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Bild: imago stock&people

Clanchef, Sexarbeiter, schwul – Diese Autorin hat muslimische Männer analysiert

20.09.18, 11:19 21.09.18, 08:05
Yasmin Polat
Yasmin Polat

Ob Chemnitz oder Köthen – Rechtspopulisten und Rechtsradikale in ganz Deutschland haben ein gemeinsames Feindbild: den muslimischen Mann.

Vor allem als 2015 viele Menschen aus Syrien und anderen Kriegsgebieten nach Deutschland geflüchtet sind, hat sich das ohnehin schon exotisierte Bild des muslimischen Mannes in der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf einige wenige – meist negative – Klischees reduziert. 

Der muslimische Mann ist Zielscheibe und Adressat von Stereotypen, Erzählungen und sogar Ängsten einiger "besorgter Bürger".

Sineb El Masrar ist Autorin und Publizistin und hat 2010 ihr Buch "Muslim Girls – Wer wir sind, wie wir leben" veröffentlicht. Darin beschreibt sie die Lebenswelt muslimischer Mädchen in Deutschland. Jetzt kommt der Nachfolger "Muslim Men – Wer sie sind, was sie wollen".

"Sie bringen uns Pakete, reparieren unsere Autos, beraten uns in Rechtsfragen, oder bei Handyverträgen, sie behandeln unsere Krankheiten, unterrichten unsere Kinder, frisieren unsere Haare, sie durchleuchten am Flughafen unser Gepäck, verkaufen uns Wein, Tabak, Pot, Lebensmittel, Immobilien, Sex oder drängen uns auf penetrante Weise religiöses Material auf, ob nun auf der Straße oder im Netz. So mancher von ihnen lebt gar das Klischee des betrügerischen Sozialschmarotzers."

"Muslim Men – Wer sie sind, was sie wollen", Sineb El Masrar, Herder Verlag

Sineb El Masrar

...wurde 1981 in Hannover geboren, ihr Vater kam Mitte der 1960er Jahre aus Marokko nach Deutschland. 2006 gründete sie "Gazelle", eine multikulturelle Frauenzeitschrift. Von 2010 bis 2013 war sie Teilnehmern der Deutschen Islamkonferenz.

In dem Buch geht es um muslimische Männer in all ihren Facetten. Die 37-Jährige hat sich dafür mehrere Monate mit Psychologen getroffen, mit Sozialarbeitern und knapp zwei Dutzend muslimischen Männern selbst gesprochen.

El Masrar beleuchtet die Lebenswelt vieler "Muslim Men": Sie hat sich beispielsweise mit dem Boss einer arabischen Großfamilie getroffen, mit einem Sexarbeiter, spricht über deutschen Gangsta-Rap und Muttersöhnchen und stellt bei allen fest: Echte Emanzipation im Islam geht nur mit den Männern.

watson hat mit der Autorin über die "Muslim Men" gesprochen

Sineb El Masrar Bild: herder verlag

watson: Sineb, wer sind die "Muslim Men" für dich?
El-Masrar: So banal das klingt: Das sind Männer wie alle anderen auch. Nur dass es ihnen – im Gegensatz zu nicht-herkunftsmuslimischen Männern, an Rollenbildern fehlt. Es fehlt ihnen eine Symbiose aus verschiedenen Identitäten. Sie sind türkischstämmig, marokkanischstämmig, arabischstämmig, berberisch, afrikanisch, asiatisch, schwarz – sie haben selbst viele Identitäten, die sie noch nicht geschafft haben, zu verbinden. Und sie haben Unsicherheiten, die sie nicht öffentlich artikulieren können und mit anderen muslimischen Männern darüber zu sprechen.

Sind das Probleme außerhalb oder innerhalb der eigenen Community?
Die Probleme in der eigenen Community sind viel größer als die mit der Mehrheitsgesellschaft. Und der Frust aus der eigenen Familie wird so mit sich herumgetragen und unterdrückt. Das wird dann kompensiert, indem man sehr oft Rassismus beklagt, aber das Problem ist die eigene Unzufriedenheit. Denn rechtlich sind vor allem deutsche Staatsbürger in diesem Land gleichgestellt.

Anekdote aus dem Buch:

Sineb trifft sich über eine Kontaktperson mit einem Patriarchen, dessen Clan in Berlin, Essen und Bremen verschiedenen "Geschäften nachgeht". Sie fragt ihn nach der Kindererziehung und wieso arabische Kinder in Deutschland so einen schlechten Ruf hätten, so viele Jungen kriminell seien. Der Clanchef macht den deutschen Staat dafür verantwortlich, dass die Jungs auf die falsche Bahn geraten, da der Staat nicht wolle, dass "wir hochkommen". Auf die Frage, ob sich arabische Eltern mehr in die Erziehung ihrer Kinder einmischen sollten, stimmt er entschieden zu.

