Deutschland
(200607) -- BERLIN, June 7, 2020 () -- People attend a demonstration at Alexanderplatz Square in Berlin, capital of Germany, June 6, 2020. Tens of thousands of people in Germany demonstrated on Saturday against racism and police brutality following the killing of African American George Floyd in the U.S. city of Minneapolis. (Photo by Binh Truong/) |

"Black Lives Matter"-Protest in Berlin. Bild: picture alliance/Binh Truong

Interview

Rassismusforscher: "Wir müssen über die negativen Bilder in den Köpfen weißer Menschen sprechen"

Eigentlich war sie längst überfällig: die Diskussion um das Wort "Rasse" im Grundgesetz. Denn obwohl der Begriff als überholt und widerlegt gilt, ist er weiterhin in einem Gesetzestext verankert. In Artikel 3 des Grundgesetzes heißt es:

"Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden."

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

Die Grünen forderten, dass das Wort "Rasse" gestrichen wird. Als Alternative boten sie die Formulierung "Menschen dürfen nicht aufgrund rassistischer Einstellungsmuster oder Vorstellungspraktiken diskriminiert werden" an. CDU und CSU stellten sich dagegen. Sie bezeichneten den Vorstoß als Symbolpolitik.

Doch ist das wirklich schlecht? Kann Symbolpolitik nicht helfen, größere Probleme zu lösen? Und welches Signal würde es senden, an einem Wort festzuhalten, das grundsätzlich problematisch ist? Im Gespräch mit dem Rassismusforscher Karim Fereidooni von der Ruhr-Universität Bochum sprach watson über diese Fragen und darüber, warum sich niemand aus Rassismus-Themen rausnehmen sollte.

"Rassismus ist ein Thema, das alle Menschen betrifft, nicht nur Mohammed, Ayse oder Kofi."

watson: Wie nehmen Sie die Debatte um das Wort "Rasse" im Grundgesetz wahr?

Karim Fereidooni: Rassismus ist eine Erfindung der Aufklärung, weil zu dieser Zeit nicht nur die universellen Menschenrechte deklariert worden sind, sondern europäische Menschen afrikanische Menschen im Zuge des Kolonialismus – aus Profitgier – versklavt, verschleppt und ermordet haben. Es gibt keine menschlichen Rassen, aber weiße Europäer und Europäerinnen haben menschliche Rassen (weiß, gelb, rot und schwarz) erfunden, um diese Verbrechen zu rechtfertigen.

Man kann nicht in Europa, sagen "Wir sind alle frei, gleich, Brüder und Schwestern" und auf der anderen Seite der Welt Menschen versklaven; dafür benötigt man einen Legitimationstrick und die Erfindung menschlicher Rassen war dieser Trick. Es wurde behauptet, dass weiße Menschen auf der Entwicklungsstufe über gelbe, rote und schwarze Menschen stünden.

Also war die Erfindung menschlicher Rassen mehr ein Versuch, das zu legitimieren?

Genau. Man hat gesagt: "Okay, wir sind alle frei, gleich, Brüder und Schwestern. Aber weiße Menschen stehen in der Entwicklungsstufe über schwarzen Menschen". Deshalb sei es die Bürde weißer Menschen, nach Afrika zu gehen und den Kindern beizubringen, "richtige" Menschen zu sein. Das ist die Geschichte der Erfindung der Rassen. Nun betonen Biologen seit Jahrzehnten, dass es keine menschlichen Rassen gibt, weshalb der Begriff nicht mehr genutzt werden sollte.

Jetzt war ein Vorschlag von Seiten der FDP, "Rasse" durch "ethnische Herkunft" zu ersetzen. Wäre das sinnvoll?

Nein, weil es schlicht keinen Unterschied zwischen Ethnien und Rassen gibt. Deswegen sollte es eigentlich heißen, "Menschen dürfen nicht aufgrund rassistischer Einstellungsmuster oder Vorstellungspraktiken diskriminiert werden". Das hatten die Grünen ja bereits empfohlen.

