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Seehofer weg? Maaßen weg? Probleme weg? Wenn es so einfach wäre...

Timo Stein
Timo Stein

Spätsommer 2018. Nahezu täglich werden neue Rücktrittsforderungen laut. Erst Seehofer, dann Kretschmer, dann Maaßen, dann wieder Seehofer. Der schnelle Reflex soll die Lösung bringen. Die Ereignisse, die zu den Rücktrittsforderungen geführt haben, werden zur Fußnote.

Es ist eine ziemlich ohnmächtige Reaktion Demokratie-Besorgter auf die Entgleisungen der Migrations-Besorgten.

Wem wäre tatsächlich mit einer Rücktrittswelle geholfen? Das, was hinter Kretschmann oder Seehofer steht, geht ja dadurch nicht weg. Es ist da. Es sind die Vorurteile.

Und Vorurteile können nicht zurücktreten.

Die Maaßens und Seehofers sind mittlerweile in allen Parteien, sie sitzen an der Bar, in der Vorlesung, auf dem Richterstuhl oder im Wartezimmer.

Es sind liebende Menschen, die um fünf Uhr morgens aufstehen, um für Waldi Stöckchen zu werfen oder für die Studententochter in Übersee noch fix bei Ikea am Ausgang die Spiralbambuspflanze Dracaena miteinzupacken.

Sie wohnen obendrüber oder nebenan, heißen Onkel Rudi oder Tante Gertrud, sie haben ein Tier im Profil und bei Schlagzeilen über herrenlose Hunde auf Mallorca eine Träne im Emoji.

Sie posten Bilder von der letzten Kreuzfahrt und klagen, das bundesdeutsche Boot sei voll, sie teilen Spruchkarten von Helmut Schmidt, verteufeln Monsanto, das Bienensterben und Claudia Roth.

Und ich frage mich, werden die auch mal wieder normal?

Ist das so eine Art unfreiwillige Dialektik oder mitfühlender Zynismus, der ihnen beim Anblick des streunenden Strolchi das Herz zerreißt und gleichzeitig bestenfalls ein Zucken entlockt, wenn Mohamed im Mittelmeer absäuft? 

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur: Sie wollen nicht rechts sein, Nazi sowieso nicht, um dann doch ein Aber folgen zu lassen, das eindrucksvoll zeigt, warum sie es irgendwie doch sind.

Man konnte ihnen im Zeitraffer dabei zusehen, wie sie sich in den letzten Monaten schleichend radikalisierten, immer mehr und mehr trauten, bis schließlich AfD-Narrative die Timeline verklebten.

lhnen hat Seehofer mit der Formel von der Migration als der Mutter aller Probleme das facebookgerechte Zitat geliefert. Und Maaßen wird in diesen Kreisen jetzt schon als Märtyrer gefeiert.

Sie müssen jetzt nicht mehr in fetzige Bilder gepresste Aussagen von Björn Höcke, Jörg Hubert Meuthen oder von willfährigen Kronzeugen mit Migrationshintergrund posten. Sondern können zumindest kurzfristig wieder auf die gute alte CSU zurückgreifen.

Und nein, das sind nicht die Abgehängten, die Abstiegsverängstigten, die Ohnmächtigen.

Eine feiert sich dabei schwindelig: die AfD. Denn schließlich ist genau das eingetreten, was Teil ihrer DNA ist. Allein durch ihre Existenz zu wirken. Und zwar in erster Linie gar nicht in das bereits überzeugte parteitreue Klientel hinein, sondern weit darüber hinaus. Auf den Zeitgeist. Kulturell. Total. Alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringend.

Und es bleiben Fragen: Selbst, wenn es irgendwann irgendwie gelingen sollte, AfD-Abtrünnige wieder zurückzuholen. Kann man das, was sich da bahnbricht wieder zurückdrängen? Einfangen? Wie geht das Ressentiment von der Straße wieder in den Kopf? Sind das vielleicht Vorläufer einer weltweit um sich greifenden Demokratiemüdigkeit? 

Ich weiß es nicht. 

Ich weiß nur: Mehrheit sind sie nicht.

65.000 Menschen zeigen in Chemnitz: #WirSindMehr:

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Video: watson/Felix Huesmann, Marius Notter, Lia Haubner

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