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Lamya Kaddor

Bild: unsplash/imago montage

"Rassismus ist da – akzeptiert es!" Lamya Kaddor über #MeTwo

Darauf zu warten, dass der Rassismus erst gänzlich ausgemerzt wird, bevor man sich in Deutschland angenommen fühlt, heißt, sich im Opferstatus zu suhlen. Lernt damit zu leben, dass Diskriminierung und Ausgrenzung Realität sind!

Lamya Kaddor, kolumnistin

Manchmal kommt es mir so vor, als wären wir wie Estragon und Wladimir. Wir stehen da an unserer Landstraße unter einem kahlen Baum: "Komm, wir gehen!", sagt Estragon, worauf Wladimir erwidert: "Wir können nicht." "Warum nicht?" "Wir warten auf Godot."

Theater-Lektion: Wie lange soll man auf etwas warten, das nie kommt? 

June 5, 2015 - London, England, UK - London, UK. L-R: Richard Roxburgh as Estragon and Hugo Weaving as Vladimir. Actors Richard Roxburgh and Hugo Weaving star in Samuel Beckett s Waiting for Godot at the Barbican Theatre. Part of the International Beckett Season, this Sydney Theatre Company play is directed by Andrew Upton. With Luke Mullins as Luke, Philip Quast as Pozzo, Richard Roxburgh as Estragon and Hugo Weaving as Vladimir. Performances from 4 to 13 June 2015 at the Barbican Theatre. London UK PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAl94_

June 5 2015 London England UK London UK l r Richard Roxburgh As Tarragon and Hugo Weaving As Vladimir Actors Richard Roxburgh and Hugo Weaving Star in Samuel Beckett S Waiting for Godot AT The barbican Theatre Part of The International Beckett Season This Sydney Theatre Company Play IS Directed by Andrew Upton With Luke Mullins As Luke Philip Quast As Pozzo Richard Roxburgh As Tarragon and Hugo Weaving As Vladimir performances from 4 to 13 June 2015 AT The barbican Theatre London UK PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY ZUMAl94_

Bild: imago stock&people

So wie in Samuel Becketts berühmten absurden Theaterstück warten wir auf etwas, das niemals kommen wird, während wir die Zeit des Wartens mit allerlei belanglosen Diskussionen tot schlagen. Wir, das sind die Deutschen, die zu einer gesellschaftlichen Minderheit oder einer Gruppe Schwächerer gehören: ein schwuler Estragon und ein muslimischer Wladimir oder ein dunkelhäutiger Wladimir und ein Estragon mit Behinderung oder ein weiblicher Estragon und ein transsexueller Wladimir. Und Godot, das ist der personifizierte Wunsch all dieser Menschen nach hundertprozentiger Anerkennung durch die gesamte Gesellschaft.

Absolute Gleichstellung ist unerreichbar

Seit Beginn der Emanzipationsbewegungen im Zeitalter der Aufklärung verzehren sich die Geringeren nach absoluter Gleichstellung mit den Mächtigeren: Frauen mit Männern, Behinderte mit Nicht-Behinderten, Juden mit Christen, Menschen mit Migrationshintergrund mit Menschen ohne Migrationshintergrund…

Das Streben ist aller Mühen wert, doch das Ziel ist unerreichbar und wird es immer bleiben. Es ist an der Zeit, der Realität ins Auge zu schauen: NIEMALS wird die Behinderung von Menschen in der Öffentlichkeit unsichtbar werden. IMMER wird es Menschen geben, die Behinderte mit stechenden Blicken anstarren. NIEMALS werden alle Deutschen Ausländer willkommen heißen. IMMER wird es welche geben, die Ausländer für Kanaken halten und diese loswerden wollen. Hören wir also auf, auf Godot zu warten.

Rassismus ist Teil der Menschheit

Doch die #MeTwo-Debatte ist voll von Schilderungen, wie Menschen seit dem Kindergarten versucht haben, als Deutsche anerkannt zu werden und Gleichheit mit den "Alamans" zu erreichen, doch bitter, bitter enttäuscht wurden, weil immer ein AfD-Anhänger, ein Sarrazin-Fan oder ein ansonsten unauffälliger Kollege um die Ecke kam, und ihnen gesagt hat: "Du bist kein Deutscher!" So einer wird immer um die Ecke kommen. Diesem Narrativ des "Man wird einfach nicht anerkannt, egal was man tut" haben Medien wie die "Bild" oder "Die Welt" den Stempel Jammerei aufgedrückt.

