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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verteidigte seinen Organspende-Gesetzesentwurf am Montag in der ARD-Talkshow "Hart aber Fair" – auch gegen eine Organspende-Empfängerin. wdr/screenshot/watson-montage

Ausgerechnet eine Organspende-Empfängerin schimpft auf Spahns Gesetzesentwurf

Agatha Kremplewski

In sämtlichen Lebenslagen wäre es wohl absurd, ein Schweigen als Zustimmung zu werten.

In der ARD-Sendung musste der Gesundheitsminister heftige Kritik einstecken – überraschenderweise selbst von Betroffenen, einem Spender sowie einer Empfängerin.

Die Talkrunde:

Neben Jens Spahn waren Michael und Ulrike Sommer Teil der Talkrunde: Das langjährige Ehepaar hat selbst schon eine Organspende durchlebt – Herr Sommer, weil er gegeben hat. Und Frau Sommer, weil sie empfangen hat: Vor fünf Jahren schenkte ihr Mann ihr eine seiner Nieren, ohne die die Anfang-60-Jährige heute wohl nicht mehr am Leben wäre. Auch in der Sendung: Grünen Chefin Annalena Baerbock, die Spahns Vorschlag als Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht sieht, der Journalist Werner Bartens und im Einzelgespräch die Studentin Chantal Bausch, die ein Spenderherz trägt.

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Ulrike Sommer ist gegen die Widerspruchsregelung. Screenshot: ARD "hart aber fair"

Gegen die Ideen von Jens Spahn gibt es heftigen Widerspruch:

Frau Sommer sagt: "Herr Spahn sagt’s ja ganz deutlich, er möchte mehr Organe haben." Und weiter: "Das ist ein so großes Geschenk, das man sehr bewusst machen muss" – ein Geschenk, das sich das Ehepaar gegenseitig gemacht hat, wie ihr Mann betont. Schließlich konnte er so bisher fünf weitere Jahre gemeinsam mit seiner Frau verbringen.

Die Geschichte der Familie Sommer und deren bedingungsloser Zusammenhalt berührt, keine Frage. Dass deswegen jeder Mensch gleich Organspender sein sollte, sieht vor allem Frau Sommer anders. Für Spahns Vorschlag zur Widerspruchslösung findet sie lediglich harte Worte.

Ulrike Sommer fügt hinzu:

"Aber es gibt das Recht, sich mit seinem eigenen Tod nicht zu beschäftigen.”

Ein wesentliches Gegenargument, das Spahn immer wieder vorgehalten wird: Tritt die Widerspruchslösung in Kraft, unterliegen wir laut der Kritikerin einem Zwang, uns mit dem Thema Organspende unfreiwillig auseinandersetzen und unsere Organe abgeben zu müssen.

Die schenkende Geste unterliege damit einer gesellschaftlichen Pflicht. Eine Sichtweise, die Spahn in der Sendung übrigens mehrfach bestreitet – man werde über die Spende ja informiert und könne ihr aktiv widersprechen.

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Spahn erklärt sich, Baerbock schaut zu. screenshot: ard "hart aber fair"

Doch noch ein weiteres, bisher selten geäußertes Argument von Frau Sommer versetzt die Talkrunde in ein kurzes, betroffenes Schweigen:

Ulrike Sommer

"Das ist meine Krankheit. Da ist die Gesellschaft nicht für zuständig.”

Bei der Debatte um das Organspende-Gesetz stellt sich die Frage:

Ist es legitim, ein Gesetz zu verabschieden, das den eigenen Körper einer staatlichen Verordnung unterstellt?

In der Debatte geht es nicht mehr um die Frage von Freiwilligkeit versus Zwang – sondern darum: Inwiefern gehört mein Körper eigentlich mir selbst? Inwiefern kann er für die Allgemeinheit genutzt werden?

Dass sich mit Spahns Lösung allerdings zahlreiche Menschenleben retten lassen würden, lässt sich andererseits nicht leugnen.

Bequemlichkeit, fehlendes Wissen oder die mangelnde Bereitschaft, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen führen nach wie vor dazu, dass nur einer von zehn Wartenden das ersehnte Organ auch tatsächlich erhält. "Wir haben eine hohe abstrakte Bereitschaft", sagt Spahn dazu in der Sendung. "Aber im Konkreten funktioniert es nicht."

Aus diesem Grund sieht Spahn es als Notwendigkeit an, drastischere Maßnahmen einzuführen.

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