Aber man muss sich ja nur Chemnitz anschauen: Da gibt es eindeutigen Rassismus.
Genau, und den gibt es in jedem anderen Land auch. Aber es gibt auch zig Menschen, die sich in diesem Land explizit gegen diese rechte Gesinnung auf die Straße begeben. Das zeigt ja, dass Menschen in diesem Land differenziert denken und Rassismus als ein Problem wahrnehmen. Das ist in vielen anderen Ländern nicht der Fall. Da werden Minderheiten eher unterdrückt und marginalisiert. Und dieses Denken gegenüber Schwarzen, Kurden, Amazigh, Jeziden, Juden wird in Deutschland fortgeführt. Natürlich gibt es Chemnitz, aber eben auch ein großes Meer an Menschen, die sagen: "Das ist nicht unser Deutschland und das wollen wir nicht."

Aber reicht das? Ist Rassismus in Deutschland für dich kein so großes Problem?
Natürlich reicht das nicht. Wir leben zwar in einem Land, wo sich überall Menschen in Vereinen, Initiativen und auch ehrenamtlich gegen Rassismus engagieren und sogar in Teilen staatlich unterstützt werden durch diverse Fördertöpfe. Das ist sehr wichtig und richtig. Was wir aber noch immer nicht begriffen haben, ist, dass wir in einer multireligiösen und multiethnischen Gesellschaft unterschiedlichen Rassismus erleben. Denn es gibt auch Rassismus unter Nicht-Herkunftsdeutschen. Jeden Tag! Und den bekämpfen wir noch immer nicht effektiv, weil viele ihn zum Teil nicht sehen wollen. Jeder und jede ist täglich gefragt, wachsam zu sein und Rassismus in allen Facetten die Rote Karte zu zeigen.

BERLIN, GERMANY - OCTOBER 03: An elderly Muslim man is seen sitting on a chair during midday prayers at Sehitlik mosque, which is mostly Turkish, on Open Mosque Day on October 3, 2017 in Berlin, Germany. Hundreds of mosques participate in the annual event across Germany that coincides with German Unity Day. Germany held federal elections in September and the right-wing Alternative for Germany (AfD) political party won 12.6% of the vote on a platform that included anti-Muslim and anti-immigrant rhetoric.  (Photo by Omer Messinger/Getty Images)

Bild: Getty Images Europe

Was sind die schmerzhaften Punkte für die "Muslim Men" in der Selbstanalyse?
Da ist einmal die Gewalt, die Männer selbst sehr früh am eigenen Leib erfahren haben. Das geht durch die Bank weg bei allen, die ich getroffen haben. Egal, ob sie erfolgreiche Karrieremänner sind, zu den Gewinnern oder Verlierern gehören: Gewalt in der Erziehung, Gewalt in der Moschee gehörte immer dazu. Oftmals wurde berichtet, dass die Imame mit Stöcken auf die Gliedmaßen geschlagen haben. Auch der Ton war alles andere als freundlich. Schwarze Pädagogik ist damals wie heute noch existent.
Ein weiteres Problem ist ein sehr ambivalentes Verhältnis zur eigenen Mutter, aber auch der Druck, der innerhalb der Community herrscht. Wie die Partnerin zu sein hat, wie Intimitäten ausgelebt werden. Mädchen sind da viel stärker im Fokus der Mehrheitsgesellschaft, als auch ihrer Familien und der Community. Die einen betrachten sie als Opfer, die anderen als ihr Eigentum, um es mal sehr drastisch zu beschreiben. Die Mädchen leben ein stärkeres Doppelleben.

Aber dieses Doppelleben leben auch viele muslimische Männer.

Sie sind mit dem klassischen Männlichkeitskonstrukt konfrontiert: Der Mann, der Versorger ist, nicht weint und Härte zeigt. Und wenn sie dann doch unsicher sind, Ängste haben, nicht wissen, wie sie zur eigenen Homosexualität stehen, oder wenn er sich eigentlich eher als sie versteht – werden all das schmerzhafte Unsicherheiten. Außerdem gibt es auch viele muslimische Männer da draußen, die mit ihrer Religion hadern. In dem Moment, in dem Eltern versäumt haben, die Identität zu stärken und den Jungs beim Erwachsenwerden zu helfen, suchen viele andere wiederum ihre Identität in der Religion. Das wertet sie auf. Wenn dann jemand problematische Auslegungen kritisiert, wird das nicht als Angriff auf die Religion, sondern auf die Identität verstanden. Und das erzeugt genau die Konflikte in der Gesellschaft, die wir haben.

