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Foto Tessa Ganserer

Das ist die erste Abgeordnete Deutschlands, die offen ihre Transidentität lebt

Tessa Ganserer ist verheiratet, 41 Jahre alt und hat zwei Söhne (6 und 11 Jahre alt). Sie sitzt seit 2013 für die Grünen im bayerischen Landtag, ihr Büro ist in Nürnberg, ihr Wohnsitz in Fürth. Sie ist stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss für Fragen des Öffentlichen Dienstes und Queerpolitische Sprecherin ihrer Partei.

Auf dem Personalausweis steht noch ihr alter Name, Markus Ganserer. Vor einigen Wochen, Anfang November hat Tessa der "Süddeutschen Zeitung" ein Interview gegeben, in dem sie öffentlich macht, dass sie transident ist. 

Tessa bezeichnet diesen Moment als ihr "Coming-out." Sie ist die erste Abgeordnete in Deutschland, die sich öffentlich als Transgender-Person bezeichnet.

Im SZ-Interview vor ein paar Wochen beschrieb Tessa ihren Alltag noch als transidente Person, also jemand der zwischen den Geschlechtern wechselt. Im Parlament arbeite sie als Mann, privat sei sie bisher zwei Mal im Monat eine Frau.

Inzwischen hat sie sich entschieden, vollständig in ihrer Geschlechtsidentität als Frau zu leben. Am Telefon meldet sie sich mit "Tessa Ganserer hier, hallo?"

watson hat mit Tessa gesprochen, wie es ihr seit dem Coming-out geht.

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Tessa Ganserer bei einer Grünen-Veranstaltung. bild: privat

watson.de: Seit Veröffentlichung des SZ-Interviews haben Sie sich entschieden, in Ihrer Geschlechtsidentität als Frau zu leben. Wie kam es dazu?
Ganserer: Ich empfinde mich als Frau. Das Interview war vor ein paar Wochen, davor habe ich meine Geschlechtsidentität im Geheimen gelebt und zwangsweise immer nur für kurze Zeit den Wechsel zwischen den Geschlechterrollen vollzogen. Dieser ständige Wechsel war für mich extrem belastend und der permanente Wunsch, als Frau zu leben, extrem stark. Zwei Wochen nach dem Interview hatte ich mein erstes Gespräch mit einem Psychologen, der mir meine Einschätzung der Geschlechtsdysphorie – also das Leiden unter dem Leben in der falschen Geschlechterrolle – bestätigt hat. Dieses Leiden ist eben nicht anders zu lösen, als dass man den Wechsel vollzieht und permanent in seiner Geschlechtsidentität lebt.

Hat das Coming-out Ihnen den nötigen Anstoß dazu gegeben, permanent in Ihrer Geschlechtsidentität zu leben?
Die Entscheidung war schon vor dem öffentlichen Coming-out zu 110 Prozent sicher. Ich wusste nur nicht, wann ich das Gefühl habe, auch emotional gefestigt zu sein, dass ich den Wechsel wirklich komplett vollziehe. Das Interview war der nötige Befreiungsschlag, endlich frei leben zu können. Auch das Gespräch mit dem Psychologen hat mir einen Blick von außen gegeben, der meine innere Wahrnehmung noch einmal bestätigt. Das hat dazu geführt, dass ich in meiner Entscheidung mittlerweile zu 150 Prozent sicher bin.

Vor ein paar Wochen saßen Sie im Parlament noch in Ihrer Rolle als Mann. Wie handhaben Sie das jetzt?
Für mich war das öffentliche Coming-out ein sehr großer und emotionaler Schritt. Zum Zeitpunkt, als ich das Interview gegeben habe, war mir noch nicht klar, wie schnell ich den Weg weitergehen werde. Ich habe jetzt das Parlamentsjahr und die Sitzungszeit im Landtag noch in meiner männlichen Rolle verbracht. So schwer mir das gefallen ist, mich dafür noch als Mann zu verkleiden. Aber mittlerweile habe ich damit abgeschlossen. Mit dem Jahreswechsel werde ich auch diesen Wechsel vollziehen und mich auch im Parlament und für öffentliche Auftritte nicht mehr als Mann verkleiden.

Wie geht es Ihnen damit bisher? Wie waren die Rückmeldungen auf Ihr Coming-out?
Die waren überwältigend, haben mich tief berührt und mir Kraft gegeben. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich so viele persönliche Rückmeldungen bekomme. Das waren Direktnachrichten, E-Mails, Menschen haben bei mir im Büro angerufen, ich habe handschriftliche Briefe bekommen, aus Deutschland und ganz Europa. Dafür möchte ich auch noch einmal Danke sagen, das hat sehr gut getan. In den Sozialen Medien wie Facebook gab es auch Häme und Spott, das habe ich dann alles gar nicht gelesen irgendwann. Die anderen waren alle ausgesprochen positiv, Menschen haben mich beglückwünscht zu meinem Mut, mir Respekt gezollt, sehr viel betroffene Menschen, die den Weg vollständig gegangen sind mit geschlechtsangleichenden Maßnahmen, andere die wie ich sehr lange ein Schattendasein führten, ihre Geschlechtsidentität nicht offen ausgelebt haben, andere die sehr offen damit umgehen. Die Gesellschaft muss sich darüber im Klaren sein: Es gibt noch viel mehr als nur transidente und transsexuelle Personen, es gibt einen bunten Regenbogen an Möglichkeiten.

