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Fee Linke in Aktion. Sie hat gemeinsam mit Christine Finke, Delia Keller, Esther Konieczny und Susanne Triepel das Netzwerk #esreichtfuerunsalle ins Leben gerufen. Bild: Delia Keller

Interview

"Immer am Limit und unter Druck": Darum gehen Alleinerziehende auf die Straße

Statt auf Blumen und Anrufe der Kinder zu warten, haben Alleinerziehende das Muttertagswochenende genutzt, um ihren politischen Forderungen Gehör zu verschaffen. Unter dem Motto "Es reicht für uns alle" zogen sie durch die Straßen Berlins, um sich für mehr Rechte für Alleinerziehende, für faire Mieten und gegen Kinderarmut einzusetzen.

Fee Linke ist eine von ihnen. Die 46-Jährige ist seit 14 Jahren alleinerziehend und lebt mit Tochter (16) und Sohn (15) in Bonn. Sie ist Sacharbeiterin in Teilzeit, würde aber gerne Vollzeit arbeiten. Sie kennt die Ochsentour auf Ämtern, weiß, was es bedeutet, sich vor Behörden "nackig machen zu müssen" – immer am Limit und unter Druck. "Wir Alleinerziehende sind Leistungsträger", sagt sie "und werden systematisch benachteiligt". Ein Interview.

watson: Du hast zusammen mit drei weiteren alleinerziehenden Müttern zur Familien-Demo gegen Kinderarmut und für mehr Anerkennung und eine gerechte Besteuerung von Alleinerziehenden aufgerufen. Ihr wolltet "gemeinsam laut" sein. Aber nur rund 200 Demonstranten waren da, enttäuscht?
Fee Linke:
Wir waren trotzdem laut. Wir hätten uns schon mehr Beteiligung gewünscht. Wir wissen aber auch, dass das Thema schambesetzt ist und viele Betroffene kein Vertrauen mehr in die Politik haben. Wir hoffen aber, es gemeinsam mit Verbänden und anderen Aktiven auch wieder zu ändern.

Dabei müsste doch eigentlich genügend Protestpotential vorhanden sein. Jede fünfte Familie ist alleinerziehend.
Es ist immer schwierig, sich selber einzugestehen, an der Armutsgrenze zu leben. Und natürlich ist Armut in Deutschland etwas Anderes als beispielsweise in Entwicklungsländern. Dort ist Armut eine viel existentiellere Frage.

Hier in Deutschland ist Kinderarmut vor allem ein Mangel an Möglichkeiten, an Erfahrungen und Bildungschancen.

Laut Statistik sind Alleinerziehende die armutsgefährdetste Gruppe schlechthin. Was sind eure Kernforderungen?
Es fängt schon damit an, dass zum Beispiel Alleinerziehende anders besteuert werden als andere Familien. Wir sind in vielen Fällen deutlich schlechter gestellt und werden eher wie Singles besteuert, obwohl wir Verantwortung für unsere Kinder übernehmen. Ein kinderloses Ehepaar kann den zehnfachen Steuervorteil einer Alleinerziehenden erreichen. Es ist wichtig, dass Alleinerziehende auch als Familie gesehen werden.

Die Zahlen:

- 2,4 Millionen Kinder in Deutschland lebten 2017 bei einem alleinerziehenden Elternteil. (Das sind gut 300.000 Kinder mehr als vor zwanzig Jahren.)
- Jede fünfte Familie mit minderjährigen Kindern ist alleinerziehend.
- 9 von 10 Alleinerziehenden sind Frauen.
- Alleinerziehende und ihre Kinder sind überdurchschnittlich häufig armutsgefährdet.
- Alleinerziehende sind überproportional häufig von Überschuldung betroffen.
- Alleinerziehende leben häufiger in Großstädten als Paare mit Kindern (Bundesweiter Spitzenreiter ist Berlin. In Bayern ist der Anteil der Single-Eltern mit rund zwölf Prozent am niedrigsten.)
- Alleinerziehende Mütter haben jüngere und mehr Kinder als alleinerziehende Väter.
- Alleinerziehende Mütter haben einen niedrigeren Bildungsstand als alleinerziehende Väter.
- Mehr als die Hälfte der nicht-erwerbstätigen alleinerziehenden Mütter wünscht sich Arbeit.

Quelle: Statistisches Bundesamt

Nun will aber die Bundesregierung mit ihrem "Starke-Familien-Gesetz" gerade Alleinerziehende stärker unterstützen. Sie können ab Mitte des Jahres mit mehr staatlichen Leistungen rechnen. Reicht das nicht?
In einigen Punkten ist es eine Verbesserung. Allerdings auch nur in den Fällen, wo kein Hartz 4 bezogen wird. Gerade die Familien aber, die es am dringendsten bräuchten, haben davon nichts. Weil Kindergelderhöhung oder Unterhaltsvorschuss mit den Regelsätzen der Kinder verrechnet wird. Deswegen ist das Gesetz für uns eine Mogelpackung.
Es stimmt ja, dass es einen relativ großen Leistungskatalog für Alleinerziehende gibt. Es gibt Kindergeld, es gibt Kinderzuschlag, es gibt mittlerweile den erweiterten Unterhaltsvorschuss, es gibt das Bildungs- und Teilhabepaket. Aber diese ganzen Leistungen kannibalisieren sich zum Teil gegenseitig. Das ganze Unterstützungssystem ist mittlerweile so komplex, dass man nicht mehr durchblickt. Deswegen wäre eine Kindergrundsicherung so wichtig.

