06.06.2020,Berlin,Deutschland,GER,Nach dem Tod von George Floyd kommen Tausende von Menschen zu einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt am Alexanderplatz zusammen. *** 06 06 2020,Berlin,Germany,GER,After the death of George Floyd thousands of people gather at Alexanderplatz for a demonstration against racism and police violence

Teilnehmer bei der "Black Lives Matter"-Demo am vergangenen Wochenende in Berlin. Bild: www.imago-images.de / Stefan Zeitz

Rassismus bei der Polizei: "Ich erlebe bei Polizisten viel Neugierde und Unwissen"

Hat die deutsche Polizei ein Problem mit strukturellem Rassismus? Und wenn ja, wie groß ist es? Die Proteste nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd haben diese Fragen auch in Deutschland wieder auf die Tagesordnung gebracht. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken sagt: Ja, es gibt "latenten Rassismus" in der deutschen Polizei. Politiker aus CDU und CSU, aber auch aus der SPD selbst, widersprechen ihr.

Watson hat darüber mit Burak Yilmaz gesprochen. Er kennt beide Perspektiven: Die der Polizisten, die in deutschen Städten auf Streife unterwegs sind – und die von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte, die sich von der Polizei zu Unrecht an den Pranger gestellt sehen. Yilmaz arbeitet als Pädagoge und gab auch Seminare für Polizeibeamte.

Wir haben mit ihm über Racial Profiling gesprochen, über Polizisten als Vorbilder – und darüber, was jemand tun kann, wenn er unangenehme Erfahrungen mit der Polizei macht.

watson: Herr Yilmaz, hat SPD-Chefin Saskia Esken Recht, wenn sie "latenten Rassismus" bei der Polizei in Deutschland beklagt?

Burak Yilmaz: Rassismus kommt in der gesamten Gesellschaft vor. Menschen wie ich, also Deutsche mit Migrationsgeschichte, erleben das in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt – und natürlich auch von der Polizei. Es ist aber schwer zu sagen, wie präsent Rassismus dort ist. Dazu gibt es kaum Forschung in Deutschland, in den USA und Großbritannien ist man da weiter.

Also hat Frau Esken Recht oder nicht?

Das hängt davon ab, was sie unter "latentem Rassismus" versteht. Wir Deutsche mit Migrationsgeschichte erleben auf jeden Fall auch von der Polizei Rassismus.

"Wir sind nicht die erste Generation, die Rassismus erlebt – das war schon bei unseren Eltern und Großeltern so. Der Unterschied ist:
Unsere Generation macht den Mund auf."

Pädagoge Burak Yilmaz

Sie haben ja lange Seminare und Kurse für Polizisten gehalten. Würden Sie persönlich sagen, dass Rassismus bei der Polizei häufiger vorkommt als im Rest der Gesellschaft?

Wenn ich mit Jugendlichen arbeite, berichten sie häufig von Rassismuserfahrungen in der Schule – aber auch bei Polizeikontrollen. Und wir sind nicht die erste Generation, die das erlebt – das war auch schon bei unseren Eltern und Großeltern so. Der Unterschied ist: Unsere Generation macht den Mund auf. Wir wollen ernst genommen werden. Wir wollen, dass die Fälle dokumentiert werden und dass mit uns darüber gesprochen wird.

Also gibt es eine positive Entwicklung?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben heute die Sprache, um über Rassismuserfahrungen zu sprechen. Meine Großeltern konnten kaum Deutsch, ich selbst habe Deutsch studiert. In früheren Generationen wurde Rassismus auch oft verschwiegen. Jetzt durchbrechen wir das Schweigen.

"Wenn ich in einem vollbesetzten ICE-Waggon der Einzige bin, der kontrolliert wird, wenn mein Koffer nach Drogen durchsucht wird, ich dann nachfrage, warum ich der Einzige bin, der kontrolliert wird – und ich dann keine Antwort bekomme, dann werde ich natürlich misstrauisch."

Pädagoge Burak Yilmaz

Wie groß ist das Problem mit "Racial Profiling" in Deutschland – mit gezielten Polizeikontrollen von Menschen, deren Aussehen eine Migrationsgeschichte vermuten lässt?

