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Schlagersänger Michael Wendler, bevor er sich von "DSDS" verabschiedete und in die Welt der Verschwörungsmythen abdriftete. Bild: www.imago-images.de / Revierfoto

Interview

Lieblingskanal von Wendler und Hildmann: Faktencheckerin erklärt, warum Telegram gefährlich ist

Einen einzigen Beitrag hat der Schlagersänger Michael Wendler seit der Bekanntgabe seines "DSDS"-Ausstiegs bei Instagram gepostet: ein Foto von einem Handy, darüber prangt in dicken pinken Lettern "100.000 Follower", und in dezenterem Weiß: "Michael Wendler. Jetzt bei Telegram". Mittlerweile sind es rund 108.000. Mittlerweile hat sich der Musiker auf Instagram mit einem langen Statement zurückgemeldet, in dem er beteuert kein Corona-Leugner, sondern lediglich Maßnahmen-Kritiker zu sein, auf gar keinen Fall aber ein "Aluhut-Träger".

Mit seinen jüngsten Statements und Postings geht der Wendler nicht nur gedanklich einen ähnlichen Weg wie der Vegan-Koch Attila Hildmann oder die ehemalige Fernsehmoderatorin Eva Herman. Sie alle vereint nicht nur das Misstrauen an Corona, das Verteufeln der Maßnahmen und der Unglaube an den deutschen Staat, sondern auch ihre Leidenschaft für dieses Medium: Telegram. Bei dem Instant-Messaging-Dienst lassen sich nämlich nicht nur Nachrichten verschlüsselt verschicken, sondern auch große private Gruppen gründen, bei denen Meldungen an hunderttausende von Followern verschickt werden können. Teils auch Fake News oder Verschwörungsmythen, wie im Falle von Wendler, Hildmann oder Herman.

Watson hat mit der Journalistin und Faktencheckerin Uschi Jonas von "Correctiv" darüber gesprochen, welche Gefahr besonders von Telegram ausgeht, wie sich falsche Meldungen generell in den sozialen Medien verbreiten und woran man sie erkennt.

"Durch Nachrichtendienste wie Telegram rutscht die Verbreitung falscher Informationen und Verschwörungsmythen immer mehr ins Private, und das finde ich gefährlich."

Attila Hildmann hat jüngst in seinem Telegram-Kanal die Meldung geteilt, Menschen in Australien würden entführt und zwangsgeimpft werden. Das klingt alles andere als glaubwürdig. Woran erkenne ich denn eine falsche Meldung? Kann ich das überhaupt sofort erkennen, ohne zu recherchieren?

Es gibt bestimmte Warnzeichen: Wenn einem die Meldung auf den ersten Blick komisch vorkommt und man sie noch auf keiner großen Nachrichtenseite gelesen hat, sollte man stutzig werden. Ansonsten ist es sinnvoll, Fragen zu stellen: Wer verbreitet die Meldung? Welcher Social-Media-Account oder Autor steckt dahinter? Gibt es seriöse Quellen für die Meldung? Wurden die Quellen richtig zitiert? Es ist auch immer hilfreich, die jeweilige Person, die eine Behauptung postet oder verschickt, zu fragen, woher sie die Information hat.

Bei Bildern lohnt häufig eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google, Tineye oder Yandex. So kann man herausfinden, ob das Foto aktuell und im passenden Kontext entstanden ist. Auf Dauer entwickelt man ein wenig ein Gefühl dafür, ob es sich bei einer Meldung vielleicht um eine Falschbehauptung handeln könnte – um ein wenig Recherche kommt man allerdings meist nicht umhin. Und natürlich hilft es auch, nach bestimmten Begrifflichkeiten und 'Faktencheck' zu suchen. Vielleicht haben wir oder andere Faktenchecker zu einem Thema bereits etwas veröffentlicht.

Werden manchen Menschen, basierend auf ihrem Internetverhalten, eher Falschmeldungen angezeigt als anderen?

