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MONTAG. mbi/DPA

Eine Halbzeit mit Kevin Kühnert: "Keine natürliche Grenze nach unten für die SPD"

Als Jusos-Chef Kevin Kühnert die Stufen zu seinem alten Zuhause erklimmt, ist die erste Halbzeit schon vorbei. Es schüttet gerade wie aus Eimern auf das Spielfeld. Neben Kühnert drängen sich einige hundert Fans in Lila-Weiß unter das Dach einer Besuchertribüne.

Es ist der letzte Spieltag der Saison im Mommsenstadion, der Heimat von Tennis Borussia Berlin.

Noch um die Jahrtausendwende spielte TeBe in der Zweiten, heute geht es auf dem rutschigen Rasen um die letzte Chance auf den Aufstieg in die Regionalliga, der Gegner heißt Hertha 06 Charlottenburg. TeBe hätte genug Geschichte für die höhere Klasse, TeBe hätte die Fans, aber TeBe hängt seit Jahren in den unteren Ligen fest.

Die Fans aus dem harten Kern begrüßen Kühnert so herzlich, als sei er nie weggewesen. Viele nasse Menschen muss er umarmen. Früher war der 28-Jährige Vorsitzende bei den aktiven Fans und Mitglied im Aufsichtsrat. Damals gründete Kühnert auch den Verein "Fußballfans gegen Homophobie" mit. Er war dabei, als die im Ost-Fußball so oft verhassten "schwulen lila-weißen" Westberliner ihr linkes politisches Herz entdeckten.

Das war, bevor Kühnert den Vorsitz der jungen Sozialisten in Deutschland übernahm.

Seit mehr als einem Jahr war er nicht mehr im Stadion. Während dieser Zeit hat ihn Deutschland als bissigsten Kämpfer gegen die Große Koalition erlebt, das Times-Magazin hat ihn zu den Top 10 der World Next Leaders gekürt. Kühnert tourt durch Talkshows, Podien und spricht auf Demos.

Deshalb kommt er auch zu spät zum Spiel, hat sogar das erste Tor für TeBe verpasst. Diesmal hat die AfD ihn aufgehalten. In Berlin gingen Zehntausende gegen einen Aufmarsch von Anhängern der rechten Partei auf die Straße – und auch Kühnert sprach.

In Mitte feierten die Gegner der AfD ein regelrechtes Volksfest:

Auch unser Autor ist seit Jahren Fan von TeBe, zusammen mit Kühnert hat er sich das Spiel angesehen.

Herausgekommen ist ein Gespräch über den verzweifelten Kampf von mehr oder weniger verzweifelten Fußballern und Sozialdemokraten.

watson: Über ein Jahr kein TeBe mehr, wir haben dich hier vermisst…
Kevin Kühnert: Es ging aus zeitlichen Gründen nicht, war aber auch eine bewusste Entscheidung, nicht mehr so aktiv im Verein zu sein.

Nicht einmal als Fan?
Manchmal braucht man ein wenig Distanz. Jeder, der hier lange aktiv ist, kennt das Wort "TeBe-Depression". Dann zieht man sich eben mal ein Jahr raus und kommt dann wieder.

Du weißt, welche Anschlussfrage ich jetzt stellen muss?
Ob ich auch eine SPD-Depression habe? Die ist ja chronisch. SPD-Mitglied zu sein, ist manchmal eine manisch-depressive Angelegenheit. (lacht)

Zu TeBe gehen viele junge, linksdenkende Menschen, in Berlin demonstrierten heute Zehntausende gegen die AfD. Wie ordnest du dich ein, bist du mittlerweile mehr Profi-Politiker als Aktivist von der Straße?
Es gibt Aspekte, bei denen ich mittlerweile "Profi" bin. Mein Zeiteinsatz, Ebenen, auf denen ich mich bewege, Leute, mit denen ich zu tun habe, Zugänge, zu denen…