Ich nenne mal ein Beispiel: Wenn ich in einem vollbesetzten ICE-Waggon der Einzige bin, der kontrolliert wird, wenn mein Koffer nach Drogen durchsucht wird, ich dann nachfrage, warum ich der Einzige bin, der kontrolliert wird – und ich dann keine Antwort bekomme, dann werde ich natürlich misstrauisch.

Und das erleben Sie regelmäßig?

Inzwischen seltener. Aber in meiner Jugendzeit gehörte das zu meinem Alltag.

"Ich habe bei Polizeianwärtern immer viel Interesse am Thema Rassismus festgestellt, sehr viel Neugierde, aber auch viel Unwissen."

Pädagoge Burak Yilmaz

Sprechen wir über die Kurse, die Sie für die Polizeischule gegeben haben: Was machen Sie konkret, um angehende Polizisten für dieses Problem zu sensibilisieren?

Diskussionsrunden, Streitgespräche. Aber auch Rollenspiele, bei denen man bestimmte Szenen nachstellt. Wichtig ist, Polizeianwärtern die nötigen Kompetenzen zu vermitteln, damit sie im Alltag richtig reagieren können. Ich habe da immer viel Interesse am Thema Rassismus festgestellt, sehr viel Neugierde, aber auch viel Unwissen. Ich habe auch immer wieder aus meinem eigenen Leben erzählt. Daraufhin haben viele angehende Polizisten gefragt, wie sich so etwas wie Racial Profiling eigentlich bei jemandem anfühlt, der das erlebt.

Bild

Burak Yilmaz Bild: polynice / pascal bruns / Pascal Bruns

Burak Yilmaz

Pädagoge, der mit Polizisten und Jugendlichen arbeitet

Burak Yilmaz ist 1987 in Duisburg geboren und dort aufgewachsen. Er ist Pädagoge in der Jugendarbeit, er engagiert sich besonders gegen Rassismus und Antisemitismus. Für ein Projekt, für das er mit muslimischen Jugendlichen regelmäßig in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz fährt, ist Yilmaz 2018 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Und Yilmaz hat jahrelang Woche für Woche Seminare an der Polizeihochschule geleitet, in denen er Polizisten für interkulturelle Kompetenz sensibilisiert.

Haben Ihre Seminare bei den Polizisten gewirkt?

Ja. Ein Fall hat sich mir stark eingeprägt: Ein türkeistämmiger Polizeianwärter hat in einem Seminar davon erzählt, wie er in der Schule rassistisch beleidigt wurde. Er war der Einzige mit Migrationsgeschichte im Raum. Und die anderen haben das wirklich ernst genommen, auf einmal war da ein nachdenkliches Schweigen von allen anderen. Nach dem Gespräch haben viele gesagt: Wir wussten gar nicht, dass Rassismus so schlimm ist, dass sich das so äußern kann – und haben sich mit dem Kollegen solidarisiert, was wiederum für ihn sehr schön war.

Haben in Ihren Seminaren Polizisten selbst manchmal rassistische Vorurteile geäußert?

Nein. Es war eher Unwissenheit da, was Rassismus eigentlich ist, wie er sich äußert, wo er herkommt. Und was man dagegen tun kann.

Polizisten kommen ja von Berufs wegen eher mit den problematischen Fällen in Berührung, mit Gewalt und Kriminalität in bestimmten Gruppen. Wie lässt sich verhindern, dass diese Perspektive Vorurteile verstärkt?

Es muss verhindert werden, dass Polizisten mit Minderheiten nur dann in Kontakt kommen, wenn es um Kriminalität geht. Sonst kommen Pauschalurteile gegen bestimmte Gruppen in Gang, nach dem Motto: Die sind ja alle so. Eine kritische Polizeiarbeit muss diesen Prozess immer wieder durchbrechen, sie muss Selbstreflexion ankurbeln.

Wie bekommt man das hin?

