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Interview

Wegen seines T-Shirts flog Adil Yiğit aus der Erdogan-PK – hier erklärt er, warum

Patrick Diekmann

Adil Yiğit hat mit einem T-Shirt Aufruhr beim Erdogan-Besuch ausgelöst. Im Interview spricht der Journalist nun über sein Motiv, die Doppelmoral der Bundesregierung und seine Zukunftssorgen.

Ein T-Shirt genügte, um den orchestrierten Staatsbesuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Deutschland für einen Moment aus dem Takt zu bringen. Adil Yiğit protestierte bei einer Pressekonferenz mit dem T-Shirt für Pressefreiheit in der Türkei. Und wurde abgeführt. 

Eigentlich hätte Yiğit lieber eine kritische Frage gestellt, statt auf diese Weise zu protestieren. Im Interview mit t-online.de erzählt er, warum er die Reaktion der Journalistenkollegen auf seinen Rauswurf nicht verstanden hat und wieso er nach 35 Jahren in Deutschland nun fürchtet, Anfang 2019 in die Türkei zurückzumüssen. 

Herr Yiğit, auf der Pressekonferenz mit Recep Tayyip Erdoğan und Kanzlerin Angela Merkel haben Sie ein T-Shirt mit der Aufschrift "Gazetecilere Özgürlük – Pressefreiheit für Journalisten in der Türkei" gezeigt. Daraufhin wurden Sie abgeführt. Was war Ihr Motiv für den Protest?
Adil Yiğit: Erdoğan hat einen Tag zuvor damit gedroht, dass er die Pressekonferenz platzen lassen würde, wenn der Journalist Can Dündar erscheint. Mit seinen Drohungen wollte er wieder einmal Deutschland erpressen. Erst im letzten Jahre hatte er etwas Ähnliches versucht, als er die Grenzen für Flüchtlinge nach Europa wieder öffnen wollte. Das hat mich wütend gemacht.

War Ihre Aktion schon länger geplant?
Nein, ich habe am Vortag zwischen 17 und 18 Uhr den Entschluss gefasst. Da habe ich durch die sozialen Medien erfahren, dass Dündar bei der Pressekonferenz nicht erscheinen wird. Dündar lebt in Berlin im Exil und hatte seine Akkreditierung für das Kanzleramt sogar abgeholt. Erdoğan ist ein Despot, der die Türkei mit seiner Politik polarisiert. Auf deutschem Boden darf ihm dann so etwas nicht erlaubt werden.

Woher haben Sie das T-Shirt?
Das habe ich mir am Abend vorher selbst gemacht. Ich habe die Schrift am PC geschrieben und bin dann zu einem Kopiershop gegangen. Nach einer Stunde war es fertig.

Wie haben Sie die Pressekonferenz im Kanzleramt erlebt?
Ich war in den letzten fünf Jahren schon bei mehreren Pressekonferenzen mit Erdogan in Deutschland. Jedes Mal dürfen aus der Türkei und Deutschland jeweils zwei Journalisten Fragen stellen. Auf türkischer Seite sucht der Presseattaché der türkischen Botschaft in Berlin die Journalisten aus – kritische Stimmen werden nicht gehört. Erst habe ich ein oder zweimal meine Hand gehoben und wurde wieder einmal ignoriert. Mein T-Shirt war anfangs unter meinem Pullover, ich hätte es nicht gezeigt, wenn ich eine Frage hätte stellen dürfen.

Bild

Adil Yiğit ist Chefredakteur des Internetportals Avrupa Postasi. Bild: dpa

Was hätten Sie gefragt?
"Herr Erdoğan, schämen Sie sich nicht, dass Sie Deutschland im letzten Jahr mit Nazis verglichen haben?" Jetzt tut er so, als wäre das alles nicht passiert und reist mit seinem gesamten Kabinett nach Deutschland. Ich hätte ihn gefragt, ob er kein schlechtes Gewissen hat, wenn ihm hier nun der rote Teppich ausgelegt wird.

Ein deutscher Kollege hat Erdogan gefragt, ob Erdogan sich für die Nazi-Vergleiche entschuldigt hat.
Das habe ich leider nicht mehr mitbekommen.

Vorher wurden Sie nach dem Zeigen Ihres T-Shirts abgeführt. Was genau ist dann passiert?
Anfangs musste ich den Raum der Pressekonferenz verlassen und mein T-Shirt ausziehen. Dann sagte man mir zunächst, dass ich mich ohne das Shirt in die letzte Reihe setzen könnte. Dann wurde mir aber vom Bundeskriminalamt die Rückkehr verboten, weil man Angst vor der türkischen Reaktion hatte. Damit war wahrscheinlich die türkische Security gemeint.

