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Angebliche Satire mit Agenda: Der "Berliner Express" stiftet Verwirrung und Unruhe Quelle: law

Eine Internetseite verbreitet falsche Politiker-Zitate und sagt, das sei Satire

lars wienand

Die Adresse "berliner-express.com" sollte bei Lesern Alarmglocken schrillen lassen. Das selbst ernannte Satireportal mit Briefkastenadresse auf den Seychellen wird von einem österreichischen Chefredakteur auf den Philippinen betrieben, der Verbindungen zu russischen Staatsmedien hat – und keine Scheu vor Fake News. Mit seinen vordergründig satirischen Falschmeldungen ist er stellenweise extrem erfolgreich.

Falsch-Zitate von Jens Spahn

Auch Gesundheitsminister Jens Spahn, Vertreter des rechten Flügels der CDU, traf es kürzlich. Spahn hat öffentlich gesagt, er wolle die "AfD überflüssig machen". Und weiter: "Die AfD-Führung ist der NPD heute näher als der Union". Der "Berliner Express" unterstellte ihm trotzdem Nähe zur AfD: "Spahn: 'Mit der AfD verbindet uns mehr als mit der SPD'" Und: Deutschland brauche einen Rechtsruck.

Die Zitate sind erfunden. An diesem Fall lässt sich gut zeigen, wie die Seite arbeitet – und warum sie mitunter extrem erfolgreich ist.

Die erfundenen Zitate sind in den Augen mancher Leser nicht so überdreht und nicht völlig weltfremd. So gab es Aussagen von Unionspolitiker, die laut über Kooperationen mit der AfD nachdachten. Deshalb werden sie geglaubt – und Teil der politischen Auseinandersetzung.

Der Recklinghauser SPD-Landrat Cay Süberkrüb etwa stellte die erfundene Spahn-Meldung auf seine Facebookseite: "Selbst ernannter Kronprinz liebäugelt mit der AfD – es geht immer noch absurder!" Der frühere Geschäftsführer des "Netzwerks für Demokratie und Courage" und heutige saarländische SPD-Landtagsabgeordnete Sebastian Thul kommentierte nur "Na, dann!". Der Landauer SPD-Bürgermeister Torsten Blank empfahl: "Interessante Einblicke in die Spahnʾsche Gedankenwelt! Sollte man sich merken ..."

Die Journalistin Ingrid Brodnig, Autorin der Bücher "Lügen im Netz" und "Hass im Netz", erklärt das psychologisch. Sie nennt das zielgerichtet motiviertes Denken:

"Neue Informationen, die ins eigene Weltbild passen, werden weniger hinterfragt"

Bestehende Vorbehalte werden so verstärkt. Und das auch bei Menschen, die in ihrer Timeline nur die Überschrift gesehen haben und unbewusst die Information abspeichern.

Hier funktioniert das so: Vielen in der SPD gilt Spahn als zu rechts. Sie lehnen ihn ab. Die angebliche Satire bestätigt den eigenen Verdacht und wird deshalb eher geglaubt. Zumal, wenn klare Hinweise auf Satire fehlen.

Um zu verstehen, dass sie falsch liegen, hätten die SPD-Politiker in den "Über uns"-Bereich des "Berliner Express" schauen müssen. Dort verbirgt sich der Hinweis auf Satire, zusammen mit der Erläuterung, dass fna für "Fake News Agency" steht.

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Dreierpack: Hintereinander veröffentlichte die Seite gleich drei Texte mit zum Teil brisanten frei erfundenen Politiker-Zitaten. Screenshot berliner-express.de/Montage: t-online.de

Manche lassen sich aber noch nicht einmal davon abschrecken. Der Thüringer SPD-Abgeordnete Thomas Hartung beteiligte sich offenbar bewusst an der Verbreitung auf Facebook. Er wisse, dass es eine "rechte Satire-Zeitung" sei, antwortete er auf einen Hinweis. Das ändere aber nichts. Gepostet hatte er den Artikel mit dem Kommentar, er sei gegen eine "Koalition mit dieser Pappnase" gewesen.

Die Journalistin Ingrid Brodnig kritisiert: "Natürlich hat jeder das Recht, den politischen Gegner unsympathisch zu finden. Aber keiner hat das Recht, mit falschen Zitaten über das andere politische Lager zu hantieren oder diese zu verharmlosen."

Claudia Roth, die Hassfigur der extremen Rechten 

Wie einflussreich eine Nischenseite wie "berliner-express.com" mit dieser Masche sein kann, zeigte sich Ende Mai bei einem der ersten Artikel. Die Seite behauptete fälschlicherweise, die Grüne Claudia Roth habe ein Verkaufsverbot für Alkohol während des Ramadans gefordert, als "wichtiges Zeichen für die Toleranz".