Tebe's Keeper, Stephan Flauder, kommt in schwere Bedrängnis. Hält aber grandios und Kühnert bleibt er selbst:

Du wolltest gerade erzählen, wo du noch an der Basis Politik machst.
Ich verdiene meinen Lebensunterhalt nicht mit Politik, ich habe auch keinen Fahrer oder so etwas. Es gibt da nicht diese schöne Welt, in der ich es mir bequem mache. Ich bin aber auch nicht der Volkstribun, der jetzt allen erzählt, dass er doch wirklich jeden Tag noch mit der U-Bahn fährt – auch wenn das stimmt.

Als was möchtest du denn gelten?
Da bekommst du eben keine Politiker-Antwort von mir. Klar muss man in der Politik zielorientiert arbeiten. Aber ich verfolge hier keine Jahrespläne, nach denen ich dann und dann im Parlament oder in irgendeinem Amt sitze.

TeBe und die SPD haben passenderweise zwei Dinge gemeinsam: Sie sind keine guten Orte, um Karriere zu machen.
Das kommt noch dazu. Wir haben leider zu wenige Leute in der Partei, die das verstanden haben. Man kann natürlich den immer kleiner werdenden Kuchen fleißig weiterverteilen, aber irgendwann ist eben kein Kuchen mehr da.

Die SPD hat so schlechte Umfragewerte wie nie. Mancher würde sagen, an diesem kritischen Punkt ist die Partei jetzt schon.
Wir sind möglicherweise auf dem Weg dahin. Ich glaube, dass es keine natürliche Grenze nach unten gibt.

Deine Aufstiegspläne?
Die eine Idee gibt es nicht. Ich bin auch nicht sicher, ob ich jetzt schon ein Patentrezept habe. 

"Im vergangenen halben Jahr ist mir klargeworden, dass die Enttäuschung über die SPD viele Gesichter und Geschichten hat."

Die Agenda-Politik hat bei manchen zu viel kaputt gemacht. Anderen fehlt die Haltung, manche sind für Rot-Grün, manche für die GroKo. Es gibt keine gemeinsame Linie und deshalb auch nicht die eine Antwort.

Moment, moment. Jetzt warst du wieder tief in der Parteidebatte. Ich habe das Gefühl, das spielt für die Menschen hier im Stadion und draußen auf der Straße sowieso keine Rolle mehr. Denen ist die SPD vielleicht einfach egal geworden?
Das ist meine größte Sorge im Moment: Dass uns einfach niemand mehr zuhört. Dass es rund um die Parteiführung diesen Effekt gibt: 'Aha das kommt von denen und damit möchte ich es eigentlich gar nicht mehr wissen'. Ich habe selbst unterschätzt, wie krass diese Haltung verbreitet ist.

Du meinst Andrea Nahles, die du auch zur Partei-Chefin gewählt hast. Das musst du dir wohl vorwerfen lassen…
Natürlich war das kontrovers, deswegen habe ich es ja auch vorher öffentlich gesagt. Das ist ein diskutabler Punkt… Aijaijai

TeBe-Stürmer Karim Benyamina trifft Aluminium und Kühnert wählt Nahles:

Du wolltest also keine Blackbox wählen, aber deine Wahl, Nahles, tut sich gerade mit einem Kurs hervor, der sich nicht links anfühlt. Stichwort: "Wir können nicht alle aufnehmen." 
Sie und andere merken teilweise nicht, wie ihnen die Sprache entgleitet. Scheinbar glauben sie, solche Aussagen würden irgendwie einem Verfassungspatriotismus entsprechen oder einem republikanischen Geist. Aber in Wirklichkeit sind es einfach nur Quatsch-Sätze.

