Deutschland
Statement des FDP-Fraktionsvorsitzenden Christian Lindner im Deutschen Bundestag in Berlin.08.09.2020. Berlin Deutschland *** Statement of the FDP parliamentary party leader Christian Lindner in the German Bundestag in Berlin 08 09 2020 Berlin Germany Copyright: xFelixxZahn/photothek.netx

FDP-Chef Christian Lindner. Bild: imago images / Felix Zahn/photothek.net

Meinung

Christian Lindners Spruch über Teuteberg zeigt, was das größte Problem der FDP ist

Die Partei schafft es nicht mehr, für Aufbruch zu stehen. Das zeigt der Sexismus-Skandal um ihren Chef besonders deutlich: Denn entweder ist Lindner schrecklich naiv – oder er ist wirklich ein Sexist.

Es war einmal eine Partei, die verbreitete Aufbruchstimmung in Deutschland. Sie versprach einen digitalen Aufbruch, Chancengleichheit für alle, egal wo sie herkamen, eine Bildungspolitik, die das Land fit machen sollte für die Zukunft. Die Partei ließ diese Botschaften in Wahlspots verpacken, die Schwarz-Weiß-Bilder-Collagen waren, darauf zu sehen war der Parteichef. "Es geht um unser Land" stand am Ende eines dieser Spots, "Denken wir neu" im Abspann eines anderen. Diese Partei, das war die FDP, ihr Chef Christian Lindner strahlte Sicherheit und Lust auf Neues aus. 10,7 Prozent der Wähler machten ihr Kreuz damals am Ende bei den Liberalen.

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Clip aus einer anderen Zeit: Ein FDP-Wahlwerbespot aus dem Jahr 2017. Video: YouTube/FDP

Die FDP taumelt in den meisten Umfragen seit Monaten wieder um die fünf Prozent herum. Gut möglich, dass sie im Herbst 2021 wieder aus dem Bundestag fliegt. Die Partei hat ein schweres Imageproblem. Ein Grund dafür: Die Liberalen verkörpern das Motto "Denken wir neu" nicht mehr glaubhaft, seit Monaten schon nicht mehr, im Gegenteil: Es ist viel altes Denken, das sich in Reden von FDP-Politikern zeigt. Auch und besonders in denen Christian Lindners. Die FDP hat ihr modernes, zukunftsfrohes Image verloren. Es ist das größte Problem, das die Partei momentan hat. Und Lindner hat damit einiges zu tun.

Schwere Fehler pflastern Christian Lindners Weg

Es hat einige Wochen nach der Wahl begonnen, im November 2017, mit der Absage der FDP an eine Jamaika-Koalition mit CDU, CSU und Grünen. Lindner trat vor die Presse und sagte: "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren." Von wegen Aufbruch und neu denken: Die FDP gilt vielen seither als die Partei, die vor der Verantwortung zurückgezogen hat.

Da war 2018 Lindners Spruch über die Angst, die angeblich Bäckereibesucher plagt, wenn sie einen Menschen sehen, der in gebrochenem Deutsch Brötchen bestellt. Das klang sehr nach den schlechten alten Zeiten: nach einer FDP, die Anfang der 2000er-Jahre mit Ressentiments gegen Menschen nicht-deutscher Herkunft spielte.

Da war, im vergangenem Jahr, der onkelhafte Spruch in Richtung der Fridays-for-Future-Demonstranten, dass Klimaschutz "etwas für Profis" sei. Das hörte sich sehr nach dem althergebrachten Image der Liberalen an, als Fürsprecherin der Besserverdiener, die nicht verstanden hat, dass die Klimakrise ein Jahrhundertproblem ist: eines, das man nicht mit Steuersenkungen und schlankem Staat lösen kann.

Im Februar dann die Affäre Thomas Kemmerich: Der Thüringer FDP-Landeschef ließ sich mit Stimmen der AfD-Fraktion um den Rechtsextremen Björn Höcke zum Ministerpräsidenten wählen – und schaffte es dann nicht, auf diese Wahl zu verzichten. Dabei hatte Höcke in den Wochen davor ein solches Manöver immer wieder öffentlich angekündigt. Wie standfest ist die FDP im Umgang mit Demokratiefeinden? Das fragen sich seither viele Menschen, die sich als Liberale verstehen.

