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Lars Klingbeil rechnet mit Seehofer ab: "Entzaubert, gescheitert, nichts verändert"

peter riesbeck und timo stein

Ein Interview mit SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil über Horst Seehofers stetig unstete Flüchtlingspolitik, die Umfragewerte der SPD und rot-grüne Machtperspektive für die Zeit nach 2021.

Lars Klingbeil ist...

40, stammt aus Niedersachsen. Der Sohn eines Bundeswehrsoldaten studiert Politik, Soziologie und Geschichte. 2005 zieht der Sozialdemokrat erstmals in den Bundestag ein. Seit vergangenem Dezember ist er Generalsekretär der SPD. In seinem Büro im fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses grüßt hinten an der Wand eine Gitarre. Erinnerung an Klingbeils Zeit in der Band "Sleeping Silence", als er noch lange Haare und ein Augenbrauen-Piercing trug.

Herr Klingbeil, das Bittere zuerst: Jüngste Umfragen sehen Ihre Partei bei 17 Prozent. Wie sehr beunruhigt Sie das? 
Es war völlig klar, dass es bei dem Unions-Chaos der vergangenen Wochen keinen einzigen Gewinner gibt. Schlechte Umfragewerte sind natürlich nie schön, aber auch kein Grund, nervös zu werden oder ständig die Strategie zu wechseln. Die SPD geht jetzt einen langen geraden Weg. Wir tun das, wovon wir überzeugt sind. Das bringt vielleicht keine schnellen Erfolge, dafür aber nachhaltigere.

Profitiert vom Streit zwischen CDU und CSU also allein die AfD?
Wenn man die Sprache und Politik der AfD kopiert, wie die CSU das macht, dann muss man sich nicht wundern, wenn die Rechtspopulisten in den Umfragen zulegen.

Ich hoffe sehr, dass diese Lektion jetzt alle in der Union gelernt haben.

Wie erklärt man jemandem, der, sagen wir, neu auf diesem Planeten ist, was da eigentlich in der Groko passiert ist?  Zwei streiten sich, ein Dritter darf's ausbaden und wacht verkatert auf AfD-Umfrageniveau auf. 
Man muss sich mal klarmachen, worum es bei dem Unions-Streit inhaltlich ging: Um fünf Flüchtlinge pro Tag, die über Österreich nach Bayern kommen. Und deshalb wird eine Regierung vier Wochen lang lahmgelegt. Das ist der Verdienst von Horst Seehofer und Markus Söder.
Die SPD hat dazu eine klare Haltung: Mit uns gibt es keine Demütigung von Geflüchteten und keine geschlossenen Lager. Das haben wir durchgezogen und dafür gesorgt, dass der Quatsch, den die CSU wollte, nicht kommt. Es ging CDU und CSU nie um Sachfragen, sondern um personelle Machtspiele. Deshalb ist es auch wahrscheinlich, dass der Unions-Streit wiederkehrt. Die inhaltliche Frage wäre doch in zwei Stunden zu lösen gewesen.

Und dann? Wie ist die SPD für so einen Fall aufgestellt?
Zur Professionalität gehört es, sich auf alle Szenarien vorzubereiten.

Konkret gefragt, wie haben Sie und die übrige Führungsspitze aus der SPD eigentlich von den Inhalten der Einigung im Unionsstreit erfahren?
Dass es eine Einigung zwischen CDU und CSU gibt, haben wir aus den Medien erfahren. Das ist ein normaler Vorgang. Es ist ja auch nicht so, dass wir eine SPD-Präsidiumssitzung unterbrechen, um Frau Merkel und Herrn Seehofer vorher zu informieren, was wir gleich beschließen werden.

In diesen Tagen fehlt einem ein bisschen die Fantasie, wie eine Zusammenarbeit innerhalb der Groko in Zukunft aussehen soll. 
Über Migrationspolitik haben wir schon während der Koalitionsverhandlungen stundenlang diskutiert. Auch jetzt im Koalitionsausschuss. Am Ende haben wir eine Einigung erzielt. Wenn man sich anschaut, wo Herr Seehofer mit seinen weitergehenden Forderungen gestartet ist und wo er am Ende gelandet ist, dann muss man sagen: Seehofer ist krachend gescheitert. Er wurde komplett entzaubert, es wird kein einziges Gesetz geändert.