Indem man positive Beispiele nennt: etwa von türkeistämmigen Menschen, die in der Öffentlichkeit sichtbar sind, sich für diese Gesellschaft einsetzen. Man muss die Vielfalt innerhalb stigmatisierter Gruppen sichtbar machen.

"Mir persönlich ist wichtig, dass es gerade in Städten wie Duisburg – und ganz besonders in Stadtteilen, die als "No-Go-Area" diffamiert werden – Vorbilder in der Polizei gibt, die nahe an den Bürgern arbeiten, mit denen die Menschen sich identifizieren können."

Pädagoge Burak Yilmaz

Sie kommen aus Duisburg, das in Deutschland ja oft im Zusammenhang mit hoher Kriminalität und Problemen bei der Integration genannt wird – Stichwort Duisburg-Marxloh. Funktioniert Ihre Arbeit gegen Rassismus bei der Polizei dort?

Ja. Und mir persönlich ist wichtig, dass es gerade in Städten wie Duisburg – und ganz besonders in Stadtteilen, die als "No-Go-Area" diffamiert werden – Vorbilder in der Polizei gibt, die nahe an den Bürgern arbeiten, mit denen die Menschen sich identifizieren können. Bei mir in Duisburg war das zum Beispiel Hans Raulin, der in den 1980ern in Duisburg-Bruckhausen Revierchef war, einem Viertel mit einem sehr hohen Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte. Raulin war ein ehrlicher, direkter Ruhrpott-Typ. Als er gestorben ist, wurde der Platz, an dem er aktiv war, nach ihm benannt. Bis heute hat er in dem Stadtteil einen Legendenstatus.

Sie hatten im vergangenen Jahr in einem Facebook-Post geschildert, wie sie selbst als einziger Mensch auf dem Evangelischen Kirchentag von der Polizei kontrolliert wurden, wie sie stark vermuteten, dass das nur wegen ihres vermeintlich nicht-deutschen Aussehens war – und wie sie selbst dann recht schlagfertig reagierten. Was raten Sie Jugendlichen, die selbst in so eine Situation geraten?

Wichtig ist, immer nach dem Warum zu fragen. Nicht den Respekt vor den Polizisten verlieren, aber kritische Fragen zu stellen, warum man jetzt gerade kontrolliert wird. Ich selbst bin als Jugendlicher in solchen Situationen oft ins Stottern geraten, weil ich so verunsichert war – und wurde dann gefragt, ob ich Drogen genommen hätte. Also: Es hilft, ruhig zu bleiben. Und, wenn es geht, die Situation danach aufzuschreiben, zu dokumentieren.

Und was hat ein Jugendlicher dann davon, wenn er es aufgeschrieben hat?

Man kann zu einer Antidiskriminierungsstelle gehen damit. Aber in erster Linie hilft einem das selber, um mit der Erfahrung klarzukommen, um Muster aufzuzeigen. Bei meiner Arbeit mit Jugendlichen lasse ich sie solche Szenen dann manchmal nachspielen – und spreche dann mit ihnen darüber.

Was sollten Polizisten tun, um Menschen nicht das Gefühl zu geben, dass sie nur wegen ihrer Herkunft kontrolliert werden?

Zwei Sachen sind mir wichtig: Die Polizisten sollten sensibilisiert sein für die Perspektive des Menschen, den sie gerade vor sich haben. Und sie sollten sich darüber im Klaren sein, was Rassismus ist. Dafür wäre es wichtig, eine sich auf eine einheitliche Rassismusdefinition zu einigen, die sich für die Polizeiarbeit verwenden lässt.

Nach dem gewaltsamen Tod George Floyds wird auch in Deutschland über Polizeigewalt gesprochen, es gibt Demonstrationen mit zehntausenden Teilnehmern. Bringt uns das als Gesellschaft voran?

Ja, absolut. Es wird gerade ein Ruf nach Gerechtigkeit und Gleichberechtigung laut, nachdem das Thema jahrelang verschwiegen worden ist. Viele Jugendliche wollen eben in einer Gesellschaft leben, zu der Schwarze Menschen selbstverständlich dazugehören, in der ihre Existenz nicht mehr verhandelbar ist.

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