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Die Debatte um das "Umweltsau"-Video beschäftigt Deutschland. Andreas Zick sieht in der Löschung des Videos durch den WDR ein Einknicken vor Rechtsextremen. Bild: dpa/Screenshot Twitter/watson-montage

Experte: WDR geht mit Löschung des "Umweltsau"-Videos in die Falle der Rechten

Der WDR veröffentlicht ein Satire-Video, in dem ein Kinderchor über eine nicht sehr umweltbewusste Oma singt – und ganz Deutschland rastet aus. Moment Mal. Ganz Deutschland?

Zunächst las sich die Geschichte so: Der WDR sah sich gezwungen, das "Umweltsau"-Video nach Reaktionen empörter Bürger zu löschen. So berichteten zahlreiche Medien am Samstag.

Doch ein Blick auf Twitter zeigt: Es waren von Anfang an stramm rechte Accounts, die bei dem Shitstorm mitmachten.

Hier drei Beispiele:

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Bild: Screenshot von Twitter

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Bild: Screenshot von Twitter

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Bild: Screenshot von Twitter

Alle drei Tweets haben gemeinsam, dass sie

  1. von einschlägigen rechten Accounts stammen
  2. sehr kurz nach der Veröffentlichung über das Thema abgesetzt wurden.

Haben wir es also womöglich mit einer Kampagne zu tun? watson hat mit Rechtsextremismus-Experte Andreas Zick von der Uni Bielefeld gesprochen.

War das Ganze eine rechte Kampagne?

Der Forscher sagt, das sei schwer auszumachen. "Klar ist aber, dass Rechtsextreme, neue Rechte und Rechtspopulisten schnell und gerne auf sowas einsteigen und professionell gerüstet sind, schnell Kampagnen im Netz zu organisieren."

Zudem nutzten sie die Gelegenheit, ein für die Szene wichtiges Thema aufzugreifen. Und das Thema Klimawandel habe sich in den letzten Monaten zu einem zentralen Kampfthema für rechte Gruppen entwickelt.

"Die Leugnung des Klimawandels ist längst gegessen. Mit den Erfolgen der Bewegungen wie Fridays-for-Future haben die Kampagnen gegen die Feinde der eigenen Meinung zugenommen", erklärt Andreas Zick.

Nun waren an dem sich entwickelnden Shitstorm aber bei weitem nicht nur rechtsradikale Accounts beteiligt. Auch viele Vertreter der sogenannten bürgerlichen Mitte beteiligten sich an der Empörungswelle. Sind die Rechtsextremen also nur auf einen fahrenden Zug aufgesprungen?

Alles nur Trittbrettfahrer?

Es spricht einiges dagegen. Im Verlauf der eskalierenden Debatte erhielten der Chorleiter sowie ein freier Mitarbeiter des WDR Morddrohungen, vor dem WDR-Gebäude versammelten sich 150 Demonstranten, die zumindest zum Teil klar der Neonazi-Szene zuzuordnen waren.

Nach purem Zufall klingt das alles nicht. Wahrscheinlicher ist, dass viele Bürgerliche sich von der Empörung der Rechten haben mitreißen lassen. "Klammheimlich teilen viele Menschen in der Mitte die Bilder, Stereotype und Meinungen und das wissen Ultrakonservative", sagt Zick.

Rechtsextreme seien darin geübt, ihre Positionen in Debatten einzubringen. Das liege daran, dass sie sich schon in den 1990er Jahren auf die Netzwerkkommunikation konzentriert hätten. "Die erfolgreichste Netzkampagne zu Beginn des letzten Jahrzehnts war die digitale Kampagne der NPD 'Todesstrafe für Kinderschänder'."

Wie die Mitte sich vereinnahmen lässt

Neurechte oder rechtspopulistische User und Netzwerke, die Aufmerksamkeit suchten, bildeten dann eine Brücke in die Mitte. Die Folge laut Zick:

"Die Positionen dringen in die Debatte ein, weil andere das gar nicht als extrem einstufen. Oft geht es um Aufmerksamkeitsgewinne. Viele User, die dann mitmachen erkennen gar nicht, dass sie mitten in einem Wettbewerb um die Kommunikationshoheit sind."

Ob rechtsradikale User und Netzwerke den Shitstorm absichtlich herbeigeführt haben oder nur frühzeitig aufgesprungen sind, lasse sich nicht mit Sicherheit sagen. Dazu brauche es mehr Untersuchungen, um zu klären, wer die Angelegenheit wie für Agitation genutzt habe.

Sicher sei allerdings, stellt der Forscher fest, dass Rechtsextreme solche Kampagnen planten. "Früher ging es um den Kampf um die Parlamente und die Straße, heute kommt der Kampf um die digitalen Räume dazu." Der Vorteil digitaler Kampagnen sei, dass dort wenige Menschen reichten, um große Effekte zu erzeugen.

Vor den Rechten eingeknickt?

Der große Effekt in diesem Fall: Der WDR löschte das Video und entschuldigte sich. Dabei sei das Video ohnehin viral gegangen, wendet Zick ein. "Viele ältere Menschen haben genügend Selbstwert, es lustig zu finden, andere fühlen sich angegriffen. Bei solchen Dilemmata ist es das Wichtigste, ein gutes Argument zu haben. Empörungskulturen helfen lediglich Rechtsextremen, die andere in ihre moralischen Fallen locken."

So hätte der WDR mit dem Konflikt um das Video offen umgehen sollen, anstatt es sofort herunterzunehmen. Löschen sei dagegen das Ende von Kommunikation:

"Einknicken vor einseitigen Positionen ist noch lange keine Haltung und wird auch so nicht wahrgenommen."

Andreas Zick

"Umweltsau"-Debatte ist beispielhaft

Letztlich sei die Debatte um das "Umweltsau"-Video ein gutes Beispiel für Vieles, was sich in der Forschung beobachten lasse:

"Die rechtsextremen Netze sind dicht und kampagnenfähig. Sie kennen sich mit Kommunikation gut aus und schaffen es immer wieder, andere in die Kommunikationsfallen zu treiben."

Andreas Zick

Das Netz werde von Konflikt- und Emotionskulturen beherrscht. Und: "Hasstweets und -botschaften haben kaum Langzeiteffekte, daher müssen sie ständig wiederholt werden."

Der nächste Shitstorm wird also früher oder später anstehen. Ob die Angegriffenen dann souveräner reagieren, bleibt abzuwarten.

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