Nun also der Teuteberg-Spruch

Die FDP schafft es nicht mehr, Zukunftsthemen zu verkörpern, so sehr sie sich auch diesem Image hinterherhechelt: Den Parteitag am vergangenen Wochenende hatte die Partei unter das Motto "Mission Aufbruch" gestellt. Daran wird sich in ein paar Wochen vermutlich kaum jemand erinnern. Aber viele Wähler und vor allem Wählerinnen werden noch an den Herrenwitz denken, mit dem Lindner der rausgeschmissenen Generalsekretärin Linda Teuteberg am Samstag auf dem Parteitag ihren Abschied aus der Parteispitze endgültig versauert hat.

 Linda Teuteberg, Generalsekretaerin der FDP. Berlin, 01.09.2019. Berlin Deutschland *** Linda Teuteberg, Secretary General of the FDP Berlin, 01 09 2019 Berlin Germany PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xThomasxTrutschel/photothek.netx

Linda Teuteberg, geschasste Generalsekretärin der FDP. Bild: imago images / Thomas Trutschel/photothek.net

Lindner sagte: "Ich denke gerne daran, Linda, dass wir in den vergangenen 15 Monaten ungefähr 300 Mal, ich hab' mal so grob überschlagen, ungefähr 300 Mal den Tag zusammen begonnen haben." Was folgt, ist höhnisches Gelächter einzelner Delegierter über die schlüpfrige Anspielung, die in dem Satz steckt. Und Lindners Ergänzung: "Ich spreche über unser tägliches, morgendliches Telefonat zur politischen Lage. Nicht, was ihr jetzt denkt."

Lindner betont seither vor jedem Mikrofon, dass er das ja nicht so gemeint habe, er habe sich bei Teuteberg entschuldigt. Was feststeht: Die Reaktion Teutebergs auf Lindners Spruch lässt einen beim Beobachten erschaudern. Egal, ob der Spruch sexistisch gemeint war. Er hat so verletzend und demütigend wie Sexismus gewirkt.

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Die Stelle in Lindners Parteitagsrede, in der er den Spruch über Linda Teuteberg loswird. Video: YouTube/phoenix

Nicht Christian Lindners erster ekelhafter Frauen-Spruch

Es gibt zwei Möglichkeiten zu diesem Spruch:

Entweder hat Christian Lindner in den Interviews seit dem Spruch die Wahrheit gesagt – und er war sich wirklich nicht bewusst, dass sein Satz als Altherren-Zote herüberkommen würde. Das würde bedeuten, dass der FDP-Chef keine Sensibilität für Sexismus hat. Und das wäre dann, nach all den anderen Ausrutschern Lindners, das nächste Indiz dafür, dass er nicht mehr der brillante Wahlkämpfer ist, der er 2017 war. Sondern entweder naiv oder überfordert – oder beides.

Oder aber Lindner hat gelogen – und er hat ernsthaft gemeint, ein solcher Spruch sei im Jahr 2020 noch in Ordnung. Dann wäre Christian Lindner ein Sexist – und dass dieser Verdacht zumindest nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, zeigt ein Video aus dem Jahr 2017. Auf ihm ist ein unmissverständlich ekelhafter Spruch über die Grünen-Politikerin Claudia Roth zu sehen.

In jedem Fall hat Christian Lindner am Wochenende noch einmal bewiesen, dass er nicht mehr für Aufbruch und für neues Denken stehen kann.

Das ist schade. Vor allem, weil hinter der vergilbenden Lindner-Fassade in der FDP sehr viele kluge, junge liberale Köpfe stecken: zum Beispiel der aufstrebende Innenpolitiker Konstantin Kuhle; die Digital-Expertin Ann Cathrin Riedel, die Vorsitzende des Liberalen Netzpolitik-Vereins LOAD e.V. ist und einen der spannendsten deutschsprachigen Newsletter schreibt; der Klimapolitiker Lukas Köhler, dessen Ideen zum Klimaschutz ein wertvoller Beitrag sein könnten zur Klimastrategie der nächsten Bundesregierung.

Gerade ihretwegen wäre der FDP ein besserer Parteichef zu wünschen.

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