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Annalena Baerbock hat den Corona-Winter genutzt, um ein Buch zu schreiben. Bild: www.imago-images.de / Felix Zahn/photothek.net

In ihrem neuen Buch will Annalena Baerbock zeigen, wie man die Welt verändert, ohne radikal zu sein

Entspannt wirkt Annalena Baerbock trotz der 30 Grad, auf die das Thermometer bereits geklettert sein muss: Während die Journalistinnen und Journalisten auf ihren Plastik-Klappstühlen halb kleben, halb schmelzen und in den hinteren Reihen versuchen, der Mittagssonne zu entkommen, wirkt die Grüne Kanzlerkandidatin recht entspannt. Immerhin sei sie ein Sommer-Typ, wie sie bei der Präsentation ihres neuen Buches "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" im Haus der Kulturen im Regierungsviertel Berlins verrät.

Einmal erklären, wie man Deutschland besser machen könnte: Das hat sich Baerbock mit ihrem halb politischen, halb biografischen Werk vorgenommen, das sie während des Corona-Winters verfasst hat. Eine reine Biografie sollte es nicht werden, das wäre der 40-Jährigen suspekt vorgekommen: "Ich habe vor, noch ein paar Jährchen zu leben", sagt sie gegenüber der Moderatorin Janine Steeger. Stattdessen nutzt Baerbock anekdotische Erzählungen, um daran ihren politischen Kurs nahbar zu erzählen.

In ihrem Buch versucht Baerbock, sich nahbar zu zeigen

Das ist eins von Baerbocks erklärten Zielen: die Lebensrealität der Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein gängiger Vorwurf, mit denen die Grünen häufig konfrontiert werden. In der Politik-Bubble kann es allerdings generell schnell passieren, dass man den Anschluss zu den "normalen" Bürgerinnen und Bürgern verliert, wie Baerbock in ihrem Buch beschreibt: Der Tag beginnt um 7.30 Uhr mit dem ersten parlamentarischen Frühstück, danach jagt ein Termin den nächsten:

"Dann ist man bis 23 Uhr nicht draußen gewesen und hat all das nicht gemacht, was 'normal' ist: zum Zug gerannt, schnell die Fahrkarte gekauft, beim Bäcker angestanden, das Kind aus der Kita abgeholt …

Dann hat man eben auch nicht mitbekommen, dass das ABC-Ticket des VBB (Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg) teurer geworden ist, dass sie in der Kita noch immer keine neue Erzieherin gefunden haben und dass der Schreibwarenladen neben der Bäckerei dichtgemacht hat."

Was sie auf den Boden der Tatsachen zurückholt, sind allerdings ihre beiden Töchter, wie Baerbock in der Präsentation erzählt. "Das hilft mir sehr, der Alltag mit meinen Kindern." Auch in ihrem Buch beschreibt sie, wie man als Eltern eben doch mitbekommt, dass die Kitas keine neuen Erzieher finden oder der Schreibwarenladen schließen musste.

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Annalena Baerbocks Buch "Jetzt" erscheint am 21. Juni beim Ullstein-Verlag. Bild: Ullstein-Verlag

Geschickt zeigt Baerbock an dieser Stelle, dass genau das, was ihre Gegner versucht haben, ihr als Schwäche anzulasten, eine Stärke sein kann: ihre Rolle als Mutter. Gleich sobald bekannt wurde, dass die Grünen Baerbock als Kanzlerkandidatin aufstellen würden, wurden die kritischen Stimmen laut: Eine zweifache Mutter als Kanzlerin, geht das überhaupt? Dass das nicht nur möglich ist, sondern sogar ein Vorteil sein kann, will Baerbock nun zeigen. Immerhin muss sie sich nicht mehr der Frage stellen, ob eine Frau überhaupt Kanzlerin sein kann. Das hat Merkel schließlich in den vergangenen Jahren schon bewiesen, wie Baerbock in der Präsentation sagt.

"Kein Entweder-Oder"

Auf die Frage, ob es mehr Weiblichkeit in der Politik brauche, scheint sich die Kanzlerkandidatin schwerzutun – und antwortet überraschend ausweichend: "Ich hadere sehr mit diesen Kategorien." Weibliches oder männliches Regieren gebe es für Baerbock nicht. Dabei geht sie in ihrem Buch ausführlich auf das Ungleichgewicht in der Politik zwischen Männern und Frauen ein, erzählt, wie sie einen Still- und Wickelraum im Bundestag erkämpft hat oder wie sie mit ihrer nur wenige Monate alten Tochter zu den Vereinten Nationen in Frankreich reiste, was anscheinend für ziemliche Begeisterung sorgte.

"Die französischen Sicherheitskräfte an der Eingangsschleuse waren begeistert angesichts des Babys, und Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium und neben der damaligen Umweltministerin Barbara Hendricks Verhandlungsführer der deutschen Delegation, übermittelte mir beste Grüße von der Konferenzleitung. Man freue sich darüber, dass eine, um die es hier geht, stellvertretend für Millionen dabei sei."

Dass alles irgendwie machbar ist, scheinbare Gegensätze vereinbar sind: Das ist eine der weiten Botschaften, die sich durch "Jetzt" ziehen. Radikale Forderungen liegen der Politikerin, die dem Realo-Flügel der Partei zugerechnet wird, fern. Stattdessen sucht sie den Kompromiss, fordert, Länder wie China klimapolitisch mit einzuschließen, ohne deren Regime zu ignorieren. Da gibt es "kein Entweder-Oder", wie Baerbock bei der Präsentation sagt. Nur, weil man versuche, sich klimapolitisch mit China zu einigen, "müssen wir zu den Uiguren nicht schweigen".

"Kein Entweder-Oder" kann allerdings auch schnell zu einem Nicht-Halbes-Nichts-Ganzes verkommen. Baerbock steht für eine Grünen-Partei, die ihre Drastik verloren hat, die sich zunehmend in der politischen Mitte verankert, die nicht mehr viel zu tun hat mit dem verschrobenen Öko-Image von früher. Aber das ist vielleicht auch gerade gut so. Das ist vielleicht genau die richtige Menge Radikalität, die Deutschland nach 16 Jahren unter einer CDU-Kanzlerin vertragen würde.

Laschet ist mittlerweile beliebter als Baerbock

In den Umfragewerten hat Baerbock jüngst wieder an Popularität verloren, laut RTL/ntv-Trendbarometer liegt der CDU-Kanzlerkandidat Laschet mit sieben Prozentpunkten vor ihr. Eine Chance auf das Kanzleramt hat Baerbock, die neben Laschet und SPD-Kandidaten Olaf Scholz über die wenigste Führungserfahrung verfügt, dennoch. Und immerhin kann sie bei ihrer Buchpräsentation den Blick schon quasi auf das Kanzlerbüro richten, wie ein Journalist scherzhaft bemerkt. "Nun ja, also ich sehe von meiner Position aus die Europafahne, den Zipfel davon", kontert Baerbock die Bemerkung geschickt.

Der Weg zum Kanzleramt wird jedenfalls nicht leicht werden, dessen ist sich Baerbock bewusst. "Es war klar, dass nicht alle sagen werden: 'Super, da ist übrigens das Kanzleramt'", sagt die Politikerin darüber, dass sie die erste Grüne Kanzlerkandidatin ist. Dass die Grünen allerdings Deutschland bald regieren könnten, ist zumindest mittlerweile denkbar. Und wie diese Regierung aussehen könnte – darüber kann man sich einen Einblick in "Jetzt" verschaffen.

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