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13.09.2019 Gelsenkirchen Sankt Marien Hospital Buer *** 13 09 2019 Gelsenkirchen Sankt Marien Hospital Buer

Im Sankt-Marien-Hospital in Gelsenkirchen Buer wurden innerhalb weniger Monaten drei Kinder mit Fehlbildungen an den Händen geboren. Bild: imago images / biky

Drei Fälle in kurzer Zeit: Arzt erklärt, was hinter Fehlbildungen bei Babys stecken kann

In Nordrhein-Westfalen waren zuletzt binnen kurzer Zeit mehrere Babys mit Fehlbildungen an den Händen auf die Welt gekommen. Im Sankt-Marien-Hospital in Gelsenkirchen Buer wurden innerhalb weniger Monate drei Kinder mit solchen Fehlbildungen geboren. Die Klinik nannte dies "auffällig". Ethnische, kulturelle oder soziale Gemeinsamkeiten der Herkunftsfamilien waren nach Angaben der Klinik nicht erkennbar. Alle Familien wohnen demnach im örtlichen Umfeld des Krankenhauses.

"Fehlbildungen dieser Art haben wir viele Jahre lang nicht gesehen", hieß es vergangene Woche in einer Stellungnahme des Krankenhauses zu entsprechenden Medienberichten. "Das mehrfache Auftreten jetzt mag auch eine zufällige Häufung sein – wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig", erklärte die Klinik weiter.

Die Ursachen von Fehlbildungen bei Babys

Viele werdende Eltern sind nun verunsichert. Doch was sind mögliche Ursachen für derartige Fehlbildungen? Bei den drei Fällen in Gelsenkirchen ist das bisher unklar, es gibt lediglich Erklärungsansätze und viele, teils wilde Spekulationen bis hin zu Handystrahlung und Pestiziden.

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Prof. Dr. med. Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Charité Berlin. Bild: picture alliance/dpa/christoph soeder

Prof. Dr. med. Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Charité Berlin, hält nichts von derartigen Mutmaßungen. Er möchte Zusammenhänge von Fehlbildungen und Strahlung oder Pestiziden ohne Vorlage von verlässlichen Studien nicht kommentieren: "Zu Spekulationen und Vermutungen möchte ich nicht beitragen", sagt er.

Gegenüber watson erklärte Henrich, welche erwiesenen Ursachen Fehlbildungen von Extremitäten haben können.

Laut Prof. Dr. Wolfgang Henrich kommen folgende Ursachen für Fehlbildungen von Extremitäten in Frage:

Chromosomenstörungen

Fehlbildungen distaler Extremitäten, sprich körperferner Extremitäten wie Hände oder Füße, kommen gehäuft bei schweren, teils mit dem Leben nicht vereinbaren Chromosomenstörungen wie der Trisomie 13 und der Trisomie 18 vor:

"Lebenslimitierend hierbei sind in der Regel weitere damit verknüpfte schwere Fehlbildungen des Gehirns oder des Herzens. Hinzu kommen Syndrome, die das Skelettsystem betreffen. Des weiteren gibt es auch ein genetisch bedingtes familiäres oder sporadisches Auftreten."

Neben den genetischen Ursachen gibt es auch äußere Einflüsse, die für Fehlbildungen bei Babys verantwortlich sein können:

Amnion-Syndrom

Fehlbildungen distaler Extremitäten können auch durch sogenannte Amnion-Abschnürungen vorkommen, erklärt Henrich:

"Wir finden gelegentlich Eihautstränge in der Gebärmutter. Wenn eine Extremität davon unglücklich eingeschnürt wird, kann es dazu kommen, dass sie sozusagen stranguliert wird und sich daraufhin im Fruchtwasser auflöst."

Medikamente

Auch könnten bestimmte Medikamente eine Ursache sein, insbesondere wenn sie in der Frühschwangerschaft eingenommen werden:

"Es ist bekannt, dass Medikamente wie Phenytoin oder Valproinsäure zur Behandlung einer Epilepsie zu Fehlbildungen von Extremitäten führen können. Beides sind zugelassene Medikamente, die aber sehr problematisch in der Frühschwangerschaft sein können. Die Embryonalphase bis zur zwölften Woche ist besonders sensibel.

Ein Problem ist, dass über 50 Prozent der Frauen ungeplant schwanger werden. Im Fall einer geplanten Schwangerschaft können potentiell schädigende Medikamente abgesetzt und durch andere auch wirksame, aber unbedenkliche Medikamente ersetzt werden."

Mütterlicher Diabetes

Ebenfalls könne mütterlicher, schlecht eingestellter Diabetes eine Ursache für Extremitätenfehlbildungen sein:

"Neben Extremitätenfehlbildungen können auch Herzfehler oder ein offener Rücken häufiger auftreten."

Alkohol

Bezüglich Alkohol in der Schwangerschaft warnt Prof. Dr. Henrich: "Null Toleranz. Auch nicht für das oft verharmloste Gläschen Rotwein."

"Die Extremitätenknospen werden bereits in der vierten bis achten Schwangerschaftswoche angelegt. Ein Zeitraum, wo die Regelblutung gerade einmal zwei bis vier Wochen ausgeblieben ist. Das ist die sensible Phase für die Entstehung der Extremitäten. Wenn in dieser Zeit eine Noxe (Substanz mit potentiell schädigendem Einfluss, d. Red.) auf den Embryo einwirkt, kann es zu diesen Fehlbildungen kommen. "

Rauchen

Mit dem Rauchen sieht es ähnlich aus:

"Wir wissen, dass bestimmte Fehlbildungen, unter anderem auch Gefäßfehlbildungen, bei Raucherinnen häufiger sind. Das ist wie Alkohol ein vermeidbarer Risikofaktor."