Dass Sie auch als Frau leben möchten, entdeckten Sie vor 10 Jahren in einem blauen Sommerkleid Ihrer Frau. Wenn Sie an den Moment zurückdenken und das vergleichen mit dem Heute: Was hat sich für Sie verändert?
Für mich war es ein sehr langer Prozess, mich so anzuerkennen wie ich bin. Da gibt es unterschiedliche Verläufe. Menschen, die bereits als Kind erkennen, dass sie transident sind. Und es gibt Menschen wir mich, die entdecken ihre eigentliche Geschlechtsidentität erst im späteren Lebensverlauf und die brauchen lange Zeit, sich selbst zu entdecken und anzunehmen. Sie werden von frühester Rolle in eine Geschlechtsidentität reingepresst und merken vielleicht gar nicht, dass es ihnen einfach nicht entspricht. Und für mich war das eine sehr lange Phase, bis ich wirklich dazu stehen konnte. Dass einen das ganze Umfeld so wahrnehmen kann, wie man sich fühlt. Es ging für mich manchmal nicht mehr um die Frage, wie ich weiter lebe möchte, sondern wie kann ich denn überhaupt noch weiterleben?   Es gab Phasen, in denen habe ich alle Frauenklamotten weggeschmissen, den Wunsch hatte, dass das aufhört und immer wieder kam ich zu dem Ergebnis: Nein, so bin ich, so will ich sein. Es hat lange gedauert, bis ich das meiner Frau gegenüber eingestehen konnte und dann nochmal länger, bis ich den Schritt nach draußen gewagt habe.

Sie haben nach wie vor die Unterstützung Ihrer Frau. Wie sieht Ihr neuer Alltag zuhause aus?
Ich habe mit meiner männlichen Rolle abgeschlossen. Der Schalter ist für mich umgelegt, sämtliche Männerkleidung ist bereits verschenkt und außer Haus gebracht. Also lebe ich zuhause und vollständig als Frau. Ich habe mich auch vor meinen Kindern lange Zeit versteckt, was für mich wahnsinnig schwierig und umständlich war. Erst eine Woche vor dem Interview mit der SZ habe ich mich ihnen erklärt. Die Umstellung war für sie überhaupt kein Problem. Seit dem Coming-out habe ich auch zuhause den Alltag als Frau verbracht. Es wird so langsam zur Normalität für mich. Ich sehe mich allerdings noch diskriminiert und zwar beim Transsexuellengesetz.

Was genau meinen Sie damit?
Bei der Änderung des Personenstandsrecht zur dritten Geschlechtsoption hätte die Bundesregierung auch die Chance gehabt, das Menschenrecht auf Geschlechtsidentität für alle Menschen anzuerkennen und im Gleichschritt auch das Transsexuellengesetz zu reformieren. Das Gesetz wurde in mehreren Beschlüssen vom Bundesverfassungsgericht entsprechend kritisiert und ist eigentlich nur noch ein Torso. Nichtsdestotrotz ist das bestehende Gesetz für Betroffene immer noch diskriminierend. Ich muss jetzt ein Jahr lang den „Alltagstest“ bestehen, eine Bezeichnung, die ich absolut unpassend finde.

Der Alltagstest...

...auch "Alltagserprobung". Der sogenannte Alltagstest (full-time real-life experience) bezeichnet eine Selbsterfahrung bzw. Selbsterprobung im Identitätsgeschlecht, indem der Betroffene durchgängig in allen sozialen Bezügen in der angestrebten Geschlechtsrolle lebt. 

mds richtlinien 2009

Ich muss psychologische Gutachten selbst finanziert über mich erstellen lassen, damit ich dann vor Gericht den Antrag auf Personenstandsänderung führen kann. Dieses eine Jahr ist für mich extrem belastend und diskriminierend, weil man überall wo man die Identität zu erkennen geben müssen mit einem männlichen Ausweis kommen müssen. Seien das Fahrkartenkontrollen in öffentlichen Verkehrsmitteln, wo man den Fahrschein vorzeigen müssen und das Bild nichts mehr mit dem Erscheinungsbild zu tun hat. Oder bei der Bank und so weiter. Das ganze Verfahren muss dringend reformiert werden und es wird dringend Zeit, dass man das verstaubte Gesetz aus den 80er Jahren durch ein Gesetz auf geschlechtliche Selbstbestimmung ersetzt.

Wie sieht das neue Jahr für Sie aus und Ihre Zukunft? Was sind die nächsten Schritte beruflich und privat?
Politisch habe ich als queerpolitische Sprecherin eine neue Aufgabe, und werde den ganzen queeren Regenbogen in allen Spektralfragen berücksichtigen. Auch Bayern ist wesentlich bunter als das Papier, auf dem der Koalitionsvertrag gedruckt wurde. Bayern ist das einzige Bundesland, das keinen Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie hat. Wir brauchen dafür immer noch Akzeptanz. Dafür werde ich mich die nächsten Jahre einsetzen, nicht nur für transidente Menschen, sondern die ganze queere Familie. Persönlich werde ich natürlich daran arbeiten, dass mein Erscheinungsbild möglichst mit meiner Geschlechtsidentität übereinstimmt. Also Maßnahmen wie Bartepilation stehen da auf jeden Fall an, geschlechtsangleichende Operationen sind höchste Privatsache und generell für die Geschlechtsidentität nicht notwendig. Wenn wir einem Menschen begegnen, können wir ihn als allein an dem äußeren Erscheinungsbild als Frau oder Mann akzeptieren oder wie er sich definiert. Der Blick in die Hose ist dafür nicht notwendig. Und was in der Hose ist, bleibt auch Privatsache.

Ich möchte das Wort Vulvalippen etablieren!

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Video: watson/Gunda Windmüller, Lia Haubner

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