Bild

Bild: imago stock&people

Für dieses Bild wird Friedrich Merz gerade ausgelacht. Euer Ernst?

Ich glaube, es gibt nichts Einfacheres auf der Welt, als sich über jemanden lustig zu machen. Jemanden auszulachen. "Haha, guck mal, der hat was zwischen den Zähnen." "Hihi, der Hosenstall ist offen." "Brüll, die hat gerade 'feucht' gesagt."

Es ist so einfach, selbst Atmen fällt manchmal schwerer.

Ein Beispiel dafür geht gerade durch die sozialen Netzwerke.

Eine Twitter-Userin hatte ein altes Bild von Friedrich Merz ausgegraben. Die Aufnahme soll aus dem Jahr 1999 stammen und zeigt Merz beim Musizieren mit seiner Familie.

"Es wäre mir lieber, über einen Politiker zu erfahren, dass er mal Gras geraucht hat, als solche Fotos von ihm zu sehen."

Haha. Das ist natürlich lustig, weil die Merz'sche Hausmusik, wie sie sich hier darstellt, nicht gerade futuristisch erscheint. Weil sie vom Kiffen so weit entfernt ist wie das Sauerland vom Südpol. Passt nicht zusammen, müssen wir also fast unweigerlich lachen. 

Aber in der politischen Auseinandersetzung haben solche Reflexe nichts zu suchen. 

Denn was genau ist eigentlich so schlimm an dem Foto? Dass es gestellt ist? Geschenkt. Homestories bei bekannten Personen sind immer gestellt. Und selbst wenn ein Politiker sich kiffend mit Jogginghose zeigen würde, wäre das nichts anderes als, genau: eine Inszenierung.

Dass es spießig ist? Menschenskinder. Ich fürchte, man muss sich schon gewaltsam an der Coolness-Hoheit der Schulhof-Raucherecke festbeißen, um es wirklich schlimm zu finden, wenn eine Familie gemeinsam musiziert.

Und, ganz ehrlich, so ganz un-spießig ist Kiffen auch längst nicht mehr:

Und außerdem: Musikmachen ist eine wunderbare Sache. Mit anderen Menschen gemeinsam Musik zu machen ebenso. Wenn Friedrich Merz das mit seiner Familie gemeinsam praktiziert und dadurch, sorry, aber auch sowas wie Werte weitergibt, ist das vielleicht nicht "cool", aber genaugenommen eigentlich schon.

Denn Musizieren schafft Gemeinschaft, verbessert die kognitiven Fähigkeiten, regt die Kreativität an, bereitet Freude. Und natürlich lässt sich all das nicht nur durch als konservativ empfundene Freizeitbeschäftigungen erreichen.

Aber was ist denn DANN so schlimm daran?

Wer ein solches Bild gegen einen konservativen Politiker verwendet, der muss sich leider sagen lassen, dass er damit genau das tut, was Konservativen oft vorgeworfen wird: keine Toleranz gegenüber anderen Familien- und Lebensmodellen zu haben. Toleranz funktioniert übrigens in alle Richtungen.

Es gibt sicherlich gute Gründe, mit Friedrich Merz als Politiker nicht einverstanden zu sein. Seine Ideen und auch ihn als Person abzulehnen. Aber dann sollte man ihn da angreifen, wo diese Dinge zusammentreffen. Zum Beispiel fragen, wie er gegen den Klimawandel vorgehen will, wenn er im Privatflugzeug herumdüst. Wie er Probleme wie (tatsächliche) Armut angehen will, wenn er sich selbst trotz einer Million Euro brutto jährlich nur als Teil der "gehobenen Mittelschicht" sieht.

Wer sich aber nur über ihn lustig macht, der schadet uns allen. Denn damit wird eine Atmosphäre geschaffen, die keinen Raum gibt für inhaltliche Auseinandersetzung, sondern nur für Schulhof-Gezänk. Und das, wir erinnern uns, braucht wirklich niemand.

P.S. Das ist allerdings wirklich lustig...

Hier! Viel lustiger als Friedrich Merz und seine Klarinette:

1 / 12
Die 10 witzigsten Tierfotos wurden gekrönt
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Wäre mit Hausmusik nicht passiert: "Schluss mit dem Geklampfe auf der Feier"

Video: watson/Saskia Gerhard, Marius Notter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Analyse

Die seltsame Frist: Warum bleibt die NSU-Akte 120 Jahre unter Verschluss? 

Unglaubliche 120 Jahre Sperrfrist für eine Akte des Verfassungsschutzes zum NSU: Damit konfrontiert hatte sich auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) im Juni 2017 überrascht gezeigt. "Wie bitte?", entfuhr es ihm. Die Linken waren auf die Existenz des Berichts gestoßen, den der hessische Verfassungsschutz verheimlichen wollte. Es geht um streng geheime Unterlagen darüber, was der ihm Jahre lange unterstellte Verfassungsschutz zur extremen rechten Szene zusammengetragen – und …

Artikel lesen
Link zum Artikel