Wenn die anderen Parteien sich weiter gegen eine Änderung des Grundgesetzes stellen, würde es nicht ein falsches Signal setzen, an einem Wort festzuhalten, das offensichtlich falsch ist?

Ja, das würde das Signal senden, dass man sich 2020 mit diesem Wort beschäftigt hat und daran festhält, obwohl der Begriff selbst nicht richtig ist. Der Tenor im Grundgesetz ist positiv, die Formulierung aber nicht. Deshalb sollte man aufhören zu suggerieren, dass das Wort "Rasse" im Kampf gegen Rassismus notwendig ist. Um Sexismus zu bekämpfen, sind abwertende Worte gegenüber Frauen ebenfalls nicht nötig.

"Weiße Menschen lernen im Laufe ihrer Sozialisation, schwarze Männer oder PoC als Gefahr wahrzunehmen und schwarze Frauen als exotisch."

Aktuell wird ein Streichen des Wortes als Symbolpolitik bezeichnet. Wie schätzen sie das ein?

Symbolpolitik betreiben alle Parteien und das ist manchmal gut so. Die Politik gegenüber Geflüchteten war auch Symbolpolitik. Das war ein Symbol an die Welt, dass Deutschland in einer Notsituation hilft und andererseits bedeutete es, dass Deutschland seiner globalen Verantwortung gerecht wird. Deswegen würde ich den Vorwurf der Symbolpolitik nicht als gute Argumentation gelten lassen, weil sie manchmal notwendig ist. Das gilt auch für die Gleichstellung von Männern und Frauen oder eben Klimapolitik.

Außerdem ist Rassismus ein Thema, das alle Menschen betrifft, nicht nur Mohammed, Ayse oder Kofi. Der Glaube, dass es Rassen gibt, ist fest in der Bevölkerung verankert. Und durch diesen Vorstoß, kann man dem entgegenwirken und Maximilian, Gabrielle und Petra, die glauben, nichts mit Rassismus zu tun haben, klarmachen, dass auch ihr Leben von dem Rassendenken beeinflusst wurde. Weshalb es umso wichtiger ist, dass auch sie sich gegen Rassismus positionieren.

Jetzt äußerten sich bereits die SPD, CDU, CSU und auch die FDP zu dem Vorstoß der Grünen. Wer sollte sich ganz grundsätzlich an der Debatte beteiligen?

Jeder, unabhängig von seiner Partei. Es geht hier um ein überparteiliches Problem, was schon längst hätte angegangen werden sollen. Ich verstehe auch nicht die Argumentationslogik von manchen Politikern, die sich weigern, einen "historischen Text" zu verändern. Bereits in der Aufklärung gab es Menschen, die gesagt haben, dass es nur eine menschliche Rasse gibt. Man braucht den Begriff Rasse nicht, um gegen Rassismus vorzugehen.

Wäre es nicht auch sinnvoll, mehr People of Color (POC) in politischen Debatten über Rassismus zu Wort kommen zu lassen?

Natürlich, das gilt für Nichtregierungsorganisationen wie die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland oder auch Schwarze Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zu dem Thema forschen. Wir sollten aber nicht so tun, als ob weiße Menschen nicht von Rassismus betroffen sind. Klar, es gibt keine Deutschenfeindlichkeit, es gibt keinen umgekehrten Rassismus, es gibt keinen Rassismus gegen weiße Menschen. Aber Rassismus hat nichts mit realen PoC zu tun. Rassismus ist ein Phantasma über PoC. Ein negatives Bild über erdachte PoC. Wir müssen also über die negativen Bilder in den Köpfen weißer Menschen sprechen. Denn weiße Menschen lernen im Laufe ihrer Sozialisation, schwarze Männer oder PoC als Gefahr wahrzunehmen und schwarze Frauen als exotisch.

