Deutschland
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Die Menschen in Gesundheits- und Pflegeberufen sind laut Zukunftsforscher Daniel Dettling die Helden der Krise. Bild: www.imago-images.de / 7aktuell.de | Daniel Jüptner via www.imago-images.de

Interview

Zukunftsforscher zu Corona: "Das sind die Helden der Krise"

Das Coronavirus breitet sich weiter in Deutschland aus. Am Montag empfahl die Bundesregierung drastische Maßnahmen, denen die Landesregierungen einheitlich gefolgt sind. Viele Geschäfte bleiben zu: Bars, Clubs, Diskotheken sowie Kneipen, Theater, Opern, Konzerthäuser und Museen. Außerdem Messen, Ausstellungen, Kinos sowie Freizeit- und Tierparks, außerdem Spielhallen, Spielbanken und Wettannahmestellen sowie Bordelle. Auch Restaurants müssen um spätestens 18 Uhr schließen.

Ausdrücklich ausgenommen von der Schließung sind Supermärkte, Tankstellen oder auch Frisöre.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte am Montag im Interview mit "t-online.de", dass wir den Coronavirus besiegen werden, aber "in was für einer Gesellschaft wir danach leben werden, und in was für einer Welt, das hängt davon ab, wie wir heute handeln".

Watson hat den Zukunftsforscher und Politikwissenschaftler Daniel Dettling danach gefragt, wie das Coronavirus unsere Gesellschaft verändern wird. Dettling ist Gründer der Denkfabrik "re:publik – Institut für Zukunftspolitik" und berät Parteien, Ministerien und Unternehmen. Sein aktuelles Buch trägt den Namen: "Zukunftsintelligenz statt Zukunftsangst: menschliche Antworten auf die digitale Revolution."

Dettling erklärt, wie der Pflegeberuf durch die aktuelle Krise aufgewertet wird und warum so viele Väter lieber Zeit im Büro verbringen wollen.

Dieses Interview wurde von einem Familienvater aus dem Homeoffice geführt.

watson: Wie verändert das Coronavirus unsere Gesellschaft aktuell?

Daniel Dettling:
Es gibt auf der einen Seite eine große Welle der Solidarität. Menschen organisieren sich und trotzen gemeinsam der Krise. Man hilft sich in der Nachbarschaft und organisiert sich online. Obwohl wir sozial Abstand halten müssen, rücken die Bürger näher. Auf der anderen Seite erleben wir aber politisch aktuell eine eher negative Entwicklung: Die Deglobalisierung.

Was bedeutet Deglobalisierung?

Das ist eine Entwicklung, die versucht, die Globalisierung rückgängig zu machen, und sich wieder auf Nationalstaaten zurückzuziehen. Die "America First"-Politik von Donald Trump und der Brexit sind die augenscheinlichsten Ausprägungen der letzten Jahre. Das spitzt sich jetzt in Richtung Antiglobalisierung zu: Donald Trumps Versuch, eine Tübinger Firma, die einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt, aufzukaufen und Wissenschaftler abzuwerben, die exklusiv nur für die USA an einem Gegenmittel arbeiten sollen.

"Gerade die USA haben massiv eingespart beim Seuchenschutz"

Oder auch, dass China damit droht, keine Medikamente mehr an die USA zu liefern. Aber auch, dass in Deutschland diskutiert wird, ob man Teile der Produktion wieder zurückholt. Das alles ist Teil der Deglobalisierung, die gerade stattfindet. Und die ist eher eine negative Folge der Corona-Pandemie. Ihre Wohlfahrtsverluste wären enorm.

Waren Länder wie die USA und Großbritannien, die sich bereits vorher für eine Abschottungspolitik entschieden haben, besser vorbereitet?

Nein, das kann man überhaupt nicht sagen. Gerade die USA haben massiv eingespart beim Seuchenschutz. Erst kürzlich wurde die Abteilung im Weißen Haus geschlossen, die sich mit Pandemien und Epidemien beschäftigt. Es sind vor allem die rechtspopulistischen Länder, die die Grenzen jetzt schließen. Aber wir wissen alle, dass das überhaupt nichts bringt, wenn die Pandemie schon im Land ist. Das sind hilflose Maßnahmen und zeigt nur, dass diese Länder überhaupt nicht vorbereitet sind.