Anekdote aus dem Buch:

Der 31-Jährige Mustafa arbeitet als Sexarbeiter in Nordrhein-Westfalen. Er ist BWL-Student, hat zwei Ausbildungen absolviert und spricht mehrere Sprachen. Jetzt arbeitet er, wie er selbst sagt "als Transe im Escortbereich". Zu seinen Kunden zählen Gangsta-Rapper, Handwerker und Imame. Vom alten Imam mit Rauschebart bis zum jungen Jet-Set-Imam war alles dabei. Mustafa fiel schon früh auf, dass er sich eher zu Jungen hingezogen fühlte, unterdrückte das allerdings lang und lebt bis heute ein Doppelleben. Mustafa wünscht sich, sesshaft zu werden und einen liebevollen Partner. Allerdings "keinen Ausländer", wie er klarstellt.

Bild: imago stock&people

Welche Konflikte meinst du genau? Wie sehen die häufigsten Konflikte im Alltag aus?
Jeder Mensch hat das Recht, nicht zu glauben und auch Religion nicht mögen. Damit steht ihm auch zu, diese Weltanschauungen – und dazu gehört eben auch der Islam – zu kritisieren. Das bedeutet ja nicht, dass einem die Religion dadurch abgesprochen wird. Das darf sich auch kein Atheist anmaßen. Wenn jemand seine Identität aber nur aus dem Islam speist, weil er keine gesunde vielschichtige Identität ausbilden konnte, wird er je nach Schwäche und Aggressionspotenzial zu Beschimpfungen, Herabwürdigung anderer oder Gewalt übergehen. Das sehen wir im Kleinen, wenn Muslime Jeziden, Aleviten oder Christen mit der Hölle drohen, ihren Kindern verbieten, mit ihnen Freundschaften zu schließen oder gar Partnerschaften einzugehen, oder wie im Falle von sogenannten Islamkritikern mit dem Tod bedrohen und deshalb unter Staatsschutz leben müssen.

Für wen hast du das Buch geschrieben? Damit die Deutschen die "Muslim Men" besser verstehen, oder damit die "Muslim Men" sich selbst besser verstehen?
Sowohl als auch. Es gibt viele Fragen und Vorurteile und die wollte ich für alle ein bisschen genauer unter die Lupe nehmen. Die "Muslim Men" sind ja überall. Sie bringen uns unsere Pakete, durchforsten unser Gepäck am Flughafen, sind Ärzte, Partner, Nachbarn, verkaufen uns Döner, sind unsere Lehrer – und das Buch ist für alle, die das Phänomen noch nicht ganz verstehen, aber aufgeschlossen sind. Und es ist auch ein Buch für muslimische Männer, denn egal, mit wem ich dazu geschrieben oder gesprochen habe: Durch die Bank weg hieß es immer: "Wir brauchen so ein Buch. Wir sind unglücklich. Wir müssen reden."

BERLIN/GERMANY/DEUTSCHLAND/ 11.jULY 2018_ .Non wester immigrants in Berlin German (Photo.Francis Joseph Dean / Deanpictures. PUBLICATIONxNOTxINxDEN

Bild: imago stock&people

Was eint denn alle "Muslim Men" deiner Meinung nach?
Leider oft die Gewalterfahrung in der Erziehung, da gab es kaum jemanden, der das nicht erzählt hat. Ein oftmals abwesender Vater, teils auch Mütter. Diejenigen, die sich gut entwickelt haben, hatten immer eine Vater-Ersatz-Figur. Sei es der ältere Bruder, Onkel, Vater eines Freundes. Was ich interessiert fand: Vielen muslimischen Frauen wird es ja noch immer untersagt, einen Mann anderen Glaubens zu heiraten. Das liegt auch daran, da es bei vielen muslimischen Männern die Unsicherheit gibt, dass sie nicht mehr allein auf den muslimisch-weiblichen Pool allein zugreifen können.

Jetzt stehen sie in Konkurrenz mit anderen Konfessionen.

