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Bild: imago / watson.de

#MeTwo ohne mich – Warum ich dazu schweige

09.08.18, 17:16 14.08.18, 09:25
Yasmin Polat
Yasmin Polat

"Sag mal, wie kommt es eigentlich, dass du nichts zu #MeTwo geschrieben hast?" – Diese Frage stellten mir Freunde in den vergangenen Tagen sehr oft.

Das hat zwei Gründe und beide haben mit meinem persönlichen Hintergrund zu tun.

Als vor zwei Wochen unter dem Hashtag #MeTwo Menschen begonnen haben, ihre Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen in Deutschland zu teilen, habe ich erst einmal einfach nur gelesen. Die Geschichten haben mich nicht überrascht, auch wenn sie sehr schmerzhaft waren. 

Wer sich über diese Geschichten wundert, ist in einer viel zu weißen Welt unterwegs.

Denn das ist das Brutale an #MeTwo – all die Geschichten und Erfahrungen sind für People of Color leider Alltagsbegebenheiten. 

Viele sehen mir nicht an, dass ich nicht-nur-deutsch bin. Ich habe dunkle Haare, mein Vater ist Türke. Aber ich könnte auch als Spanierin, Italienerin oder in vereinzelten Fällen als Französin durchgehen. Menschen haben in mir schon immer gesehen, was sie wollen. Und ich glaube, dass ich auch deswegen nicht so viele Rassismuserfahrungen in Deutschland machen musste wie andere Mitbürger. Und doch gab und gibt es sie.

Denn "Ausländer" sind das eine, aber Schwarze, Türken oder Araber sind das Andere für den alltagsrassistischen Deutschen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

#MeTwo zeigt den Alltagsrassismus in Deutschland:

Video: watson/Lia Haubner

Damit will ich nicht sagen, dass Italiener oder Franzosen keinen Rassismus erleiden in Deutschland. Natürlich tun sie das. Aber die Masse an Erfahrungen, die auch unter #MeTwo geteilt wurden, stützt sich nach meinen Beobachtungen eher auf Menschen, die selbst oder deren Eltern aus Ländern kommen, die keine unmittelbaren Nachbarländer sind.

Warum ich (und übrigens auch viele meiner Bekannten) nichts unter dem Hashtag veröffentlicht habe, hat zwei Gründe.

Meine Erfahrungen kamen mir im Vergleich nichtig vor

Zum einen hat es sich für mich falsch angefühlt, meine zwar auch schmerzhaften, aber gefühlt weniger schlimmen Erfahrungen neben andere zu stellen. Als ich durch den Hashtag auf Twitter scrollte, habe ich teils so schlimme Geschichten gelesen, dass mir meine Erfahrungen nichtig vorkamen. 

Das ist nicht der Fehler des Hashtags oder der Aktion. Und sicher, Empfindungen und Schmerz sind nicht vergleichbar. Alle können nebeneinander stehen und bilden so ab, was gesamtgesellschaftlich tagtäglich passiert. Niemand darf sich anmaßen, Rassismus in irgendeiner Form zu skalieren.

Aber ich weiß, dass Leute das tun. Auf eine Art tue ich das sogar selbst.

Und: Ich wollte bei #MeTwo genau so zuhören, wie es andere aus der Mehrheitsgesellschaft tun sollten.

Keine Lust auf rechte Internettrolle

Das hat nichts mit fehlender Solidarität zu tun. Ich bin nicht dazu verpflichtet, meine Erfahrungen zu teilen. Auch wenn ich allen, die es tun, meine vollkommene Unterstützung und Solidarität ausspreche und zeige.

Aber da ist der zweite und für mich ausschlaggebende Grund: Ich hatte keine Kraft und Lust mich mit Rechten oder Internet-Trollen auseinanderzusetzen.

