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Wissenschaftler forschen mit Hochdruck an neuen Erkenntnissen zum Coronavirus und der von ihm ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19. (Symbolbild) Bild: imageBROKER / Sigrid Gombert

Studie: Viel mehr Corona-Infektionen als bisher bekannt

Das Robert-Koch-Institut zählt am Mittwoch 103.228 Menschen in Deutschland, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Laut der Johns-Hopkins-Universität sind es 107.663. Und doch könnten beide Zahlen sehr weit von der tatsächlichen Menge der Infizierten entfernt sein. Das jedenfalls legt eine Studie der Universität Göttingen nahe.

Demnach sind in Deutschland schätzungsweise nur etwa 15 Prozent der Corona-Fälle bekannt. Daraus würde folgen, dass es aktuell über 670.000 Infizierte gäbe. Die Dunkelziffer an nicht erkannten Erkrankungen würde also bei weit über einer halben Million liegen.

Weltweit sieht es den Forschern zufolge noch schlechter aus. Im Schnitt würden nur sechs Prozent der Erkrankten erkannt, heißt es in der Studie weiter. Dabei weichen die Quoten stark voneinander ab: In Großbritannien etwa sollen es nur 1,2 Prozent sein, in den USA 1,6. Für Spanien errechnen die Wissenschaftler 1,7 Prozent, für Italien immerhin 3,5.

Hohe Dunkelziffer würde unterschiedliche Sterberaten erklären

Am besten schneidet übrigens Südkorea ab. Den Forschern zufolge wurden in dem ostasiatischen Land 50 Prozent aller Infektionen erkannt. Der Grund für die insgesamt niedrige Rate ist der Studie zufolge die in vielen Ländern geringe Anzahl an durchgeführten Tests. In Südkorea wurden tatsächlich die meisten Tests pro Einwohner durchgeführt.

Die hohe Dunkelziffer könnte erklären, warum die Sterberaten in den einzelnen Ländern bisher so unterschiedlich ausfallen. So hat Italien beispielsweise 135.586 gemeldete Infektionen, also nur um die 30.000 mehr als Deutschland. Demgegenüber stehen jedoch etwa 2000 Tote in Deutschland und über 17.000 in Italien.

Zahlen sind nicht belastbar

Die beiden Entwicklungsökonomen Christian Bommer und Sebastian Vollmer nutzen für ihre Berechnungen die Schätzungen der Sterberate von Covid-19-Patienten und der Zeit von der Ansteckung bis zum Tod aus einer anderen Studie. Diese wiederum hatte die Daten von in China lebenden Chinesen mit denen von ausländischen Rückkehrern aus Wuhan abgeglichen. Da letztere intensiven Tests unterzogen wurden, sei es unwahrscheinlich, dass bei ihnen viele Fehldiagnosen vorlägen. Die Ergebnisse wurden dann auf die Bevölkerung des jeweiligen Landes hochgerechnet.

Die von den Forschern errechneten Dunkelziffern beruhen dennoch auf Annahmen. Deshalb wäre es auch gewagt, auf der Grundlage dieser Berechnungen nun reale Strategien zur Virusbekämpfung zu entwickeln. Beispielsweise, um die sogenannte Herdenimmunität zu erreichen. Demnach müsste eine möglichst große Zahl von Menschen mit dem Virus infiziert werden, um damit eine Immunisierung breiter Teile der Gesellschaft zu erreichen. Einhergehen würde das mit einer baldigen Lockerung der gegenwärtigen Schutzmaßnahmen wie Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen.

Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim lehnte genau dies in einem Kommentar bei den "Tagesthemen" am Dienstagabend ab. "Wer auf solchen unbestätigten Hoffnungen eine Exit-Strategie aufbaut, verkennt den Ernst und die Gefahr einer Pandemie, die es in dieser Wucht seit der Spanischen Grippe nicht gegeben hat", sagte sie, ohne dabei konkret Bezug auf die Studie der Uni Göttingen zu nehmen.

Das bestätigt auch Deutschlands wohl bekanntester Virologe, Christian Drosten, via Twitter. Er pflichtet Nguyen-Kim bei und erklärt: "Eine eventuelle Dunkelziffer kann man nur durch geografisch breit angelegte Untersuchungen bestimmen. Hier sollten wir zum gegenwärtigen frühen Zeitpunkt der Epidemie nicht all zu viel erwarten."

(om)

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