Die den Leuten die Angst vor einem überforderten Staat nehmen sollen.
Ich halte das für brandgefährlich. An so einem Satz 'Wir können nicht alle aufnehmen' ist echt alles falsch. Weder wollen alle kommen, noch hat jemand gefordert, dass alle kommen sollen. Man kann doch gar keinen schlimmeren Fehler machen. Es wird damit ein Thema aufgerufen, das gar nicht auf dem Tisch liegt und eine Position vertreten, die ja am Schluss nichtmal der SPD zugeschrieben wird.

Hast du eine Erklärung dafür?
Getrieben sein einfach…

Aber von wem genau?
Von...

Lila Weiße, Lila Weiße, Hey! Hey! und Kühnert über "Wir können nicht alle aufnehmen"

Von der AfD?
Von der öffentlichen Debatte, weil wir seit rund drei Jahren zu wenig entgegenzusetzen haben. Ich finde, wir sollten über unsere Themen reden. Aber vielleicht gehört auch zur Analyse dazu, dass uns diese Themen im Moment fehlen. Wir haben Probleme damit, über das große Ganze zu sprechen. Insofern lassen wir zu, dass die AfD die Agenda bestimmt und wir uns in permanenten Rückzugsgefechten verstricken. Dafür ist die Aussage von Andrea Nahles ein Beispiel.

Die ganze politische Debatte scheint, auch dank des harten "Law-and-Order"-Kurses der CSU, nach rechts gerückt zu sein.
Wie eine Bugwelle, die immer weiter läuft. Man wird bei der Wahl in Bayern sehen, wie erfolglos das ist. Aber es macht mürbe. Zig Studien zeigen, wie wenige Menschen auf diese Debatten abfahren. Und diese Leute wirst du dann sowieso nicht zurückholen. Dennoch wird zusehends Politik für sie gemacht. Am Anfang hat die AfD uns allen ein Stöckchen hingehalten und jetzt haben die demokratischen Parteien angefangen, dieses Stöckchen aufzunehmen und sich gegenseitig abzunehmen.

Die CSU spaltet sogar die Union mit ihrem rechten Kurs:

Ich habe im Parlament schon das Gefühl, dass es Widerstand durch alle demokratischen Parteien hindurch gibt.
Da ist es aber auch leicht. Da hast du eine große Mehrheit, die dir zuapplaudiert. Da kannst du eine schön zugespitzte Rede halten und die dann auch noch ins Internet stellen.

Diese Reden meine ich gar nicht, auch in trockenen Haushaltsdebatten hört man ordentlich Gegenrede.
Du hörst dir wirklich Haushaltsdebatten an? Das tut mir leid.

Das entspannt mich... Wie gesagt: Auch trockene Fachpolitiker arbeiten gegen die Polemiken und Halbwahrheiten der AfD.
Das mag stimmen. Aber der entscheidende Schlag gegen den Rechtsruck wird nicht im Parlament stattfinden. Es ist schade, dass diese Politiker nur im Parlament streiten. Das eigentliche Problem sitzt aber in der Öffentlichkeit. 

"Dort geht es um die Deutungshoheit und dort betreiben die Spitzenpolitiker der Parteien genau gegenteiliges Spiel."

So bleiben dann möglichst knallige, verdrehte Aussagen bei den Leuten hängen, die nicht wie du den ganzen Tag die Haushaltsdebatte anschauen, sondern vielleicht einmal die Woche Tagesschau.

Und du würdest diesen Leuten konkret sagen…?
Dass ihre Probleme nicht daher kommen, dass Politiker sich um die Flüchtenden kümmern und angeblich nicht um sie. Es gibt seit 20 Jahren in der Politik die Erzählung, dass der Staat sich mehr zurückhalten muss, weil die Privaten alles ja viel besser können. Gerade auf dem Land haben viele Menschen die Erfahrung gemacht, was das bedeutet: Nämlich, dass irgendwann kein Staat mehr da ist.