Wie ist es mit Deutschland?

Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme und ist für eine Seuche wie Corona sehr gut ausgestattet. Da wird das eine oder andere Land vielleicht noch ein großes Aha-Erlebnis haben, was dieses Thema angeht. Es gibt Ökonomen, die bereits vorhersagen, dass Trump aufgrund des Umgangs der US-Regierung mit dem Coronavirus die Wahl verlieren wird.

Denken Sie das auch?

Wenn es sich so zuspitzt und beschleunigt, wie es aktuell aussieht, spricht einiges dafür. Donald Trumps Wähler verzeihen ihm alles, aber wenn es um die eigene Gesundheit geht und die Börsen weiter so ins Minus rutschen, dann hört auch die Loyalität von Trumps Anhängern auf.

"Positiv gesehen könnte Erkenntnis wachsen, dass die Welt wieder mehr kooperieren muss"

Was könnte die Welt aus der Krise lernen?

Positiv gesehen könnte daraus die Erkenntnis wachsen, dass die Welt wieder mehr kooperieren muss. Eine Pandemie wie das Coronavirus macht nicht vor Ländergrenzen halt. Gerade um so eine Krise zu bewältigen, wäre es gut, wenn die Länder mehr voneinander lernen würden und Frühwarnsysteme entwickeln, um für so eine Krise gerüstet zu sein.

Haben Sie den Eindruck, dass das aktuell schon passiert?

Aktuell noch nicht, aber man muss hier wohl noch abwarten, bis das Gröbste überstanden ist.

Gleichzeitig findet aber auch ein wahnsinniger Egoismus statt. Was sagen Hamsterkäufe über uns als Deutsche aus?

Das ist zunächst mal eine sehr menschliche Reaktion. Auch im Einzelhandel hat niemand mit dieser Reaktion gerechnet. Es ist klar, dass da jetzt gerade die Regale leer sind, wenn die Leute hamstern. Auch die staatliche Informationspolitik hat diese Panik befördert. Erst hieß es, man braucht keine Schulschließungen, dann werden plötzlich doch überall die Schulen geschlossen und Bayern ruft den Notstand aus. Das fördert nicht gerade das Vertrauen. Aber die Lager sind voll, es ist eine Panikreaktion, mehr nicht.

Ein Großteil des Penicillins, das in Deutschland genutzt wird, kommt aus China. Wichtige Fertigungsteile für die deutsche Industrie werden auch dort produziert. Ihr Fehlen führt dazu, dass hier in Deutschland die Fertigung stillsteht. Wird das Coronavirus dazu führen, dass wir weniger nach Fernost auslagern?

Man wird wohl eine Doppelstrategie fahren. Einerseits wird man die globalen Lieferketten weiter nutzen, aber parallel versuchen, wichtige Produkte und Produktionsteile hier in Europa herzustellen, um sich nicht in eine solche Abhängigkeit zu begeben und im Krisenfall die Kapazitäten in Europa hochzufahren.

Was bedeutet die aktuelle Krise für unser Gesundheitssystem?

Das wurde sträflich vernachlässigt. Es gab sogar Studien, wonach jedes zweite Krankenhaus in Deutschland geschlossen werden könnte. Das öffentliche Gesundheitswesen erlebt jetzt eine Renaissance. Es wird in den nächsten Jahren wieder mehr Geld in unser Gesundheitssystem fließen und relevante Arzneimittel, die als sicherheitsrelevant gelten, werden wieder vor Ort produziert.

"Das sind die Helden der Krise: Die Gesundheits- und Pflegeberufe"

Was bedeutet das für uns als Verbraucher?

Medikamente werden wahrscheinlich teurer. Das ist aber eine sinnvolle Investition in die Zukunft. Hier wird es sicher ein neues Nachdenken geben. Die aktuelle Krise ist der Super-Gau: Eine Finanzkrise, die auf eine Gesundheitskrise trifft. Das ist schlimmer als die Finanzkrise von 2008/2009.

Wird die Erfahrung mit Corona dazu führen, dass man Berufe im Gesundheitsbereich wie Krankenpflegern oder Ärzten mehr Anerkennung zugesteht und auch besser bezahlt?

