Group Of Young Friends Socializing In Cafe.

Die einen haben ihren Spaß im Restaurant oder Café, weil sie geimpft sind – der Rest muss draußen bleiben? Der Ethikrat hat sich gegen solche Sonderrechte ausgesprochen. Und auch Sozialpsychologe Hans-Peter Erb warnt davor. Bild: iStockphoto / Dangubic

Interview

"Sonderrechte sind das Schlimmste, was man machen kann": Sozialpsychologe zur Debatte um Geimpfte

Seitdem es die Corona-Impfstoffe gibt, hoffen die Menschen auf ein Ende der Pandemie. Doch der Impfstart lief anders, als es sich viele gewünscht haben. Laut Robert-Koch-Institut wurden bisher (Stand 5.2., 11 Uhr) 2.153.000 Menschen geimpft. Das sind nur 2,59 Menschen je 100 Einwohner.

Bei vielen Menschen zeigen die Impfrechner, die es im Internet gibt, an, dass sie schätzungsweise noch rund ein Jahr warten müssen. Trotzdem wird gerade viel über ein Thema diskutiert: mögliche "Sonderrechte" für Geimpfte. Gemeint ist damit das frühere Rückerlangen aller Grundrechte. Dürfen die, die geimpft sind und das belegen können, also bald wieder auf Konzerte, ins Restaurant, ins Theater, während für den Rest weiterhin strenge Regeln gelten?

Am Dienstag sprach sich der Ethikrat gegen solche Rechte für Geimpfte aus. Stattdessen sollen die derzeit geltenden Beschränkungen schrittweise für alle Bürger zurückgenommen werden, wenn das Impfprogramm weiter fortgeschritten ist.

Was würden Sonderrechte für Geimpfte mit unserer Gesellschaft machen?

Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf die Psyche der Menschen aus? Haben sie möglicherweise bald gar keine Lust mehr, sich impfen zu lassen? Und was würden Sonderregeln für Geimpfte für unsere Gesellschaft bedeuten?

Watson hat mit dem Sozialpsychologen Hans-Peter Erb darüber gesprochen. Er ist Professor an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Auf seinem Youtube-Kanal "Sozialpsychologie mit Prof. Erb" beschäftigt er sich regelmäßig mit Phänomenen aus der Sozialpsychologie.

"Dadurch könnten die Menschen, die sich vielleicht gar nicht impfen lassen wollten, jetzt denken: Her mit dem Zeug!"

watson: Herr Erb, die Impfstrategie der Bundesregierung sorgt für viel Aufregung. Was macht es mit den Menschen, dass es bisher nicht so schnell geht wie erhofft?

Hans-Peter Erb: Man sah erst einen Lichtpunkt am Ende des Tunnels und jetzt realisiert man, dass alles nicht so einfach ist und dass noch sehr viele Leute geimpft werden müssen. Wenn man das hochrechnet mit der Impfgeschwindigkeit, dann wird dieses Licht eben furchtbar klein. Wenn erst Hoffnung aufkommt und die dann extrem enttäuscht wird, dann frustriert das die Menschen umso mehr.

Welchen Einfluss hat das darauf, wie man zum Thema Impfen steht? Haben die Menschen möglicherweise bald gar keine Lust mehr, sich impfen zu lassen?

Aus meiner Wissenschaft sehe ich das genau umgekehrt. Wenn etwas knapp ist, dann führt das dazu, dass es umso attraktiver wird. Wir kennen das von Angeboten nach dem Motto "Nur solange der Vorrat reicht". Häufig wird da bewusst eine Verknappung eingesetzt, um die Menschen psychologisch dazu zu bringen, das Objekt viel attraktiver zu finden. Dadurch könnten Menschen, die sich vielleicht gar nicht impfen lassen wollten, jetzt denken: Her mit dem Zeug!

Her mit dem Zeug – das könnten noch deutlich mehr Menschen sagen, wenn es plötzlich Sonderrechte für Geimpfte geben sollte, über die gerade diskutiert wird. Kritiker sagen, es würde die Gesellschaft spalten, wenn die einen schon wieder im Café sitzen dürfen und die anderen zu Hause bleiben müssen. Befürworter dieser Sonderrechte finden, dass es ein Gewinn für die Gesellschaft ist, wenn zumindest teilweise wieder Normalität einkehren kann. Was sagen Sie dazu?

Ich will gerne ein Beispiel aus dem Verkehr geben. Da steht beispielsweise ein Tempo-70-Schild auf der Landstraße in einer Kurve. Dann kommt einer mit seinem Sportwagen, ein richtig geübter Fahrer, super Bremsen, super Fahrwerk, und wenn er mit Tempo 100 durch die Kurve fährt, dann spürt er gar nichts. Dem müssten wir dann Sonderrechte einräumen? Ok, Tempo 70 gilt jetzt für LKWs und alte Schüsseln, aber der ist ja so super ausgestattet und hat überhaupt kein Problem, wenn er viel schneller durch die Kurve fährt. Die Reaktion derjenigen, die sich keinen teuren Sportwagen leisten können, kann man sich leicht selbst ausmalen.

Die mit dem guten Wagen wären in diesem Bild also die Geimpften und die anderen die Ungeimpften, die das Nachsehen hätten?

Wenn man das mal als Analogie nimmt, wird schnell klar, dass das mit den Sonderrechten nicht geht. Hinzu kommt, dass man sie auch überwachen müsste.