Das musst du konkreter erklären.
Busse fahren nicht mehr am Wochenende, Bahnlinien verschwinden, öffentliche Wohnungen gehen an private Investoren. Es gibt keine demokratischen Parteien mehr vor Ort. Wenn du mit TeBe zu manchen Klubs im Osten fährst, und die Rechten da nur auf dich warten, dann weißt du Bescheid. Da liegen die Themen wortwörtlich auf der Straße.

Kevin Kühnert über Tebe in der Berlin- und in der Oberliga:

Das sind aber nicht die aktuellen Themen, die im Zusammenhang mit der SPD diskutiert werden. Heiko Maas fährt eine viel debattierte harte Linie gegen Russland, Olaf Scholz wird bei seiner Finanzpolitik mit Schäuble verglichen. Über Nahles hatten wir es ja schon…
Genau, und alle arbeiten sich daran ab. Die Partei steht dauernd im Widerspruch zwischen Regieren und Nachdenken. Deswegen hielt ich die Opposition für besser.

TeBe hat Ecke, Kühnert eine ungeliebte Regierung-Position:

Aber müsste nicht auch mehr von den Bürgern selbst kommen? Du hast sie in einem Interview mal als "Sitzplatzgesellschaft" kritisiert. (11 Freunde)
Die AfD hat rund 12 bis 13 Prozent Anhänger. Leute, die aktiv gegen die Partei arbeiten, gibt es ein paar mehr. Daneben bleibt ein erschreckend hoher Anteil Teilnahmsloser, die selbst solche krassen Spannungen, wie wir sie gerade erleben, im Grunde ignorieren.

Na ja, heute gingen in Berlin Zehntausende auf die Straße. Hier in der Kurve singen Fans "Ganz TeBe hasst die AfD".
Wie gesagt, das sind nicht die Leute, die ich meine. Aber viel zu viele sind teilnahmslos. Diese Ruhe stört nur mal, wenn ein Campino den Echo nutzt, um ein Statement gegen Rechts abzugeben. Dann gibt es kurz aufgeregte Debatten. Und ich wünsche mir nur: mehr davon!

Du könntest ja vielleicht doch noch Pop- oder Fußball-Star werden, statt Politiker.
Ich glaube, Udo Lindenberg hat das mal gesagt: Es wäre wichtig, wenn mal eine Helene Fischer den Mund aufmachen würde und zu irgendwas Stellung bezieht. Ich bin in der angenehmen Lage, sagen zu können: Wir brauchen Parteien, die sich langfristig engagieren. Es reicht nicht, zu irgendeiner Demo mal hinzufahren und sich dann zu freuen, dass dann Pegida nicht laufen kann. Es braucht auch die Leute, die sich dauerhaft mit dem Kram beschäftigen. Die fragen, wo so eine Entwicklung herkommt, und welche Haltung man damit verbindet. Das ist mein Job.

Weiter in der Oberliga, aber Kevin Kühnert bleibt

Kurz nach dieser letzten Aussage des Interviews mit Kevin Kühnert schießt TeBe-Spieler Thiago Rockenbach da Silva das 2:0 gegen Hertha 06 Charlottenburg. TeBe gewinnt. Der Liga-Konkurrent Optik Rathenow aber genauso. Leider hat es deshalb wieder nicht für den Aufstieg von TeBe gereicht. Kühnert will nach der Sommerpause wieder öfter vorbeikommen.

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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • juedorfer 30.05.2018 12:46
    Highlight Highlight Es ist schade dass es den etablierten Parteien nicht gelingt Ihre Crew mit jungen, frischen und quer denkenden Menschen zu durchsetzen. Mir kommt das manchmal wie ein Inzucht-Betrieb vor. Schon in der Wirtschaft ist so eine Struktur dem Untergang geweiht. Bei der Politik dauert es etwas länger.
    3 1 Melden
  • Benedikt Niessen 30.05.2018 07:27
    Highlight Highlight Tolles Interview in einem interessanten Rahmen!
    5 8 Melden

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