Heißt?
Eine monatliche Summe Geld vom Staat, das für das Kind zur Verfügung stehen muss. Ein Kind soll das haben, was es braucht und es darf nicht in die Bedarfsgemeinschaft der Eltern fallen und verrechnet werden. Die Kindergrundsicherung sollte unbürokratisch sein, leicht zu beantragen, ohne immer wieder den Nachweis erbringen zu müssen, ob man bedürftig ist oder nicht.

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delia keller

Die Frage ist ja, ob das Geld dann auch beim Kind ankommt.
Eine Bertelsmann-Studie hat gezeigt, dass das Geld, was vom Staat für Kinder in Familien hineingegeben wird, auch beim Kind ankommt. Es wird immer das Bild gezeichnet von der alleinerziehenden Mutter, die das Geld für Zigaretten ausgibt oder damit zum Nagelstudio geht. Das stimmt nicht. Eltern sparen eher bei sich, um das Geld für die Kinder auszugeben.

Was wünschst du dir von der Familienministerin?
Ich wünsche mir von Franziska Giffey und auch von Sozialminister Hubertus Heil, dass Kinder nicht mehr als kleine Arbeitslose gesehen werden. Dass sie konsequent gegen Kinderarmut vorgehen, statt Gesetze mit markigen Namen zu verabschieden. Allein der Name "Starke-Familien-Gesetz" suggeriert, dass diese Familien schwach sind.

Diese Familien sind aber schon sehr stark, denn sie tragen die höchste Last.

Man muss sie nur fördern und belohnen.

Wie zum Beispiel?
Man muss diesen Familien die Möglichkeit geben, dass sie in den Urlaub fahren können, dass sie sich ein funktionierendes Sozialleben leisten können, dass die Kinder auf Geburtstage gehen können, ohne dass die Eltern schlaflose Nächte verbringen, weil sie überlegen müssen, wie sie das Geld für ein Geschenk auftreiben. Die Fakten über Kinderarmut und ihre Folgen liegen alle auf dem Tisch. Dass die Kinder von Alleinerziehenden von Armut gefährdet sind, ist lange bekannt. Dass Kinder unsere Zukunft sind, sagen Politiker häufig. Und die Leute denken, es passiere auch sehr viel, weil viel drüber geredet wird. Das ist aber nicht der Fall.

Du bist alleinerziehend und hast zwei Kinder. Wie sieht dein Alltag aus?
Wir haben eigentlich ein ganz normales Familienleben. Meine Kinder sind jetzt Teenager und gehen weitestgehend ihre eigenen Wege. Ich bin offiziell nicht mehr in der Armutskategorie, sondern leicht drüber. Aber ich habe Hartz 4 erlebt, ich habe die Phase mit Kinderzuschlag erlebt. Und das Schlimme für mich war, dass man sich jedes Mal nackig machen musste für das Amt. Man muss Anträge stellen, obwohl man eigentlich arbeiten geht.
Meine Kinder bekommen Unterhaltsvorschuss. Für meinen Sohn muss ich deswegen jetzt nachweisen, dass er noch zur Schule geht, weil er 15 geworden ist. Ich muss an die Schule herantreten und um eine Schulbescheinigung bitten. Es geht mir dabei gar nicht mal um den bürokratischen Aufwand. Das ist relativ schnell erledigt. Aber die Schule weiß dann eben auch, der Sohn von Frau Linke muss Leistungen beantragen. So werden dann auch Kinder stigmatisiert.

Wie lassen sich Stigma und Scham bekämpfen?

Meine Erfahrung ist, dass Alleinerziehende in den meisten Fällen unverschuldet in der Armutsgefährdung landen. Sie sind in der Regel Leistungsträger und sollten eigentlich nicht gesellschaftlich, steuerlich und finanziell bestraft werden.

Dieses Stigma wirkt natürlich auch auf die Alleinerziehenden selber. Ich wünsche mir mehr Empowerment und mehr Mut, über diese Dinge zu sprechen. Wenn ich Artikel über das Thema lese, dann werden die häufig mit Kindern mit kaputten Schuhen und löchrigen Socken bebildert. Es sind aber oft ganz normale Familien, denen man Armut nicht ansieht. Die können nicht in den Urlaub fahren, müssen permanent verzichten, sind immer am Limit und unter Druck. Es gibt aber in einem reichen Land wie Deutschland keinen Grund für Kinderarmut. So ist auch unser Motto zu verstehen: #esreichtfürunsalle. Wenn man sich anschaut, warum Kinder arm oder von Armut bedroht sind, dann liegt es an den Strukturen, weniger an den Eltern und schon gar nicht an den Kindern selbst.

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