Ich hatte Angst, dass meine ganz persönlichen Erfahrungen mir von genau den Menschen abgesprochen werden, die sonst die Aggressoren sind. Es gibt viele Erlebnisse, die ich seit Jahren mit mir rumschleppe und ich habe einfach keine Lust, dass mir irgendein Jan-Alexander auf Twitter die Validität dieser absprechen will oder ich meine Gefühle gerade vor ihm verteidigen muss. Deswegen habe ich es bisher nicht über mich bringen können, mich zu äußern.

Die vielen tausend dummen Sprüche, die man als Mädchen, irgendwann als Frau und als Nicht-nur-Herkunftsdeutsche in seinem Leben gedrückt bekommt, das raue Lachen über rassistische Witze oder auch der latente Rassismus in einigen deutschen Redaktionen. (Ja, den gibt es auch. Das ist nochmal ein eigenes Thema.) All das ist da, in mir und passiert in meiner Welt – aber ich muss es nicht jetzt unter #MeTwo veröffentlichen.

Für den Anfang reicht dieses kleine, aber auch nicht unwichtige Detail:

Und damit bin ich nicht allein

Ein Freund von mir, der sonst gern (und sehr lustige Sachen) twittert, wollte sich schlussendlich auch nicht zu #MeTwo äußern. Er hat viele Tweets mit seinen Erfahrungen entworfen, seine Entwürfe in einem Doc zusammengefasst und mir das geschickt. Als ich sie mir durchgelesen habe, verstand ich auch, weshalb er sie nicht auf Twitter veröffentlichen wollte. Seine Erfahrungen und Geschichten tun schon beim Lesen weh. 

Da sie aber sehr gut und wichtig sind, hat er eingewilligt, dass ich ein paar seiner Tweet-Entwürfe hier veröffentliche.

Fav, wenn außer dir in der Tram nur noch ein anderer Schwarzer ist und du kritisch guckst, bangst, hoffst: Bitte verkacks nicht Bruder, biet' den Platz an, telefonier nicht so laut, fall nicht auf, tu' mir den Gefallen, das ist unser gemeinsames Konto! #metwo

Sebastian wollte in der ersten Klasse nicht neben mir sitzen,  weil er dachte, das könnte abfärben und ich wusste nicht, ob das evtl. sogar stimmt naja #metwo

Musste mal im Treppenhaus auf meine Mutter warten, da Schlüssel vergessen, neue Nachbarn (Mutter mit ihrem Kind) gehen an mir vorbei und die Kleine sagt: "Guck mal ein Neger, Mama." Mutter souverän Plus-Kühltragetasche mit Igloproducts hochschleppend: "Ja sowas gibt’s hier auch, Mäuschen, so komm..." #metwo

Absoluter mind blowing moment mit 5 oder so, wo ich merkte: Lang genug auf dunkler Haut mit Fingernägeln kratzen macht die Stelle bisschen weiß – fand das extrem ermutigend (für den Ernstfall) #metwo

Das waren nur ein paar von wirklich vielen, berührenden Kurz-Berichten, die nie zu Tweets geworden sind. 

Ich persönlich habe nicht jeden Tag die Kraft, mich gegen dumme Kommentare im Internet zu wehren. Ich habe keine Lust, mich den Menschen noch einmal zu öffnen, die mir möglicherweise weh getan haben. Und mich damit einem Kräfteverhältnis aussetzen, das ich vermeiden möchte. Das würde ich offline, im echten Leben auch nicht tun. 

Klar, ich bin Journalistin und setze mich jeden Tag mit Menschen, die anderer Meinung sind, auseinander. Aber bei persönlichen Rassismuserfahrungen gibt es eben keine Meinungen oder sonderlich viel Platz für Debatte.

Auch deswegen bewundere ich jetzt nach #MeTwo noch mehr als ohnehin schon all die Betroffenen, die sich unter #MeToo zu Wort gemeldet haben. 

Es ist nicht einfach. Aber sehr wichtig. Und vielleicht traue ich mich doch noch eines Tages. Dann müssen sich einige aber warm anziehen. Und ich mich auch.

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