Das ist ein grundsätzliches Problem. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter funktionieren mithilfe von Algorithmen. Das heißt, mit der Zeit werden zunehmend Inhalte ausgespielt, die dem vermeintlichen Weltbild entsprechen. Dadurch können regelrechte Filterblasen entstehen, wodurch manche Menschen gar nicht mehr in Kontakt kommen mit anderen Meinungen oder Fakten. In gewisser Hinsicht ist es ganz normal, dass man sich von den Inhalten, die im eigenen Feed angezeigt werden, beeinflussen lässt. Deswegen arbeiten Faktenchecker wie wir beispielsweise auch mit Facebook zusammen, um solche Filterblasen zu durchbrechen. Inhalte, die möglicherweise falsche Informationen enthalten, werden von Faktencheckern dann mit einem entsprechenden Warnhinweis versehen, bevor sie geteilt werden können.

Menschen wie Attila Hildmann, Michael Wendler oder Eva Herman haben sich aus Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram weitgehend zurückgezogen und sind beim Nachrichtendienst Telegram aktiv, wo sie Gruppen mit nahezu oder mehr als hunderttausend Mitgliedern haben. Wie groß schätzen Sie die Gefahr solcher geschlossenen Gruppen ein?

Das Problem bei Telegram ist: Der Gruppenadministrator kann einstellen, dass nur er selbst in seiner Gruppe etwas posten kann. Die Inhalte kommen dann völlig ungefiltert beim User an, der im Gegensatz zu einer Whatsapp-Gruppe beispielsweise keine Möglichkeit hat, zu kommentieren oder zu hinterfragen. Durch Nachrichtendienste wie Telegram rutscht die Verbreitung falscher Informationen und Verschwörungsmythen immer mehr ins Private, und das finde ich gefährlich: Denn es ist schwierig, Menschen zu erreichen, die solche Behauptungen glauben und teilen.

"Bei Google und Youtube gibt es nur mäßige Bestrebungen, gegen die Verbreitung falscher Behauptungen vorzugehen."

Was unternehmen die sozialen Medien, vor allem Telegram, denn gegen solche Menschen wie Hildmann oder Wendler, die falsche Informationen verbreiten?

Facebook arbeitet, wie gesagt, bereits seit 2016 mit weltweit inzwischen fast 100 Faktencheck-Redaktionen zusammen, die die Plattformen nach Falschmeldungen durchsuchen und dazu Faktenchecks veröffentlichen. Da Instagram zu Facebook gehört, gilt dort dasselbe. Whatsapp hat zumindest während der Corona-Pandemie die Weiterleitungsfunktion beschränkt, um so zum Beispiel Kettenbriefe mit Fehlinformationen zu durchbrechen. Bei Google und Youtube gibt es nur mäßige Bestrebungen, gegen die Verbreitung falscher Behauptungen vorzugehen. So spielt Youtube in einigen Ländern bei bestimmten Suchbegriffen Hinweise auf Faktenchecks aus, Videos direkt werden allerdings nicht gecheckt. Was Telegram angeht, ist mir bisher nicht bekannt, ob und wie sie gegen Falschmeldungen vorgehen wollen. Das halte ich für beunruhigend.

Verbreiten sich faktisch korrekte und falsche Meldungen eigentlich unterschiedlich?

Nicht unbedingt. Falschmeldungen sind allerdings häufig alarmistisch und stark emotionalisierend formuliert, weswegen sie sich schneller verbreiten können – besonders, wenn sie auf eine aktuelle Nachrichtenlage abzielen. Vor allem in Situationen, in denen es auf manche Dinge noch keine eindeutigen Antworten gibt und bei denen die Unklarheiten den Alltag direkt betreffen, wie beispielsweise während der Corona-Pandemie, kann sich Desinformation rasch verbreiten. Normalerweise verbreiten sich falsche Meldungen wellenförmig und parallel zur Nachrichtenlage. Das heißt, je aktueller die Lage, desto mehr Falschmeldungen gibt es dazu. Bei Corona verhält sich die Flut an falschen Informationen übrigens untypisch, da sie konstant hoch bleibt.

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Die Journalistin Uschi Jonas arbeitet als Faktencheckerin beim Recherchebüro Correctiv in Berlin. Bild: Correctiv

Aber warum verbreiten sich ausgerechnet Falschmeldungen so schnell?

