Bild: Generation Islam/Getty/Montage t-online.de

So nutzen Islamisten gerade die Debatte um ein Kopftuchverbot aus

18.04.2018, 19:12
lars wienand/t-online.de

Zwölf Jahre alt ist Mariam Gafar angeblich und liebt ihr Kopftuch, das sie trägt, seitdem sie 10 Jahre alt ist.

So steht es in einem von mehr als 130.000 Tweets vom Sonntagabend, die seither unter dem Hashtag #NichtohnemeinKopftuch 
veröffentlicht wurden.

Bild: screenshot t.online.de

Die Organisationen "Generation Islam" und "Realität Islam" hatten vor allem über Facebook aufgefordert, gemeinsam "Twitter zu überfluten", um "den Islam" zu verteidigen. 

Dazu sollten sich Nutzer sogar extra bei Twitter mit einem neuen Account anmelden.

Mindestens eintausend Accounts wurden dafür neu angelegt. sagt der Datenanalyst Luca Hammer, der insgesamt 77.000 Tweets zu dem Thema ausgewertet hat.

Diese koordinierte Offensive ist aus Sicht der Extremismusforscherin Julia Ebner vom Londoner Institute for Strategic Dialogue:

"der Versuch, in einem kritischen Moment die sogenannten ‘Grauzonenmuslime’ in islamistische Netzwerke zu ziehen und das Bild eines Dschihad zu zeichnen."
Ebner zu t.-online

Die Beteiligung von Muslimen an dem "Twitter Storm" war groß. 

Worum es in der aktuellen Debatte geht
Österreichs Kanzler Sebastian Kurz hatte Anfang April ein Gesetz für ein Verbot von Kopftüchern in Kindergärten und Grundschulen angekündigt. Auch NRWs Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) hatte mit Staatssekretärin Serap Güler (CDU) angekündigt, NRW wolle das Tragen von Kopftüchern für Kinder unter 14 Jahren generell verbieten.

Am Wochenende beim FDP-Landesparteitag erklärte er dazu, es gehe nicht zwingend um ein Gesetz und keineswegs um eine allgemeine Kopftuch-Verbotsdebatte, sondern um das Kindeswohl. Am Proteststurm auf Twitter änderte das nichts. Salafist Pierre Vogel rief zur Teilnahme auf und denkt zusätzlich an eine Demo in Neukölln.

Der fundamentalistische "Islamische Zentralrat Schweiz" mit gut 3.000 Mitgliedern veröffentlichte einen Video-Aufruf mit einer Muslima mit Kopftuch und Sonnenbrille.

Wer steht hinter der Aktion?

Im Zentrum stehen die Organisationen "Generation Islam" und "Realität Islam". "Realität Islam" mit dem Konvertiten Raimund Hoffmann an der Spitze hat auch eine Petition mit fast 40.000 Unterzeichnern initiiert. 

Bild: screenshot

Sie kommen aus dem Umfeld von der Organisation Hizb ut-Tahrir, erläutert Claudia Dantschke, Leiterin der Beratungsstelle "Hayat" für Deradikalisierung.

Hizb ut-Tahrir will alle Muslime in einem Kalifat vereinen und ist in Deutschland, der Türkei und arabischen Ländern verboten. Weder "Generation Islam" noch "Realität Oslam" antworteten auf Nachfrage.

Eine Verbindung zu Hizb ut-Tahrir sieht auch Eren Güvercin, Mitgründer des Vereins Alhambra-Gesellschaft, der für einen aufgeklärten Islam eintritt.

"Die Organisation ist unter dem Namen nicht präsent, die Anhänger treten seit einigen Jahren mit einer anderen Strategie auf und sprechen auf geschickte Weise junge Muslime an", sagte Güvercin.

"Junge Muslime machen dann bei so einer Kampagne mit, ohne dass ihnen bewusst ist, wer die Akteure dahinter sind."
Eren Güvercin im Gespräch mit t-online.de

Hat das Kopftuch bei Kindern überhaupt eine religiöse Grundlage?

Kopftücher bei Kindern haben "aus religiöser Perspektive keinerlei Grundlage", so Güvercin, "und das Kopftuch ist generell keine der fünf Säulen des Islam". Überhaupt gehe es nur um wenige Einzelfälle.