Das auf jeden Fall. Das sind die Helden der Krise: Die Gesundheits- und Pflegeberufe. Da haben wir auch jetzt schon eine hohe Zuwachsrate in den letzten Monaten gehabt. Ebenso beim Kita-Personal und den Erzieherinnen. Diese Beschäftigten in den "kritischen Infrastrukturen" werden aufgewertet. Das große Problem ist nur, dass wir hier einen großen Fachkräftemangel haben.

Das Zukunftsinstitut hat gerade ein Konzeptpapier veröffentlicht, indem es verschiedene Konsequenzen der Corona-Pandemie durchspielt: "Der Corona-Effekt. Vier Zukunftsszenarien."

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Zukunftsforscher und Politologe Daniel Dettling Bild: Edgar Rodtmann

Was aber auch an der schlechten Bezahlung und den schlechten Arbeitsbedingungen liegt…

Das stimmt. Die Bezahlung ist das eine, aber auch die Arbeitsbedingungen sind ein Grund. Es gibt viele, wie auch der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, die andere Arbeitsbedingungen vorschlagen. Da spielen viele Dinge hinein. Mittel- und langfristig können aber auch Assistenzsysteme wie Roboter das Personal entlasten. Insgesamt brauchen wir hier aber ein neues Denken, auch was Arbeitszeit angeht.

Zum Thema Homeoffice:

"Männer denken, dass die Präsenz-Zeit das Nonplusultra ist. Je mehr Zeit man im Büro verbringt, desto besser kann man Karriere machen und ist gut angesehen"

In anderen Jobs ändert sich die Arbeitsweise gerade auch grundlegend: Auf einmal merken viele Arbeitnehmer und Chefs, dass Homeoffice doch möglich ist und das eine oder andere Meeting unnötig. Was bedeutet die Corona-Pandemie für die Digitalisierung in Deutschland?

Wir Menschen sind sehr eitle Wesen und halten uns für unabkömmlich. Das betrifft vor allem den männlichen Teil der Spezies. Frauen sind da flexibler, was das angeht und robuster. Männer denken, dass die Präsenz-Zeit das Nonplusultra ist. Je mehr Zeit man im Büro verbringt, desto besser kann man Karriere machen und ist gut angesehen. Jetzt sind es die Leute, die als erstes ins Büro gehen und als letztes hinausgehen, die unsere Gesundheit gefährden. Die werden jetzt ins Homeoffice befohlen und da gehen die meisten von ihnen nicht freiwillig hin.

Weshalb?

Weil es auch mit privater, mit familiärer Arbeit verbunden ist. Amerikanische Forscher zum Thema Arbeit sagen gerne, "home becomes work and work becomes home". Die eigentliche Arbeit ist zuhause: Die familiäre Arbeit, die soziale Arbeit und die Kindererziehung. Männer möchten das aber oft gar nicht so gerne, weil sie sich in der Firma viel wohler fühlen. Dort ist ihr Platz und ihre Kollegen sehen sie als ihre eigentliche Familie.

"Das Internet bekommt durch Corona einen großen Schub. Es geht ein digitaler Ruck durch Deutschland"

Wie revolutioniert der Coronavirus unseren Umgang mit Homeoffice?

Wir erleben einen kulturellen Wandel. Wir wissen, dass über 50 Prozent der deutschen Arbeitsplätze Computerarbeitsplätze sind, die prinzipiell zumindest teilweise auch im Homeoffice bearbeitet werden können. Man macht das aber nicht aufgrund von kulturellen Restriktionen und weil es in den Augen von vielen Männern eher was für Frauen ist. Es wird auch häufig von den Chefs nicht unterstützt. Das ist auch eine Führungsfrage.

Führt das Coronavirus hier vielleicht auch zu einer Veränderung unseres Umgangs mit der Digitalisierung?

Die Digitalisierung wurde in Deutschland bislang als Bedrohung wahrgenommen. Jobs wären bedroht und der Arzt würde sich nicht mehr persönlich mit dem Patienten unterhalten und stattdessen per Chat kommunizieren. Computer und Künstliche Intelligenz sind für uns Deutsche eine Beleidigung. Das Internet bekommt durch Corona einen großen Schub. Es geht ein digitaler Ruck durch Deutschland. Endlich!

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