Seehofer hat am Dienstag endlich seinen Masterplan vorgestellt. Der Begriff Transitzentren steht da aber noch drin... 
Herr Seehofer hat aus dem Koalitionsvertrag und seit vergangener Woche genügend Aufträge, die er abarbeiten muss. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Ein Job, drei Typen:

Generalsekretär ist wie Pudding an Wände nageln, es gilt die Partei nach innen zu organisieren und nach außen streitlustig zu sein. 3 Typen haben sich herauskristallisiert.
1) Bissig nur im Amt: Sie sind häufig in der CDU zu finden. Heiner Geißler etwa erklärte als Generalsekretär: Der Pazifismus der 30er-Jahre habe Hitler erst möglich gemacht. Später klang er milder und wurde zum Lieblingskonservativen der Medien.
2) Angriff mit Belohnung: Der CSU-Typus des Generalsekretärs, Beispiel Alexander Dobrindt oder Andreas Scheuer. Der Generalsekretär klingt noch schärfer als der Parteichef. Zur Belohnung gibt's nach der Kampfphase ein Ministeramt. Wahlweise im Bund oder im Land.
3) Der Vordenker: Paradebeispiel ist Peter Glotz in der SPD, der Mann dachte schnell, manchmal zu schnell für seine Partei und er schaute noch grimmiger als Gargamel.

Täuscht der Eindruck, dass Fragen von Migration und Integration derzeit fast ausschließlich unter den Überschriften Abschottung und Abschiebung verhandelt werden? Was ist eigentlich noch links in der Migrationspolitik der SPD?
Die SPD hat eine klare Haltung, was den Umgang mit Geflüchteten angeht: Menschen, die verfolgt werden, müssen Schutz bekommen. Die SPD-Spitze hat sich zum Beispiel in der Debatte um die Seenotrettung klar gegen Innenminister Horst Seehofer positioniert und sich dafür ausgesprochen, Menschen von der „Lifeline“ auch in Deutschland aufzunehmen. Menschen in Not wird geholfen, das ist ein unverrückbarer sozialdemokratischer Grundsatz.
Diese Haltung unterscheidet uns klar von der CSU und inzwischen wohl auch von Teilen der CDU. Wir müssen aber auch dafür sorgen, dass Menschen, die nicht hierbleiben können, darüber schnell Klarheit haben und das Land wieder verlassen. Humanität und Ordnung. Beides gehört zusammen.

Detail eines Kunstwerks im Willy-Brandt-Haus:

Bild

watson.de

Vorne in einem Schaukasten vor Ihrem Büro in der SPD-Zentrale ist ein Kunstwerk mit einem Papierboot und darauf die Aufschrift „etwas links von Mitte“. Positionsbestimmung – Was ist links in der SPD?
Dass wir uns um die sozialen Fragen kümmern, ist unser Markenkern. Dabei geht es zum Beispiel darum, Auswüchse bei der Leiharbeit und prekäre Beschäftigung zu bekämpfen. Viele Menschen hangeln sich von Job zu Job und sind nicht in der Lage, von ihrem Lohn ein anständiges Leben zu führen. Dann die Umbrüche in der Arbeitswelt, die durch die Digitalisierung auf uns zukommen: Die SPD ist die Partei, die die Menschen durch den digitalen Wandel führt, statt zu sagen: 'Wenn du nicht mitkommst, hast du halt Pech.' Die SPD muss die Partei sein, die die Menschen durch den digitalen Wandel führt.

Wie wollen Sie das erreichen?
Indem wir Menschen qualifizieren und fördern.

… Da schwingt bei vielen gleich ein Fordern mit .
In der Debatte um den Sozialstaat beginnt jetzt die Phase nach Hartz IV. Linke Politik der Zukunft bedeutet, die Menschen durch den Wandel zu begleiten. Da sind Weiterbildung und Qualifizierung ganz zentral. Es muss aber auch darum gehen, dass Menschen aufgefangen werden. Leute nach zwölf Monaten in die Grundsicherung rutschen zu lassen, ist keine zeitgemäße Politik. Die SPD wird Verteilungsfragen in Zukunft stärker thematisieren.

Dass junge Familien kein Vermögen aufbauen können und dass in manchen Haushalten schon eine kaputte Waschmaschine eine Existenzkrise auslösen kann, ist nicht akzeptabel.

Gehört zu einer zeitgemäßen Antwort für Sie auch ein bedingungsloses Grundeinkommen?
Diese Debatte muss die SPD auf jeden Fall führen. Aber ich wünsche mir, dass am Ende etwas Anderes dasteht als das bedingungslose Grundeinkommen. Ich glaube an den Wert und die Bedeutung von Arbeit für unsere Gesellschaft. Deswegen überzeugt mich das bedingungslose Grundeinkommen nicht.

"Mit uns zieht die neue Zeit!", heißt es in einem alten Parteilied. Die SPD galt immer als Fortschrittspartei. Ist die SPD in diesen Zeiten plötzlich nicht mehr die Partei des Vorwärts, sondern des Bewahrens vom Sozialstaat bis zu den Werten der liberalen Demokratie? 
Wir müssen heute wieder für Grundwerte kämpfen, die für meine Generation lange selbstverständlich waren. Ich will nicht, dass Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, der gegenseitige Respekt voreinander mit Füßen getreten wird. Wir haben einen US-Präsidenten, der sich öffentlich über Menschen mit Behinderung lustig macht und dafür sogar von einem breiten Publikum angefeuert wird. Dieser Verrohung, die im Kern die Grundsätze unserer liberalen, wertebasierten Demokratie angreift, werde ich mit aller Macht entgegentreten. Und das ist auch eine Aufgabe für die gesamte SPD.