Wie haben Sie reagiert?
Ich konnte es nicht fassen, dass man auf deutschem Boden Angst vor der türkischen Reaktion gegenüber einem Journalisten hat. Nach dem Ende der Pressekonferenz wollten viele Kollegen ein Interview mit mir führen. Aber die Security hat mich aggressiv vor die Tür gesetzt und hat mich im Anschluss der Polizei übergeben. Dann wurde ich aus der Sicherheitszone begleitet.

In diesen 10 Stadien soll die EM 2024 stattfinden:

Hat der Protest für Sie rechtliche Konsequenzen?     
Nein. Zumindest ist mir bisher nichts bekannt.

Die Aktion war für Sie nicht ungefährlich. Sie leben seit 35 Jahren in Deutschland, aber sollen abgeschoben werden.
Meine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland läuft noch bis zum 26. Januar 2019. Diese würde ich gerne verlängern, aber mein Anwalt hat noch keine Antwort von der Ausländerbehörde.

Es kann also sein, dass Sie wieder in die Türkei zurück müssen. Nach der Pressekonferenz kamen auch Drohungen aus ihrem Heimatland. Haben Sie Angst zurückzukehren?

Ich kämpfe für die Menschenrechte und liebe mein Heimatland. Unter den jetzigen Bedingungen kann ich aber nicht mehr in die Türkei gehen. Wenn ich abgeschoben werde, lande ich dort sofort im Gefängnis.

Deshalb möchte ich im Moment gar nicht erst darüber nachdenken und mir den Kopf zerbrechen.

Warum gehen Sie trotzdem das Risiko ein und protestieren öffentlich gegen Erdogan?
In der Türkei geben Journalisten oder Menschenrechtler ihr Leben oder sie landen jahrelang ohne Anklageschrift im Gefängnis. Ich habe bei der Pressekonferenz nichts getan und ich habe auch ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass ich für diesen Schriftzug abgeführt werde. Erdogan hat gelacht, weil er wahrscheinlich in diesem Moment dachte, dass so eine Szene in der Türkei nicht mehr vorkommen könnte. Ich setze mich schon seit Jahren für Pressefreiheit ein und es sitzen noch so viele Journalisten in der Türkei im Gefängnis. Da dürfen wir nicht schweigen.

Wie erlebten Sie die Reaktion der anderen Kollegen im Raum?
Ich habe nicht verstanden, warum sich die Kollegen nicht mit mir solidarisiert haben. Dabei will ich niemanden angreifen, aber ich hätte mich gefreut, wenn der ein oder andere Journalist die Kamera aus Protest hingelegt hätte.

Es wurde ein Journalist zum Schweigen gebracht. Dagegen hätten wir ein Signal setzen können.

Sind Sie auch enttäuscht von Kanzlerin Angela Merkel?
Ich bin sehr enttäuscht von der Kanzlerin. Frau Merkel war in dem Augenblick aber zumindest verwirrt. Vom Regierungssprecher Steffen Seibert bin ich besonders enttäuscht, denn er hat eine journalistische Ausbildung. Er hat einfach nur zugeschaut und hat die Leute dazu aufgerufen, sich wieder zu setzen. Da hätte ich etwas anderes von ihm erwartet.

Abschließend möchten wir mit Ihnen ein Fazit des Erdoğan-Staatsbesuchs ziehen. War es richtig, dass der türkische Präsident nach Deutschland eingeladen wurde?
Erdoğan hatte den roten Teppich nicht verdient. Ein Arbeitstreffen hätte genügt. Die türkische Lira ist am Boden und er ist auch in der Türkei immer mehr isoliert. Gerade der Besuch in Deutschland hat ihn jetzt wieder gestärkt, denn es sieht aus wie ein Dankeschön. Unter den jetzigen Bedingungen in der Türkei und nach Erdoğans Angriffen auf Deutschland im letzten Jahr hätte man den Besuch verschieben können. Das ist eine Doppelmoral der Bundesregierung, denn es geht nur um wirtschaftliche Interessen.

Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier haben Erdogan aber auch öffentlich kritisiert. Haben Sie sich darüber gefreut?
Über Steinmeier habe ich mich gefreut. Er hat Rückgrat bewiesen, indem er auf die Rechte von Gewerkschaftern und Journalisten in der Türkei hingewiesen hat. Die Kanzlerin hat sich dagegen meiner Meinung nach zurückgehalten. Ich glaube nicht mehr an Frau Merkel, weil sie in der Vergangenheit Erdogan immer wieder geholfen hat. So zum Beispiel als sie vor einer Wahl in die Türkei kam, als Erdogan keine guten Umfragewerte hatte. Die Deutschen haben schon eine Diktatur erlebt und hier gibt es ein gutes Verständnis von Demokratie. Ich wünsche mir, dass Deutschland gegenüber Erdogan viel mehr rote Linien zieht. Steinmeier hat das gut gemacht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf t-online.

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