Bild

Sozialpsychologe Hans-Peter Erb. bild: privat

"Wenn es Sonderrechte für einzelne gäbe, dann wäre es sehr schnell vorbei mit der Einhaltung der Maßnahmen."

Was ist denn das Problem an einer Überwachung?

Wenn man zum Beispiel einen Aufkleber bekommen würde, sobald man geimpft ist, dann fangen Leute an, Aufkleber zu fälschen, damit sie im Café sitzen können. Mit Sonderrechten würde der knappe Impfstoff noch attraktiver werden, manche Leute würden versuchen, sich irgendwie, vielleicht auch illegal, Impfdosen zu verschaffen. Und ich bin mir sicher: Wenn es Sonderrechte für einzelne gäbe, dann wäre es sehr schnell vorbei mit der Einhaltung der Maßnahmen. Denn von außen sieht man ja nicht, ob jemand zu Recht oder zu Unrecht ohne Maske in den Supermarkt kommt. Aus meiner Sicht sind Sonderrechte das Schlimmste, was man im Augenblick machen kann. Vielleicht kann man bald neu darüber nachdenken, auf jeden Fall aber nur, wenn genügend Impfstoff für alle verfügbar ist.

Trotzdem lässt sich ja nicht leugnen, dass viele Menschen inzwischen frustriert sind. Sie haben das Gefühl, seit Monaten gut mitzuarbeiten und trotzdem ändert sich nichts. Welche Wirkung hat das?

Ich glaube, viele Menschen sind verzweifelt. Man hält sich an die Regeln, aber bekommt keine Belohnung. Das ist schlimm für uns. In Deutschland herrscht eine Mentalität von Verboten. Überlegungen zu Belohnungen spielen dagegen eine zu geringe Rolle.

Hätten sich dann Menschen, die sich impfen lassen, nicht auch eine Belohnung verdient?

Ob wir wollen oder nicht: Wir sind eine Gemeinschaft und wir sollten den Gemeinschaftsgedanken auch stark betonen. Ich beobachte schon, dass die Verantwortung für viele Leute eine Rolle spielt. Wenn ich mich an die Regeln halte, kann ich es vermeiden, dass woanders Leute sterben. Daran darf man appellieren. Wir müssen aber auch einrechnen, dass die Menschen auch dazu tendieren, sich selbst und ihren Beitrag zu überschätzen.

Inwiefern?

Die meisten Leute glauben zum Beispiel, dass sie sich an die Regeln halten. Das sind je nach Umfrage an die 90 Prozent. Und wenn man dann fragt, ob sich andere dran halten, dann sagen sie, dass sich nur 60 bis 70 Prozent der Menschen daran halten. In der Wahrnehmung der Menschen besteht also eine Diskrepanz.

"Der Erfolg harter Lockdown-Maßnahmen in China oder Korea beruht letztlich auf der Selbstwahrnehmung der beteiligten Menschen."

Sollte man den Menschen also stärker vor Augen führen, dass man durch die Impfung und dadurch, dass man sich an die Maßnahmen hält, etwas für die Gemeinschaft tut?

Das geht in Deutschland nicht so leicht wie in anderen Ländern wie beispielsweise China. Wir sind in den westlichen Kulturen stärker individualistisch. In Ostasien beispielsweise wird häufig auch in der Werbung darauf angespielt, was man für die Gemeinschaft tun kann. Das Gemeinschaftliche steht viel stärker im Vordergrund als bei uns oder in den USA. Zu oft liegt das individualistische Eigeninteresse näher als eine gesamtgesellschaftliche Überlegung.

Worauf stützen Sie diese Art von Beschreibung der deutschen Mentalität?

Menschen in individualistischen Gesellschaften definieren sich selbst stärker in Abgrenzung zu anderen. Die Frage "Wer bin ich?" beantworten wir, indem wir die Unterschiede zu anderen stärker betonen als Gemeinsamkeiten etwa mit der Familie oder der gesamten Gesellschaft. Der Erfolg harter Lockdown-Maßnahmen in China oder Südkorea beruht letztlich auf der Selbstwahrnehmung der beteiligten Menschen.

Und darauf, dass es in autoritären Ländern und jenen mit weniger Datenschutz ohnehin leichter geht. Aber zurück zu den möglichen Sonderrechten für Geimpfte. Der Ethikrat hat in Bezug auf private Veranstalter wie Eventim einen Entscheidungsspielraum empfohlen. Sie könnten Sonderrechte für Geimpfte also umsetzen. Wie stehen Sie dazu?

Das ist nochmal etwas anderes. Wir können nicht einschränken, dass jemand, der privat etwas entscheidet, seine Entscheidung davon abhängig macht, mit wem er es da jeweils zu tun hat. Das ist eine generelle Regel unserer Gesellschaft, Ausnahmen davon sind juristisch geregelt.

Sie meinen: Weil es sich nicht um eine staatliche Behörde handelt, sondern um einen privaten Veranstalter, kann dieser selbst entscheiden, mit wem er Geschäfte machen möchte?

Richtig. So ist das im privaten Bereich. Ich kann beispielsweise auch sagen, ich gehe nur zum Frisör, wenn er geimpft ist. Mich kann niemand dazu zwingen, zu einem Frisör zu gehen, der nicht geimpft ist. Und genauso kann niemand dem Veranstalter vorschreiben, mit wem er Geschäfte macht. Aber das ist letztlich eine juristische und keine psychologische Frage.

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