Analog war gestern. Wie steht es um die Zukunft der Arbeit, Herr Klingbeil?

Bild

Bild: dpa-Zentralbild

Gleichzeitig steckt die SPD in einer ihrer größten Krisen. Sie haben die Probleme nach der verlorenen Bundestagswahl analysieren lassen. Was hat sie da am meisten überrascht?
Vieles war zu erwarten. Was mich ein bisschen gestört hat, dass sich der öffentliche Fokus sehr stark auf die Fehler einer einzelnen Person gerichtet hat.

Sigmar Gabriel. War die Personifizierung der Schuldfrage ein Fehler?
Wir haben die Analyse bewusst an eine unabhängige Expertengruppe gegeben und uns da nicht eingemischt. Es war klar, dass wir uns nicht jede Schlussfolgerung 1:1 zu eigen machen. Fakt ist aber: Unser Wahlergebnis hat auch viel mit Strukturen zu tun. Und die verändern wir gerade, damit sich Fehler nicht wiederholen.

Das heißt konkret?
Wir haben zum Beispiel damit angefangen, die Mitglieder regelmäßig online zu beteiligen, um unsere Parteiarbeit zu verbessern. Es geht auch darum, dass Entscheidungen nachvollziehbarer werden. Dazu gehört zum Beispiel, dass die gewählten Gremien darüber entscheiden, wer Spitzenkandidat wird. Und nicht zwei Männer im Hinterzimmer.

Schauen wir auf die politischen Mitbewerber. Bei den Grünen fällt auf, dass der Ko-Vorsitzende Robert Habeck sehr stark auch über soziale Fragen spricht. Beunruhigt Sie das?
Ich wünsche mir generell, dass wir mehr über soziale Fragen reden und weniger über Migrationsthemen. Die Diskussion über Zuwanderung ist oft eine Projektionsfläche für soziale Probleme. Es geht um Themen, die die Menschen im Alltag interessieren: bezahlbaren Wohnraum in den Städten, Ärzteversorgung im ländlichen Raum, Wandel der Arbeitswelt – wenn die Grünen diese Probleme auch erkennen, finde ich das gut.

In der Linkspartei gibt es die Überlegung einer linken Sammlungsbewegung unter dem Arbeitstitel „Fairland“. Fürchten Sie um den Führungsanspruch links der Mitte? Nein, das beunruhigt mich nicht. Wenn ich mir angucke, wer da so alles mitmacht, hat das nicht viel mit linker Politik zu tun.

Sahra Wagenknecht ist in der Migrationspolitik alles andere als progressiv, das sind nationalistische Töne. Und Oskar Lafontaine hat in seinem Leben schon viel gegründet.

Das ist nicht die Zukunft der politischen Linken, die sich da formiert.

Die Gegenseite macht mobil:

Der junge CSU-Politiker Alexander Dobrindt macht auch auf APO von rechts, spricht von der „konservativer Revolution“. Was lässt sich dem von links entgegensetzen?
Der Versuch einer Rechtsverschiebung in der Gesellschaft ist erkennbar, das fängt bei Söder, Seehofer an, geht über den US-Botschafter Richard Grenell bis hin zu Sebastian Kurz. Da gibt es eine gemeinsame Agenda.
Ich sehe aber auch bei vielen Menschen in den Gewerkschaften, den Kirchen und der Zivilgesellschaft, dass sie sich diesen neuen Tönen entgegenstellen. Wir müssen weg von einer Politik, die nur von Wut und Angst getrieben ist.

Auch Künstler wie Jan Böhmermann oder Klaas Heufer-Umlauf positionieren sich jetzt. Es ist gut, dass immer mehr Menschen gegen diesen Rechtsruck aufstehen.

Könnte die Verteidigung der liberalen Demokratie und ihrer Werte dann so etwas wie den soziokulturellen Kitt für ein linkes Bündnis liefern?
Nochmal: Wir müssen weg von einem angstgetriebenen Diskurs hin zu einer Politik, die gestaltend und optimistisch in die Zukunft blickt. Und da sehe ich Fortschritte. Wir brauchen ein neues Sozialstaatsverständnis.
Ein Staat mit freundlichem Gesicht, der Halt gibt und Partner der Bürgerinnen und Bürger in ihren unterschiedlichen Lebensphasen ist, statt sie zu gängeln. Daraus wächst neues Vertrauen. Im Übrigen finde ich, dass die Verbindung von sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit die entscheidende Aufgabe für ein Mitte-Links Bündnis werden kann.

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