wollen uns alles verbieten. Mit dabei: Flugverbot, Verbot von Verbrennern und Verbot von Freihandel. Die Grünen als Verbotspartei. Die Kritik ist alt, aber wirkmächtig. Am Parteitag sahen sich viele Grünen-Politiker genötigt, sich vom Image der Verbotspartei zu distanzieren. Auch Parteichef Robert Habeck stellte in seiner Rede die Freiheit als Gegengewicht zum Verbot in den Vordergrund.

BERLIN, GERMANY - JUNE 13: Annalena Baerbock, co-head of the German Greens Party, attends the virtual federal party congress on June 13, 2021 in Berlin, Germany. During the three-day event delegates will vote on whether to confirm co-party leader Annalena Baerbock as chancellor candidate. Germany is to hold federal elections in September.  (Photo by Steffi Loos/Getty Images)

Will die erste grüne Kanzlerin werden: Annalena Baerbock. Bild: Getty Images Europe / Steffi Loos

Gleichzeitig erntete die Kampagne jede Menge Kritik. Zum einen nahmen Grünen-Politiker die Kampagne als stillos wahr und kritisierten die immensen Finanzmittel, die aufgewendet wurden, um diese Anzeige zeitgleich in vielen großen deutschen Tageszeitungen zu schalten, um eine grüne Kanzlerin zu verhindern. Auf der anderen Seite wurde auch kritisiert, dass die Aufmachung Annalena Baerbocks als Moses antisemitische Ressentiments schüre.

Watson hat bei jungen Unternehmern und einem Experten für Wahlkampf nachgefragt, was sie von der Kampagne halten.

"Auch beim Klimaschutz muss sich die Partei entscheiden, ob sie den gegen die Wirtschaft erreichen will oder mit ihr."

Der Wirtschaftsverband der Jungen Unternehmer

Verband der Jungen Unternehmer

Der Wirtschaftsverband der Jungen Unternehmer findet den Stil der Anzeige debattierbar, den Inhalt der Kritik jedoch durchaus berechtigt. Gegenüber watson erklärt der Verband auf Anfrage:

"Über Geschmack kann man sich streiten – aber nicht darüber, dass eine Partei mit Kanzlerinnen-Ambition schärfer kritisiert werden darf als eine Partei, die nur mitregieren will. Gerade unsere junge Generation sollte sich damit beschäftigen, welche konkreten Lösungen die Parteien uns jungen Wählern anbieten. Bei den Grünen gibt es seit Langem den Hang, ihre Ziele mit Verboten zu erreichen statt mit Anreizen. Auch beim Klimaschutz muss sich die Partei entscheiden, ob sie den gegen die Wirtschaft erreichen will oder mit ihr. Bei der Nachhaltigkeit sind die Grünen völlig einseitig: Bei der Umwelt sagen sie zu Recht, dass wir der Erde nur das entnehmen sollen, was nachwachsen kann; beim Staatshaushalt und den sozialen Sicherungssystemen setzen sie aber auf finanziellen Raubbau, wenn sie die nachhaltige Schuldenbremse abschaffen wollen und unserer jungen Generation immer höhere Schuldenberge aufhalsen wollen."

Marie-Christine Ostermann, Unternehmerin

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Unternehmerin Marie-Christine Ostermann. Bild: Frauke Schumann

Marie-Christine Ostermann ist Familienunternehmerin und übernahm mit 27 Jahren gemeinsam mit ihrem Vater die Leitung eines Lebensmittellieferanten. Sie hält die Anzeigenkampagne gegen Baerbock für unangemessen. Den Inhalt der Kritik hält sie jedoch für richtig. Es gehe ihr zufolge bei den Grünen viel zu sehr um Bevormundung und Moralismus. Gegenüber watson erklärt Ostermann:

"Als junge Familienunternehmerin teile ich mit den Grünen den Wunsch nach Klimaschutz und Erneuerung, denn nachhaltiges Denken und Handeln treibt mich an, um das Unternehmen gut bestellt an die nächste Generation zu übergeben. Völlig gegensätzlich sind jedoch meine Überzeugungen, wie wir Nachhaltigkeit erreichen können. Während ich überzeugt bin, dass fairer, freiheitlicher Wettbewerb im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft die innovativsten und effizientesten Lösungen für den Klimaschutz in kürzerer Zeit hervorbringt, wollen die Grünen den Weg vor allem über noch mehr Umverteilung, Verbote, Bevormundung und Moralismus gehen. Sie möchten von den Unternehmen möglichst viel Geld einkassieren und dann ausgewählte Betriebe mit enormen Subventionen nach vorne bringen, was die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der Betriebe erfahrungsgemäß verzerrt und verschlechtert."

