Deutschland
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Karl Lauterbach war am Donnerstagabend bei "Markus Lanz" zu Gast. Und er hatte keine guten Nachrichten im Gepäck. Bild: screenshot zdf

Lauterbach schildert Corona-Szenario, das er schon in 2 Wochen befürchtet

Die Lockerung der Corona-Maßnahmen wird in Deutschland seit einigen Tagen eifrig diskutiert. Zu den schärfsten Kritikern der Forderungen nach einem Ende des Lockdowns zählt der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Bei "Markus Lanz" erklärte er am Donnerstagabend ausführlich, warum er gegen jede Lockerung ist und was dabei aus seiner Sicht auf dem Spiel steht.

Wobei seine Sicht nicht nur die eines Politikers ist. Lauterbach ist Professor für Epidemiologie. Und das merkt man seinen Ausführungen auch an: Er nimmt keine Rücksicht auf Sehnsüchte und Hoffnungen, sondern bleibt nüchtern bei den wissenschaftlichen Fakten. Und die sind nun mal nicht immer erfreulich.

Niemand sei gerne der Überbringer schlechter Nachrichten, auch er nicht, betonte er. Nur um dann gleich eine ganze Reihe schlechter Nachrichten zu überbringen. Die Schulöffnungen? "Verfrüht." Die anderen Lockerungen? "Insgesamt zu früh." Die Diskussion um weitere Lockerungen? "Völlig daneben, setzt die falschen Signale."

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Sprach meistens mahnende Worte: Karl Lauterbach. Bild: screenshot zdf

"Vorsprung nicht verspielen"

Damit war klar, von welcher Warte aus Lauterbach spricht: Der des warnenden Mahners. Er als Epidemiologe hätte den Lockdown verlängert, sagte er weiter, um genug Reserven zu haben, bevor es Lockerungen gebe.

"Jetzt haben wir das nicht, es ist alles auf Kante genäht. Es muss alles klappen, damit wir den Vorsprung, den wir uns erarbeitet haben, nicht verlieren."

Es kam sogar noch düsterer. Wir seien in einer Situation, in der sogar wieder ein exponentielles Wachstum der Fallzahlen denkbar sei. "An welchem Punkt werden wir das sehen?", fragte Moderator Lanz nach.

Lauterbachs Prognose:

"In zwei, drei Wochen. Da würden wir neue Infektionsherde sehen, und zwar an verschiedenen Orten gleichzeitig. Das Problem ist, dass wir nicht in der Lage sind, diese schnell genug aufzuarbeiten, um weitere Infektionsketten zu vermeiden."

Der Unterschied zur ersten Infektionswelle sei enorm: "Wir hätten dann an vielen Orten gleichzeitig Feuer. Wir hatten ja bisher das Glück, dass es nur zwei, drei große Herde gab, die zu beherrschen waren." Er nannte Heinsberg und Ischgl-Urlauber. Das habe man gut und leicht nachvollziehen können.

Doch noch etwas anderes komme zum Tragen. "Der zweite, viel wichtigere Unterschied: Dann würde es Ältere betreffen. Wir hatten zuerst die Karnevalisten und die Urlauber, das waren in der Tendenz Jüngere."

Und als wolle er allen Zuschauern das Gefühl nehmen, Deutschland habe mal wieder Außergewöhnliches geleistet und sei quasi unverwundbar, bilanzierte Lauterbach schonungslos:

"Diese Kombination – wenige Herde und vor allem Jüngere – ist der einzige Grund, warum wir besser aussehen als andere Länder und das könnte mit einem Schlag weg sein."

Das musste auch Markus Lanz erstmal verdauen. Ob das denn wirklich der einzige Grund sei, wollte er wissen.

Es sei der Hauptgrund, erwiderte Lauterbach ungerührt. "Auch, dass wir schnell testen konnten." Und die Leute hätten durch die Bilder aus Italien eine Warnung gehabt und sich sofort von selbst anders verhalten. "Sie haben gesehen, das passiert in Italien und sich sofort zurückgezogen, noch vor dem Lockdown. Das war ein Schock. Aber der Effekt ist jetzt verbraucht."

Lauterbach lobt Testkapazitäten

Um auch mal was Positives zu sagen, ging Lauterbach dann noch auf die enorme Testkapazität in Deutschland ein. "Wir haben die Labors in den Kliniken und die privaten Labors. Dadurch konnten wir sofort überall lostesten." Lanz nannte die Zahl von 700.000 Tests pro Woche. Lauterbach setzte sogar noch einen drauf: "Wir bauen momentan eine Testkapazität auf, die auf der Endstrecke in ein paar Wochen bei zwei Millionen Tests pro Woche liegen könnte." Solche Kapazitäten habe sonst kein anderes europäisches Land.

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Karl Lauterbach hatte auch ein bisschen Lob übrig. Bild: screenshot zdf

Lanz wollte angesichts der wenig optimistischen Szenarien, die Lauterbach da entwarf, wissen, was er denn den Leuten sage, die nach Lockerungen verlangten, weil der große Tsunami, also der Ansturm auf die Krankenhäuser, bisher ausgeblieben sei? "Die Kliniken melden ja teilweise sogar Kurzarbeit an. Was sagen Sie denen?"

Die Epidemiologie habe nun mal keine Helden, konterte Lauterbach.

"Die Leute, die nicht gestorben sind, weil alles gut geklappt hat, erfahren ja nie, was ihnen erspart geblieben ist."

Er könne das zwar nachvollziehen, "aber es begründet nix. Wir haben einfach ein riesiges Glück gehabt und es kann sein, dass wir es jetzt verspielen."

"Hatten nur zwei, drei Hotspots"

Auch der sächsische Ministerpräsident Kretschmer bekam noch eine mit von Lauterbach. Auf dessen Ausführungen hin, man habe den Flächenbrand jetzt ausgetreten, stellte er unerbittlich klar: "Wir haben keinen Flächenbrand ausgetreten, wir hatten das Glück, dass der Flächenbrand nicht bei uns war. Wir hatten nur zwei, drei Hotspots. Dann haben wir so schnell reagiert, dass wir die niedertreten konnten."

Noch einmal warnte er eindringlich: Wenn wir jetzt den Flächenbrand bekämen, hätten wir nicht die Mittel, um das einzufangen.

"Wir haben die App noch nicht, wir haben auch nicht die Mannschaften, die wir bräuchten, um die Kontakte schnell genug nachzuvollziehen und damit die schnelle Ausbreitung zu vermeiden. Das ist das Problem."

(om)

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