Das hängt oft davon ab, ob eine Falschmeldung gerade einen bestimmten Nerv trifft, ob es zu einer Nachrichtenlage gerade viele Diskussionen gibt, noch kein klarer Konsens vorherrscht – dann können sich Unwahrheiten rasant verbreiten. Aber natürlich auch bei Themen, die stark emotions- und meinungsgeladen sind, wie Migration oder der Klimawandel.

Wer profitiert von der Verbreitung falscher Meldungen, sofern sie absichtlich verbreitet werden? Kann man damit sogar Geld verdienen?

Es gibt zwei wesentliche Gründe, weswegen Menschen falsche Informationen teilen, sofern sie das bewusst tun: Das kann einerseits politisch motiviert sein, weil die Person ihre politische Meinung mithilfe der falschen Meldung kundtun will. Andererseits ist es natürlich auch möglich, mit dem Verbreiten von Falschinformationen Geld zu verdienen: Youtuber können zum Beispiel ab einer gewissen Reichweite Werbeanzeigen schalten, an denen sie verdienen. Andere lenken User auf ihre eigenen Webseiten, wo zu Spenden aufgerufen wird. Je größer die Reichweite einer solchen Seite ist, umso wahrscheinlicher ist es natürlich, dass Nutzer auch tatsächlich an die jeweilige Person oder Gruppe spenden.

Neben fehlerhaften oder falschen Meldungen verbreiten Wendler, Hildmann und Hermann teils auch Mythen, wie, dass Deutschland eine eingetragene Firma sei oder bald eine giftige RNA-Spritze verteilt werden würde. Was ist der Unterschied zwischen einer falschen Behauptung und einem Verschwörungsmythos?

Eine Falschbehauptung steht konträr zu einem tatsächlich existierenden Fakt, der sich überprüfen lässt. Beispielsweise wurde während der Corona-Krise behauptet, dass in manchen Ländern Helikopter Desinfektionsmittel versprühen würden. Eine solche Meldung ist auf ihren Wahrheitsgehalt checkbar. Wenn es allerdings heißt, eine Weltelite würde kleine Kinder entführen und ihr Blut trinken, entzieht sich das jeglicher Grundlage. Wer Verschwörungsmythen verbreitet, suggeriert, im Besitz der "Wahrheit" zu sein – ohne allerdings stichhaltige Quellen außer der eigenen Aussage zu liefern.

"Klar, wenn ich glauben würde, die Reichen und Mächtigen saugen unseren Kindern das Blut aus, könnte ich nachts auch nicht mehr schlafen."

Wie groß schätzen Sie die Gefahr von Verschwörungsmythen ein?

Das Problem bei Verschwörungsideologen ist, dass sie argumentativ schwer zu überzeugen und dadurch kaum zu erreichen sind, weil sie Fakten grundsätzlich misstrauen. Menschen, die an solche Mythen glauben, können den Bezug zur Realität verlieren und erleben häufig Zustände großer psychischer Belastung. Klar, wenn ich glauben würde, die Reichen und Mächtigen saugen unseren Kindern das Blut aus, könnte ich nachts auch nicht mehr schlafen. In Extremfällen kann der Glaube an verschwörerische Ideologien zu Gewaltausbrüchen und Attentaten verleiten. Vor allem aber schüren Verschwörungsideologien erst einmal Hass und Angst.

Was können wir tun, um gegen die Welle von Desinformation anzukommen?

Ich kann nur jeden dazu ermutigen, mit Menschen im eigenen Umfeld, die falsche Behauptungen oder stark emotionalisierendes, Hass schürendes verbreiten, ins Gespräch zu kommen. Man sollte sein Gegenüber nie dafür verurteilen, was er oder sie glaubt oder verbreitet, aber wir können Fragen stellen und Menschen mit kritischem Nachfragen dafür sensibilisieren, vielleicht selbst auf Widersprüche oder Absurditäten in ihrer eigenen Argumentation zu stoßen. Ich denke, wir dürfen nicht aufhören, miteinander in den Dialog zu treten, solange das von beiden Seiten respektvoll möglich ist. Sonst laufen wir Gefahr, dass sich die Gesellschaft an solchen Dingen immer tiefer spaltet.

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