Cadmium

Auch das Metall Cadmium könne ein Grund für Fehlbildungen sein.

"Cadmium ist auch als Ursache im Gespräch, teilweise wird es angeschuldigt, für Fehlbildungen von Extremitäten verantwortlich zu sein."

Cadmium wird unter anderem zur Herstellung korrosionsbeständiger Überzüge oder in der Produktion von Batterien genutzt. Auch dient es als Rostschutz für Eisen oder Stabilisator von Kunstsoffen sowie Farbpigmenten.

Wann kann man Fehlbildungen am ehesten ausschließen?

Das beste Zeitfenster, um erstmalig besonders schwerwiegende Fehlbildungen auszuschließen, sei mit 13 Schwangerschaftswochen durch eine frühe Ultraschall-Feindiagnostik. Aber es gebe auch Fälle, in denen in diesem sogenannten Ersttrimester-Screening alles okay gewesen sei, es dann aber durch Abschnürungen oder Durchblutungsstörungen doch zu Fehlbildungen distaler Extremitäten gekommen sei, sagt der Experte.

Dass sich aktuell durch die Berichterstattung eine Verunsicherung bei werdenden Eltern auszubreiten scheint, habe er bereits in seiner Sprechstunde erfahren, so Prof. Dr. Henrich: "Die ersten Eltern fragen seit den Meldungen über die Fälle in Gelsenkirchen bei der Ultraschalluntersuchung häufiger nach, ob mit den Extremitäten des Ungeborenen alles in Ordnung ist.

Gesundheitsminister Spahn verspricht Aufklärung und warnt

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat bereits Aufklärung versprochen und ebenfalls vor Mutmaßungen gewarnt: "Wir nehmen das ernst, wir schauen uns das an", sagte Spahn am Dienstagabend bei einer Veranstaltung des Redaktionsnetzwerks Deutschland in Berlin. Auch andere Ärzte warnten bereits vor Panikmache. Spahn wandte sich außerdem gegen voreilige Schlüsse: "Wir ziehen erst dann Schlussfolgerungen, wenn wir auch etwas wissen." Es gehe nun darum herauszufinden, ob es tatsächlich eine Häufung solcher Fehlbildungen bei Babys gebe.

Jedes Jahr werden einem Bericht zufolge in Deutschland etwa 50 Kinder mit Fehlbildungen an den Händen geboren. Die Fallzahl sei zuletzt gesunken – 2017 seien 47 Neugeborene betroffen gewesen, berichtete das Magazin "Focus" am Freitag unter Berufung auf die Gesundheitsberichterstattung des Bundes zur Dokumentation sämtlicher klinischer Meldungen in Deutschland. 2016 waren es demnach mit 52 Fällen etwas mehr gewesen.

(mit Material von dpa und afp)

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    Alle Leser-Kommentare
  • kdirnbach 21.09.2019 12:10
    Highlight Highlight Was mich sehr nachdenklich macht, ist die Kombination aus zeitlicher UND örtlicher Konzentration der Fälle, die in dieser Form wohl auch in Frankreich so auftritt. Vielleicht würde sich ein Blick zurück in die Entstehungszeit dieser unschuldigen Opfer lohnen - die fatalen Auswirkungen unserer in ihrer Wirkung absolut unterschätzten "Genußdrogen" wie Nikotin und vor allem Alkohol (ich weiß nicht, ob es bereits belastbare Studien für Cannabis gibt) ließen unter Umständen Rückschlüsse auf Ereignisse (Stadtfeste...) zu, bei denen evtl. doch mehr den Fötus gefährdende Substanzen genossen wurden.
  • Rena Tellmann-porter 21.09.2019 11:38
    Highlight Highlight man tut gerade so, als würde die aufklärung hier einen so massiven und lebensbeeinträchtigenden schaden am kind irgendwie relativieren? ist mir doch völlig gleich aus welchem grund! diese häufung ist der hammer und die tatsache an sich, das ein kind verstümmelt auf die welt kommt ist doch zum himmleschreien! was halten wir uns wieder "nur" mit der analyse auf, als gäbe es den aufschrei darüber nicht?
    • kdirnbach 21.09.2019 12:16
      Highlight Highlight Ihre Klage ist absolut berechtigt - die Suche nach der Ursache, ohne die keine bewusste Vermeidung von (dann bekannten) Risikofaktoren möglich ist, hat in meinen Augen jedoch eine ebensolche Wertigkeit. Aber ich teile ihre Emotion trotzdem uneingeschränkt!
    • Ralf Schabik 21.09.2019 21:05
      Highlight Highlight Nein, niemand "relativiert" hier etwas. Aufklärung heißt vielmehr, weitere Fälle möglichst zu verhindern. Medikamente werden heute nach dem Stand der Wissenschaft untersucht, so gut es geht. Aber man MUSS hinterfragen, welchen möglichen Schädigungen ("Noxen") die Eltern (es gibt auch Substanzen, die Spermien schädigen können !) ausgesetzt waren. Jede Häufung von Problemen muss sorgfältig analysiert werden - das zu akzeptieren, ist um so schwieriger, je grösser eine eigene Betroffenheit ist.
      Aber um so wichtiger ist, dass Fachleute zum momentanen Zeitpunkt keine Hypothesen absondern.

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