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Zielscheibe: Erst soll Claudia Roth ein Alkoholverbot im Ramadan gefordert haben. Nach dem der frei erfundene Text ein viraler Erfolg wurde, hat der "Berliner Express" nachgelegt. Nun wird Roth in den Mund gelegt, die Nationalmannschaft sei „eigentlich noch nicht bunt genug – genauso wie auch Deutschland selbst.“ Auch das hat sie nie gesagt.

Roth ist eine Hassfigur für die extreme Rechte. Über sie sind zahlreiche Mythen im Umlauf. Entsprechenden Widerhall fand der Text, nachdem er durch die frühere CDU-Politikerin Erika Steinbach geteilt worden war und damit vielen auffiel.

Mehr als 60.000 Reaktionen wie Kommentare oder "Gefällt mir"-Klicks bekam der Text in der Folge bisher auf Facebook, wie t-online.de mit dem Analysetool Crowdtangle ermittelt hat. Hunderttausende müssen ihn wahrgenommen haben. Nur wenige Artikel großer Nachrichtenportale bewegen so viele Menschen.

Eine Falschmeldung vom vergangenen Samstag erreichte ebenfalls extrem viele Menschen: "Von der Leyen: Nato darf Erstschlag gegen Russland nicht ausschließen". 24.000 Reaktionen gab es darauf. Die Meldung wurde auch von dem AfD-Bundestagsabgeordneten Thomas Seitz geteilt – und von etlichen anderen Seiten kopiert, die keinen Hinweis geben, dass es sich dabei um Satire handeln soll.

In sozialen Netzwerken und selbst auf der Seite unter dem Artikel finden sich auch entsetzte Kommentare und Vorwürfe der Kriegstreiberei an von der Leyen. Die Beiträge wirken also, sie verfestigen Vorurteile.

Das Medienportal Meedia.de stellte bereits nach dem Text über Claudia Roth die Frage, ob die Seite womöglich "gar nicht das Hauptziel hat, mit Satire zu unterhalten". Es könne ja auch Ziel sein, "Lügen aufzuschreiben, um politische Stimmung zu machen und sich auf die Satirefreiheit zu berufen, um nicht belangt zu werden."

Ingrid Brodnig, die sich mit Falschnachrichten im Netz beschäftigt, bescheinigt bekannten Satireseiten wie "Der Postillon" oder "Die Tagespresse" eine "feine Klinge". Der "Berliner Express" sei damit nicht zu vergleichen, weil er überwiegend "plumpe Meinungsmache" biete. Die Inhalte dort würden nicht geteilt, weil Menschen sie lustig fänden, sondern weil sie sie für wahr hielten. "Das erkennt man auch daran, dass viele ihre Beiträge wieder löschen."

Das sagt der Chef von "Berliner Express"

"Berliner Express"-Chefredakteur Marko Maier sieht das anders: "Es ist eigentlich jedem ersichtlich, dass es sich hier um Satire/Falschnachrichten handelt." Er selbst schreibe normalerweise Sätze wie "Achtung, Satire!" hinzu, wenn er Artikel auf FB in Gruppen teile, teilte er t-online.de mit. "Weil mir auch bewusst ist, dass manche Leute eben doch sehr leichtgläubig sind". Und doch die Falschnachricht nicht erkennen.

Maier ist nach eigenen Angaben wegen seiner Frau und seines Kindes auf die Philippinen ausgewandert. Zu t-online.de sagte Maier, er sei politisch, habe aber mit keiner Partei wirklich eine sehr große Übereinstimmung. Facebook verrät über ihn aber auch, dass er Mitglied zahlreicher Putin- und AfD-Fangruppen ist. Auf "berliner-express.com" steht in der Selbstbeschreibung, es gebe "zu wenig überspitzte Kritik am herrschenden ... System". AfD-Politiker blieben dort bislang verschont.

Den "Berliner Express", der über Werbung "20 bis 40 Euro am Tag" abwerfe, habe Maier gegründet, weil er häufiger über Themen gestolpert sei, die sich für "tolle Satire" geeignet hätten, aber nicht zur Linie seines anderen Mediums passten.

Maier findet sich als Chefredakteur im Impressum des Portals "contra-magazin.com". Das gibt als befreundete Portale und Partner nicht nur Blogs an, die zum Teil für Verschwörungstheorien bekannt sind, sondern auch den vom russischen Staat finanzierten Sender RT. Maier selbst nennt das Portal eine "korrigierende Gegenstimme" zur "relativ gleichförmigen deutschen Medienlandschaft".

Er sei nicht prorussisch, sieht aber in "Putins Russland und Xis China zumindest derzeit wichtige geopolitische Ausgleiche zur doch sehr dominanten Stellung der Vereinigten Staaten". Und der "Berliner Express" sei ein Experiment.

Über seine Seite sagt er auch: "Satirische Überspitzung" sei sein "Hauptziel". Aber: 

"Teils kann man das Ganze direkt als Fake News klassifizieren."

Dieser Artikel ist zuerst auf t-online erschienen.

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