Ein weiteres Problem: Weiße nehmen sich häufig aus solchen Diskussionen raus. Das führt auch häufig zu einer Art Empörungsreflex. Sobald das Thema aufkommt, machen sie zu.

Genau. Manche sagen, sie sind Mitglied bei den Grünen, spenden für Greenpeace oder andere Vereine, weshalb sie ihrer Auffassung nach nicht rassistisch sind. Doch durch diese Haltung werden rassistische Gedankengänge nicht aktiv bekämpft. Denn Kinder wissen bereits im Alter von drei Jahren, wer so aussieht als hätte er weniger oder mehr Macht in der Gesellschaft.

Haben Sie da ein Beispiel?

Ich war gestern bei einem Freund zum Grillen. Und seine fünfjährige Tochter sprach mit mir über ihre Kindergartenerfahrung. Ich fragte, ob es bei ihr auch Kinder gibt, die nicht ausschließlich deutsch sprechen. Darauf sagte sie: "ja, eine spricht türkisch und die ist braun wie du". Kinder erlernen praktisch, wer mehr Macht in der Gesellschaft hat. Und wenn es keine Vorbilder gibt, trauen sie einem Menschen weniger zu – allein aufgrund seiner Hautfarbe. Rassismus wird nicht angeboren, sondern erlernt.

"Politik reagiert immer auf Druck. Der ist jetzt da und das ist gut so."

Welchen Beitrag können Politikerinnen und Politiker leisten, um Rassismus entgegenzutreten?

Ein Punkt sehe ich darin, Migration und die rassistische Bezugnahme auf Migration nicht immer zu instrumentalisieren, um Stimmen zu bekommen. Wenn etwa Friedrich Merz in einem kleinen Ort in Ostdeutschland auftritt und sagt, "hier ist nicht Berlin-Kreuzberg, hier ist die Mitte Deutschlands", oder wenn Horst Seehofer betont, Migration sei die Mutter aller Probleme, dann hat das eine Signalwirkung.

Das sagen die Politiker in dem Bewusstsein, dass POC keine wahlbeeinflussende Komponente darstellen. Dabei ist in einer Demokratie auch die Würde schwarzer Menschen oder POC unantastbar. Entsprechend sollen führende Politiker und Politikerinnen aufhören, Rassismus für ihren Wahlkampf zu gebrauchen. Nach wie vor wissen aber Politiker, dass sie damit Stimmen gewinnen. Dadurch spalten sie aber die Gesellschaft.

Was würden Sie noch empfehlen?

Dass wir wirkungsvolle Maßnahmen brauchen, um Rassismus zu bekämpfen. Dazu zählt etwa, Vereine zu unterstützen, die sich explizit gegen Rassismus einsetzen. Auch müssen Moscheen oder Synagogen geschützt werden. Nach Halle kann es sich Deutschland nicht leisten, dass wieder Glaubensgemeinschaften Zielscheiben von Rechtsextremen werden. Ich glaube, Symbolpolitik hilft uns da weiter. Wenn führende Politikerinnen und Politiker ansprechen, welche Errungenschaften wir auch durch die Migration erhalten haben, sind wir einen großen Schritt weiter.

Es scheint, als bräuchte es immer ein Ereignis, damit überhaupt darüber gesprochen wird.

Politik reagiert immer auf Druck. Der ist jetzt da und das ist gut so. Jetzt sollte man sich fragen, was genau Politik tun kann. Sie kann jetzt wirklich diese Forderungen aller Menschen, die sich gegen Rassismus positionieren in Taten ummünzen. Politik sollte sich bei solchen Debatten solidarisieren und zeigen, dass jeder Mensch betroffen ist. Es braucht eine emotionale Vereinbarung, nicht mehr in einer Gesellschaft leben zu wollen, die Menschen aufgrund von Aussehen unterschiedlich behandelt.

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