#MeTwo zeigt den Alltagsrassismus in Deutschland

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Video: watson/Lia Haubner

Denken wir um: Akzeptieren wir die Existenz des Rassismus. Nehmen ihn an. Er ist Fakt. Er ist Realität. Er ist eine unabänderliche Tatsache. Rassismus ist Teil der Menschheit. Er ist ein gesellschaftliches Axiom. Darauf zu warten, dass er erst ausgemerzt wird, bevor man endlich frei und ungehindert Teil des deutschen Kollektivs sein und sich ungehindert entfalten und einbringen kann, ist ein selbst gewählter Mühlstein um den Hals, der einen in der Suhle des Opferstatus verankert. Runter mit diesem Mühlstein! 

Auch wenn die Wahrheit schmerzt, so bleibt sie doch wahr. Deutschland belegt das eindrücklich. Trotz der unermesslichen Grausamkeiten des Holocausts ist es uns nicht gelungen, den Antisemitismus zu überwinden. Wenn wir nicht einmal das schaffen, wie soll es dann mit anderen Formen von Ungleichheitsideologien gelingen? Die USA kämpfen spätestens seit Abraham Lincoln rund 150 Jahre lang gegen Rassismus, trotzdem marschieren noch heute Neonazis, Rechtsradikale und Ku-Klux-Klan-Anhänger durch Charlottesville. Und trotzdem zog ein Dunkelhäutiger als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ins Weiße Haus in Washington.

Rassisten sind eine Minderheit

Bohrend und drängend ohne Nachlass stehen somit Fragen hinter jedem einzelnen: Warum muss die vollständige Überwindung von Feindlichkeiten Prämisse für mein Handeln und meine Einstellung sein? Wieso sollte ich mich durch die Haltung von Chauvinisten, Rassisten oder Homophoben dieser Republik einschränken lassen? Warum hören wir ihnen überhaupt zu? Wieso sollten ausgerechnet solche Menschen bestimmen, ob ich anerkannt bin oder nicht? Sind das nicht selbst Minderheiten?

Rassisten sind anno 2018 eine Minderheit! Frauenfeinde sind eine Minderheit! Homophobe sind eine Minderheit! Außer einem von uns selbst gewährten, verfügen sie über keinen Anspruch auf Deutungshoheit. Es geht nicht darum, ihr Handeln zu verharmlosen. Viele sind Extremisten. Aber statt uns nach ihnen zu richten, weisen wir ihnen doch lieber ihren gesellschaftlichen Stand zu, grenzen wir sie als Ewiggestrige, als Gefahr für Demokratie, Freiheit und Wohlstand, als Feinde für die Errungenschaft des Leben und Lebenlassens, als Gegner gewinnbringender Vielfalt aus.

Der Kampf gegen Ungleichheit wird ewig währen.

Wir, die wir Minderheiten in Deutschland sind, haben in der Geschichte der Menschheit noch nie so große Chancen gehabt, so aufrecht dazustehen. Wir waren nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie so sozial erfolgreich wie heute. Die echte, nicht die gefühlte Mehrheit der Deutschen hat in den 60er, 70er, 80er, 90er, 2000er Jahren gegen Diskriminierung und Ausgrenzung und für Frauenrechte, Kinderrechte, Lesben- und Schwulenrechte oder Behindertenrecht gekämpft. Gerade auch aus der zweiten und dritten Generation der Gastarbeiter und der Asylbewerber der 90er Jahre sind inzwischen so viele großartige Klein- und Großunternehmer hervorgegangen, Handwerker, Ärzte, Anwälte, Manager, Wissenschaftler, Sportler, Medienschaffende, Literaten, Künstler. Gerade jetzt in der #MeTwo-Debatte sollten wir uns auch genau das vergegenwärtigen – nicht weil alles gut ist, sondern weil wir ebenso Chancen haben, die wir selbst ergreifen müssen.

Wir brauchen keine Bittsteller zu sein, wir sind emanzipierte Bürger. Wir brauchen keine Extremisten von uns zu überzeugen. Wir kommunizieren allein mit der großen Mehrheit der Aufgeschlossenen und konzentrieren uns auf uns selbst und unsere Bildung. Bringen wir unseren Kindern und unserer Umgebung Selbstbewusstsein bei und erklären wir ihnen: Es wird immer einen geben, der dich ablehnt, weil du ein Mädchen bist, weil du eine andere Religion hast, eine andere Hautfarbe, weil du eine andere Meinung vertrittst.

Der Kampf gegen Ungleichheit wird ewig währen. Bis zum Ende aller Tage wird er unser permanenter Begleiter sein. Das liegt in der Natur des Menschen. Geben wir unseren Nächsten also die Mittel an die Hand, um sich von Gemeinheiten nicht einschüchtern zu lassen. Was zählt ist der Einzelne. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Warten wir nicht mehr auf Godot!

Dieser Artikel erschien zuerst auf t-online.de

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