Und sowohl Frauen als auch muslimische Männer, die schwul sind und mit denen ich gesprochen habe, sagten mir: Sie wollen keinen muslimischen Partner. Weil die alle schwierig seien. Dass sie sich nicht mit den eigenen Problemen auseinandersetzen, mit den Dämonen und der eigenen Community, führt also im Endeffekt auch dazu, dass viele muslimische Männer alleine bleiben und einsam werden. Und im Salafismus und Islamismus zumindest die Garantie finden, dass man ihnen Frauen zur Seite stellt.

Aus dem Buch:

Bilal gehört zu den Gastarbeitern der ersten Generation, ein Rentner, der wie viele andere Muslime regelmäßig in die Moschee geht. Er outete sich vor einiger Zeit bei seiner Frau und Freunden als schwul, nach jahrzehntelangem Schweigen. Seine Kinder lehnen ihn seit seinem Outing ab, für Bilal wurde damit seine größte Angst wahr. Für die Zukunft wünscht er sich wieder Kontakt mit seinen Kindern und mehr "Toleranz für Homosexuelle unter seinen Landsleuten", sagt er.

Liegt das Problem in der Religion?
Ja und Nein. Der Islam ist nicht der alleinige Verhinderer von Aufstieg und Ausgeglichenheit. Das sind andere Faktoren und die finden sich in erster Linie in der Beziehung zu Vater und Mutter. Der Islam ist aber – wie das Christentum – eine patriarchal angelegte Religion. Und wenn die Frau nur als Mutter geehrt wird und nicht als Individuum mit eigenen Interessen, wirkt das auch auf die Männer da sie mit Müttern aufwachsen, die selbst zum Teil unterdrückt worden sind, oder sich selbst dem patriarchalen System unterordnen. Und das kommt den Söhnen und später Männern nicht zugute. Da kommt der Islam ins Spiel. Ja, es gibt den Islam, der einengt und keine Kritik oder freie Entfaltung zulässt. Männer, die sich zuhause nicht frei entfalten konnten oder bedingungslos geliebt wurden, sind empfänglich für diesen traditionellen Islam, der Struktur gibt. Der Islam ist da, wo er politisch instrumentalisiert wird, ein Problem. Und den gekränkten Seelen, die hier in Deutschland rumlaufen, suggeriert Islamismus Stärke, Macht und Unantastbarkeit.

Wer trägt denn Schuld an den "gekränkten Seelen" hier?
Das Dilemma ist: Mädchen stehen viel mehr im Fokus. Eine junge Frau wird viel eher von der Familie dazu befähigt, einen Haushalt zu führen, eine Ehe, ihr Studium zu beenden. Die Jungen haben zu viel von der Freiheit, die den Mädchen fehlt. Diese Freiheit wird oft mit Vernachlässigung in der Familie gekoppelt. Die Eltern bringen den Jungs nicht bei, Eigenverantwortung zu übernehmen und das fällt denen als Erwachsene auf die Füße. Der finanzielle, berufliche Erfolg ist aber für Männer viel essenzieller. Bei den Gesprächen und Analysen hat sich herausgestellt, dass viel in den Familien versäumt worden ist. Eine ungesunde Mutter-Sohn-Beziehung spielt da klar mit rein. Das erzeugt bei den Jungen Frustration, da sie nicht der Partnerersatz sein sollten, sondern eben das Kind der Mutter.

Anekdote aus dem Buch:

Sineb beschreibt die Beziehung zwischen Mutter und Sohn in vielen Familien als problematisch, da durch einen oftmals abwesenden Vater das Kind den Partnerersatz stellen muss. Dies führe Psychologen zufolge im späteren Erwachsenenleben unter anderem zu fehlender Eigenständigkeit und einem gestörten Frauenbild der Männer.

Aber Deutschland und dessen Integrationsbemühungen oder –Versäumnisse siehst du in dem Mix nicht?
Natürlich befeuert das alles. Es gibt nicht den einzigen Faktor. Es gibt Jungs, die kommen aus prekären Verhältnissen, hatten keinen liebevollen Vater, aber haben es geschafft. Aber sie haben es eben deswegen geschafft, weil sie die Rahmenbedingungen gefunden haben, eine andere Vaterfigur, eine Gesellschaft und das bietet Deutschland: sich sozial zu steigern. Man kann hier eine Ausbildung machen, das soziale Gefälle ist nicht so ausgeprägt wie in Frankreich oder England. Natürlich gibt es Rassismus und der kränkt, aber: Wer zuhause geliebt, geschätzt und zu Selbstständigkeit ermutigt wird, der kann mit Rassismus umgehen und entfaltet sich auch. Und wir sehen immer wieder, dass egal in welchen Gesellschaften muslimische Männer leben – ob es nun eine ist, die sie marginalisiert oder die rassistisch ist – das nicht der Grund ist, weshalb sich jemand radikalisiert oder scheitert im Leben. Der Grundstein wird in der Familie gelegt.

