Deutschland

Vater schiebt Rollstuhl seines Sohnes von Hamburg nach Berlin – aus Protest gegen Spahn

Sara Orlos

Seit zwei Wochen schiebt Arnold Schnittger einen Rollstuhl durch Schnee, Regen und Gewitter. Von Berlin nach Hamburg. 280 Kilometer, im Schnitt 20 Kilometer pro Tag, viele Stunden Wanderung. Einmal blockieren Wildschweine den Weg. In dem Rollstuhl sitzt normalerweise Schnittgers pflegebedürftiger Sohn Nico. Während der Wanderung liegt dort nur ein Plakat: "Herr Spahn, wir müssen reden", steht darauf.

Schnittger wandert, weil er findet, dass die Politik Menschen wie ihn nicht genug unterstützt – und weil er nicht viel vom neuen Gesundheitsminister Jens Spahn hält. Trotzdem möchte er mit ihm sprechen.

Am 11. März, drei Tage vor der Vereidigung der Kanzlerin und der neuen Minister, veröffentlicht Schnittger auf seinem Blog einen offenen Brief an Jens Spahn.

So beginnt der Brief:

Bild

Screenshot: inwendig-warm.de

Darin kritisiert er die Gesundheitspolitik im Allgemeinen und den Gesundheitsminister Spahn im Besonderen: "Ich möchte Ihnen meinen Sohn nicht anvertrauen, wenn er alt ist". Schnittger schreibt weiter:

"Wir sollten reden! Ich komme auf einen Kaffee bei Ihnen vorbei."

Knapp zwei Wochen später macht er sich auf den Weg von Hamburg nach Berlin.

Schnittger hat einen Sohn, Nico, der 23 Jahre alt ist, längst erwachsen also, der aber nicht sprechen und laufen kann und deshalb rund um die Uhr auf Pflege angewiesen ist. Schnittger bekam fast nichts, als er seinen Job als Fotograf aufgab, um sich noch mehr um seinen Sohn zu kümmern. Heute ist er Rentner.

Hier startet Schnittger in Hamburg:

abspielen

Video: YouTube/Hans-Joachim Rieckmann

Er findet, wer Angehörige pflegt, müsse deutlich mehr Geld bekommen als bisher. Er fordert eine Grundsicherung und darüber hinaus eine bessere Bezahlung für Pflegekräfte.

Auf seinem Blog dokumentiert Schnittger seinen Weg mit Fotos, Beiträgen und Gedichten. Immer wieder notiert er auch spöttische Kommentare über Spahn: 

"Heute sind die Autofahrer ausgesprochen ekelhaft zu mir. Wollen mich wohl platt fahren. Vielleicht von Herrn Spahn gekauft?"

Ein andermal schlägt er Spahn vor, einen Tag lang seinen Sohn zu versorgen. 

"Wenn Sie mit ihm Essen gehen, geben Sie bitte nicht mehr als 4,27 Euro aus. Das ist er so gewohnt."

Der Groll gegen Spahn wirkt echt.

Und doch geht es Schnittger offensichtlich um mehr als nur um Kritik an einem Minister, der erst wenige Tage im Amt war, als er seinen Protestmarsch begann.

Schnittger ist früher schon einmal von Hamburg nach Berlin gelaufen. Damals aus Protest gegen die Behandlung von Eltern mit behinderten Kindern durch den damaligen Hamburger Senat. Er hat den Verein "Nicos Farm" gegründet.

Ziel des Projektes ist es, barrierefreie Wohnmöglichkeiten für 20 Familien zu schaffen. Und Aufmerksamkeit zu erzeugen – immer wieder auch mit öffentlichkeitswirksamen Wanderungen, wie ein Blick ins Archiv der Website zeigt.

Schnittger mit seinem Sohn Nico:

Diesmal geht es konkret um den Pflegenotstand in Deutschland und vor allem um die Frage: Was wird aus pflegebedürftigen Kindern, wenn die Eltern nicht mehr leben? Noch kann sich Schnittger um seinen Sohn kümmern. Aber in 20 Jahren, wenn er alt geworden ist und womöglich selbst Hilfe braucht?

Wenn er am Freitagnachmittag in Berlin ankommt, will er darüber mit Jens Spahn reden – auch wenn er nicht wirklich davon ausgeht, dass der sich Zeit nehmen wird.

1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • B-Arche 06.04.2018 22:15
    Highlight Highlight Für Herrn Spahn ist das einfach das "allgemeine Lebensrisiko" und der Staat könne da nicht einspringen, das sei Sache der Familie.
    Und Familien seien dafür zuständig auch wenn das heisst dass man den Job aufgeben müsste.
    Das sagte er vor zwei Jahren als es um Pflege-Kosten und Pflegeheime ging.

AfD-Streit: Kalbitz will gegen Ende seiner Mitgliedschaft vorgehen

Die AfD-Spitze hat die Mitgliedschaft von Andreas Kalbitz, einer ihrer Führungspersonen, wegen früherer Kontakte im rechtsextremen Milieu beendet. Wie die Deutsche Presse-Agentur aus Parteikreisen erfuhr, stimmte am Freitag eine Mehrheit des Bundesvorstandes dafür, seine Mitgliedschaft für nichtig zu erklären.

Nach dpa-Informationen stimmten der Parteivorsitzende Jörg Meuthen und sechs weitere Mitglieder des Parteivorstandes für den Beschluss. Kalbitz, der Co-Vorsitzende Tino Chrupalla, …

Artikel lesen
Link zum Artikel