Zudem hat der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags in einem Gutachten festgestellt, dass ein generelles landesweites Verbot für Schülerinnen, ein Kopftuch zu tragen, verfassungsrechtlich wohl nicht zulässig wäre. Es handele sich bei der Diskussion also um

"eine Phantomdebatte, die in jeglicher Sicht kontraproduktiv ist."
Güvercin

"Sie liefert nur den Scharfmachern eine ideologische Vorlage, um mit dem Szenario einer vermeintlichen Bedrohung für den Islam junge Muslime aufzustacheln", so Güvercin.

"Die Politik realisiert das aber nicht oder will es nicht realisieren."

Verbände lassen Jugendliche alleine

Zum Problem werde das auch, "weil die größeren Organisationen und Moscheeverbände mit Abwesenheit glänzen und die Bedürfnisse nicht wahrnehmen", sagt Güvercin.

Denn:

"Es fehlt ein souveräner Umgang mit dem Thema und der Zugang zu jungen Muslimen."
Güvercin im Gesräch mit t-online.de

Diese Verbände bekamen auch im "Twitter-Storm" Kritik ab: "Es ist Allah, den ihr fürchten solltet und nicht der Staat!", schrieb beispielsweise ein Nutzer.

Wenn die Verbände nicht handelten, sei es an der Zeit, dass sich "jeder Muslim selbst dafür verantwortlich fühlte, was hier passiert", schreibt ein anderer User. 

Einige wenige, die intensiv twitterten

Es gab dann auch Tweets wie diesen, der mittlerweile gelöscht ist:

“Islam ist die Macht. Wir werden die Welt von der dreckigen Demokratie befreien.”
Tweet unter dem Hashtag #nichtohnemeinkopftuch

Solche Äußerungen machten nur einen Bruchteil aus. Aber sie dienten wiederum rechten Accounts als Beleg, dass der Islam die Gesellschaft spaltet.

So schrieb Patrick Lenart, einer der Führer der Identitäten Bewegung Österreichs: "Massenzuwanderung schuf Parallelgesellschaft mit fremder Kultur, die sich nicht mit der heimischen Verschmelzen lässt, ohne beide zu zerstören."

Datenanalyst Luca Hammer ermittelte anhand von 77.000 Tweets zu dem Thema, dass Accounts der Rechten schließlich fast ein Drittel aller Nutzer ausmachte.

Accounts, der er der Organisation "Generation Islam" zuordnete, machten nur 21 Prozent der Teilnehmer aus. Sie twitterten dafür aber intensiv, fast vier Fünftel aller Tweets mit dem Hashtag gingen auf sie zurück.

Parallelen zwischen Islamisten und Rechtsextremen 

Extreme Rechte gingen ähnlich vor, sagt Extremismus-Forscherin Julia Ebner, Autorin des Buchs "Wut: Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen".

Beide Seiten zeichneten einfache Weltbilder mit homogenen Blöcken und einer Bedrohung: Die Rechtsextremen unterschieden nicht zwischen Islam und Islamismus, Islamisten wollten muslimfeindliche Stimmen als repräsentativ darstellen und verbreiten, dass der Westen gegen Muslime ist.

Der aktuelle Vorstoß für ein Verbot sei ein willkommener Anlass für Islamisten, um bei Muslimen mit einer Darstellung als Opfer und einer bedrohten Identität die Ängste und Unsicherheit zu verstärken.

Diese Botschaft sei verheerend, beklagt auch der gläubige Muslim Eren Güvercin:

“Wie kann man hier leben, wenn man ständig transportiert bekommt, dass man hier nicht gewollt ist?”

Es gebe natürlich Islamfeindlichkeit in Deutschland, “aber ich kann hier meinen muslimischen Glauben freier ausleben als in 99 Prozent der muslimisch geprägten Länder", sagt der Publizist. 

Die Verbände seien jedoch nicht in der Lage, den Jugendlichen ein positiveres Bild zu vermitteln. Und Gruppen wie "Generation Islam" hätten kein Interesse an kritischer Auseinandersetzung.

Dieser Text erschien zuerst auf t-online.de

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