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Gesundheitsexperte Karl Lauterbach von der SPD. Bild: www.imago-images.de / Christian Spicker

Lauterbach kritisiert Corona-Dunkelziffer-Studie bei Kindern: "Für die Lage heute ohne Bedeutung"

Während gastronomische Betriebe, Hotels und Fitnessstudios seit Anfang November geschlossen sind, soll eines um jeden Preis verhindert werden: eine Schließung der Schulen. Selbst der Vorschlag von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Schulklassen zu halbieren und im Wechsel in den Präsenz- und Fernunterricht zu schicken, ist vergangene Woche Montag bei der Bund- und Länderkonferenz gescheitert.

Dennoch wurden immer wieder die Befürchtungen laut, dass die Corona-Dunkelzahl unter Schülern besonders hoch sei, was für strengere Maßnahmen an Bildungseinrichtungen sprechen würde. Das scheint eine Datenauswertung der Passauer Kinderklinik mit Unterstützung des Verbands Leitender Kinder- und Jugendärzte und Kinderchirurgen nun zu widerlegen.

Die Kinderärzte haben nach einer Analyse von 110.000 jungen Patienten herausgefunden, dass "im Mittel nur 0,53 Prozent der Kinder und Jugendlichen positiv" auf das Coronavirus getestet worden waren. Das Risiko, dass sich Kinder in Kitas und Schulen unbemerkt mit dem Coronavirus infizieren und das Virus weitertragen, sei somit möglicherweise deutlich geringer als angenommen, berichtete die "Passauer Neue Presse".

Lauterbach kritisiert die Datenauswertung

Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) hält die Studie allerdings für wenig aussagekräftig. Gegenüber watson sagt er:

"Die Studie ist für die Lage heute ohne Bedeutung."

Die Studie beschreibt Lauterbach zufolge einen Durchschnittswert der Infektionen "über einen Zeitraum, der für 90 Prozent des Intervalls irrelevant" sei: Ermittelt wurden die Daten des vergangenen halben Jahres bis zum 18. November.

Lauterbach meint, in den Sommer- und Herbstmonaten, die den Haupterhebungszeitraum ausmachen, sei in Deutschland damals in Bezug auf das Infektionsgeschehen "alles gut" gewesen: "Kinder und Erwachsene hatten wenige Fälle zu beklagen, weil die Fallzahlen erst sehr langsam stiegen." Das Wetter sei gut gewesen, man habe lüften können und sei zudem häufiger mit dem Fahrrad als den öffentlichen Nahverkehrsmitteln gefahren. "Viele Fälle gab es nur in Großbetrieben wie Fleischbetriebe oder nach großen Festen", sagt Lauterbach.

Seit es wieder kälter geworden ist, habe sich die allgemeine Corona-Lage im Land allerdings verändert:

"Seit zwei Wochen ist alles anders. Lüften geht schwer, voller Bus statt Fahrrad, viele Infektionen finden statt. Daher steigen die Fallzahlen bei Kindern sehr stark. Darauf müssen wir reagieren."

Hunderttausende Schüler in Quarantäne

In ihrer gemeinsamen Stellungnahme betonen die Kinderärzte, die die Studie durchgeführt haben: "Es steht außer Frage, dass Kinder und Jugendliche sich infizieren und auch das Virus weitergeben können." Es gebe jedoch deutliche Hinweise, dass die Infektionsquellen in der Mehrzahl außerhalb des schulischen Bereiches liegen, sodass neben den notwendigen Hygienemaßnahmen in den Schulen es weitere außerschulische Ansätze zur Eindämmung der Pandemie geben muss".

Momentan befinden sich etwa 300.000 Schulkinder und 3000 Lehrer in Quarantäne. Lauterbach hatte deswegen schon zu einem früheren Zeitpunkt halbierte Klassen im Präsenzunterricht gefordert, um das Infektionsrisiko zu senken. Am Mittwoch werden sich Bundeskanzlerin Merkel und die Länderchefs erneut mit den Corona-Maßnahmen in Schulen befassen.

(ak/se/mit Material von afp)

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