In der Öffentlichkeit gibt es oft Fälle, in denen die Religion und Nationalität der Täter hervorgestellt wird. Zum Beispiel der Fall von Mia in Kandel. Wie nimmst du das wahr und wie wird das nach deiner Erfahrung in der Community besprochen?
Es ist ein Teufelskreis, da das Stigma des brutalen und fanatischen muslimischen Mannes durch solche Ereignisse und Berichterstattung weiter an einer ganzen konfessionellen Gruppe haftet, die eigentlich auch vielschichtig ist. Auch wenn es einige Besonderheiten bei ihnen gibt. All die ausgeglichenen, muslimischen Männer haben somit ihren Ruf weg, bevor sie in Erscheinung treten. Andererseits fragen sich zahlreiche Bürger und Bürgerinnen in diesem Land, wer der Täter ist. Dazu gehört auch die ethnische Herkunft oder Staatsangehörigkeit. Es ist unser gutes Recht auf Information. Wir müssen allerdings dringend lernen, diese Informationen nicht gegen eine ganze ethnische oder religiöse Gruppe zu verwenden. Denn das geschieht immerzu von rechtspopulistischer Seite und das macht es so unfassbar schwer, friedlich miteinander zu leben. Auch hier ist es wichtig, Courage zu zeigen und solch einen Missbrauch zu mahnen. Denn Fakt ist auch, dass unschöne Dinge immer geschehen werden. Aber unsere Intention darf es nicht sein, solche Ereignisse zu missbrauchen.

Jetzt sprichst du viele Probleme der "Muslim Men" an. Was sind denn ihre positiven Eigenschaften?
Es gibt viele, die Durchhaltewillen bewiesen haben. Die zeigen: Wenn man dranbleibt und an sich selbst glaubt, selbstkritisch ist, kann man damit nur gewinnen. Das führt zu einem besseren Leben, statt sich immer der eigenen Community, Religionsgemeinschaft oder Männlichkeitskonstrukt unterzuordnen. Und davon gibt es ziemlich viele und die sind eben nicht sichtbar. Die einzig sichtbaren sind Islamvertreter, Menschen, die insgeheim gar nicht daran interessiert sind, dass die Gesellschaft zusammenwächst . All diese erfolgreichen, herzlichen, engagierten, differenziert denkenden muslimischen Männer, die es auch zahlreich in Deutschland gibt, sieht und hört keiner. Die bekommen in dem Buch auch ein Forum.

Group of Muslim people in restaurant enjoying Middle Eastern food. Selective focus

Bild: iStockphoto

Wie denkst du, reagieren die "Muslim Men" auf das Buch? Jetzt kommt eine Frau und erzählt den vielleicht ohnehin schon unsicheren Männern, was ihre Probleme sind.
Ich habe ja ihnen nicht erzählt, was ihre Probleme sind. Sie haben mir erzählt, was ihre Probleme sind. Und ich habe mit Menschen gesprochen, bei denen ich gar nicht gedacht hätte, dass das möglich wäre. Bei allen war das Bedürfnis da, zu sprechen. Ich glaube, viele haben mich eher als eine Art Schwester gesehen, der sie sich anvertrauen können. Die Mehrheit meiner Gesprächspartner wollte anonymisiert werden und das zeigt, dass der Gesprächsbedarf da ist, aber sie noch unsicher sind, ob sie sich der Öffentlichkeit stellen können. Aber es gibt viele, die reden wollen.

Das Schweigen hat ja nichts gebracht.

Welche "Muslim Men" haben dich in deiner Lebenswelt geprägt?
Mein Vater hat mit mir immer über alles diskutiert, war sehr direkt und hat seine Meinung nicht zurückgehalten. Diese Art habe ich sicher von ihm. Das war sehr erfrischend. Seine Erziehung machte keinen Unterschied zwischen Tochter und Sohn. Er hat mich nie eingeschränkt. Dieser Muslim Man ist eine meiner prägendsten Figuren im Leben und ich verdanke ihm viel. Das bedeutet auch, dass ich Männer, die mir mit einer Macho-Attitüde entgegen kommen, nicht ernst nehmen kann und meist nur mit den Augen rolle.

"Muslim Men – Wer sie sind, was sie wollen" (Herder Verlag) ist seit dem 17. September im Handel erhältlich.

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