"Dass die Grünen insgesamt eine moralisierende Verbotspartei sind, die den Menschen eigenverantwortliches Handeln meist wenig zutraut, kam für mich im Inhalt der Anzeige so auch rüber. Die Form der Anzeige in Anlehnung an die zehn Gebote halte ich jedoch für nicht angemessen."

Marie-Christine Ostermann, Unternehmerin

"Sie planen eine Schwächung der Schuldenbremse und ein gigantisches Investitionsprogramm, was vor allem durch Staatsschulden finanziert und von der jungen Generation geschultert werden müsste. Und sie wollen weitere Verbote und Beschränkungen einführen: Beschränkungen des Eigentumsprinzips mit Umwandlungsverbot und Mietendeckel, Solarpflicht, Abschaffung von Kurzstreckenflügen, Verbot von Verbrenner-Autos, Verstaatlichung der Stromnetze, staatliche Lenkung der Technologieförderung, etc. Dass die Grünen insgesamt eine moralisierende Verbotspartei sind, die den Menschen eigenverantwortliches Handeln meist wenig zutraut, kam für mich im Inhalt der Anzeige so auch rüber. Die Form der Anzeige in Anlehnung an die zehn Gebote halte ich jedoch für nicht angemessen."

"Die Kampagne, die sicherlich nicht günstig war, wurde durch die Berichterstattung und die Reaktionen zur Kampagne noch einmal deutlich über ihren eigentlichen Wert verbreitet."

Julius van de Laar, Wahlkampf-Experte

Wahlkampf-Experte Julius van de Laar

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Wahlkampf-Experte Julius van de Laar. Bild: Markus Hertrich

Wahlkampf-Experte Julius van de Laar ist Berater für politische Kommunikation und Kampagnen-Management. Gegenüber watson erklärt er, wie die Kampagne der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft gegen Annalena Baerbock funktioniert:

"Wahlkämpfe sind immer ein Wettlauf um die Definition. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft versucht das politische Spielfeld als 'Freiheit nach Covid' versus 'Verbote durch Grüne' abzustecken. Der Vorwurf gegen die Grünen, eine Verbotspartei zu sein, ist nichts neues — viele erinnern sich an den 'Veggie-Day', die Forderungen nach höheren Benzinpreisen oder dem vermeintlichen Verbot von Kurzstreckenflügen. Genau dort setzt die Kampagne der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft auch an. Sie hat das Ziel ein bestehendes Narrativ zu verstärken. Ihre Kernzielgruppe hat sie mit der Kampagne erreicht. Durch die Berichterstattung und die Reaktionen auch in den sozialen Medien kam einiges an 'earned Media' Reichweite dazu: Die Kampagne, die sicherlich nicht günstig war, wurde durch die Berichterstattung und die Reaktionen zur Kampagne noch einmal deutlich über ihren eigentlichen Wert verbreitet. Einige Unterstützer der Grünen haben sich auch keinen Gefallen getan in dem sie das Framing der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft in den eigenen Posts auf Twitter übernommen und dadurch verstärkt haben."

Diese Art Kampagnen gegen Kanzlerkandidaten zu betreiben ist nicht neu. 2017 launchte die AfD eine Kampagne gegen die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel die mit "Die Eidbrecherin" überschrieben war und auf die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin bezogen war. Am Ende konnte die AfD einen Wahlsieg der CDU und eine weitere Amtszeit von Angela Merkel damit nicht verhindern, zog aber mit einem sehr guten Wahlergebnis in den Bundestag ein und wurde stärkste Oppositionspartei.

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