Photo taken in Milan, Italy

Ein gutes Jahr lang bestimmt das Coronavirus den Alltag in Deutschland. Momentan steigen die Infektionszahlen, Angst und Frust wachsen. Aber die Aussichten sind heute so gut wie nie seit Beginn der Pandemie. Bild: EyeEm / Damiano Buffo / EyeEm

Vier Punkte gegen den Corona-Blues: Warum es trotz allem gute Gründe für Optimismus gibt

Die Impfungen schreiten schneller voran und wirken sensationell gut. Das Krisenmanagement in Deutschland ist nicht so schlecht wie sein Ruf. Und die Demokratie kommt bisher erstaunlich gut durch die Krise.

Diese Pandemie tut weh. Weil sie Menschen tötet und andere schwer versehrt, natürlich. Aber sie schmerzt auch diejenigen, deren Familien und Freundeskreise verschont geblieben sind von schweren Covid-19-Verläufen. Seit über einem Jahr die Eltern, Großeltern und andere Seelenpartner nicht zu sehen, auf die eigenen Lieblingsorte verzichten, seit Anfang 2020 das Meer nicht in der Nase zu spüren, keine verschwitzte Clubnacht oder keinen Kochabend mit den Liebsten mehr erlebt zu haben: Es sind quälend lange Monate, in denen einem gewaltigen Teil der Menschen in Deutschland ein mehr oder weniger großes Stück ihres Lebensglücks fehlt.

Die Nachrichten sind gerade auch schwer zu ertragen – zumindest auf den ersten Blick oder auf das erste Hinhören: Die Infektionszahlen schießen nach oben, der Lockdown dauert weiter, die Regierenden in Ländern und Bund wursteln sich unsicher durch die Lage. Auf den zweiten Blick aber sind da gute, teilweise sogar fantastische Neuigkeiten und Erkenntnisse.

Gemeinsam ergeben sie vier Gründe für Optimismus – der dabei helfen kann, diese kaugummihaft zähen Wochen besser zu ertragen.

Der kommende Sommer kann wirklich gut werden

Wenn es jemanden gibt, den die meisten Menschen in Deutschland nicht verdächtigen würden, Berufsoptimist zu sein, dann ist das Karl Lauterbach. Der SPD-Gesundheitspolitiker warnt und mahnt seit einem guten Jahr immer wieder: davor, die Menschen ohne Testpflicht reisen zu lassen; davor, die Schulen allzu bald zu öffnen; davor, zu glauben, es ginge jetzt schon ohne Lockdown. Aber Lauterbach hat vor wenigen Tagen im Interview mit watson auch diesen Satz gesagt:

"Wenn wir all das tun, können wir noch immer einen sehr guten Sommer haben."

"All das", damit meint Lauterbach schnelle Erstimpfungen bei möglichst vielen Menschen, die Einhaltung der Impfreihenfolge und zweimal pro Woche Corona-Tests in Schulen und Betrieben.

Der Realist Lauterbach hat einen guten Grund für seinen optimistischen Blick auf den Sommer: Die Impfungen kommen voran.

Erst wenn der größte Teil der Menschen in Deutschland immun ist gegen das Coronavirus, kann der Alptraum aus Angst vor der Krankheit und flächendeckendem Dauerlockdown vorbei sein. Und dieser Tag rückt näher. Über neun Prozent der Menschen haben Stand Montag inzwischen mindestens eine Dosis Impfstoff bekommen. Das ist mehr als doppelt so viel als einen Monat zuvor, am 22. Februar waren es 4,15 Prozent.

Und es ist mehr und mehr Impfstoff verfügbar: Bis Ende März werden laut Bundesgesundheitsministerium insgesamt 18,1 Millionen Dosen in Deutschland angekommen sein. Im zweiten Quartal, also von April bis Juni, sollen es 77,2 Millionen sein, mehr als viermal so viel. Das Impftempo soll im April auch deshalb deutlich zulegen, weil dann auch die Hausärzte die Spritzen in den Arm ihrer Patienten setzen dürfen.

Aber wann ist es endlich so weit? Es gibt eine Frist, die die Bundesregierung mehrfach genannt hat: den 21. September. Das ist das Ende des kalendarischen Sommers. Und bis dahin, das haben Gesundheitsminister Jens Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt, soll jedem Bürger eine Impfung angeboten worden sein.

Aber inzwischen ist auch eine optimistischere Vorhersage zu hören: Tritt sie ein, dann sind wir schon Ende Juli aus dem Gröbsten heraus. Laut einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ist das realistisch, selbst wenn es in dem bisher vorhergesehenen Impftempo weitergeht. "Theoretisch", heißt es in der Studie, wäre es auch schon Ende Juni möglich. Das wäre in drei Monaten. Am vergangenen Wochenende hat, von deutschen Medien weitgehend unbemerkt, einer der mächtigsten Politiker der EU eine ähnlich verheißungsvolle Aussicht verkündet: Bis 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, könnte in der EU Herdenimmunität erreicht sein, meinte Thierry Breton, Europäischer Kommissar für den Binnenmarkt.

Die Impfungen sind sensationell effektiv

Der wohl bedeutendste Grund für Corona-Optimismus sind die Stoffe, die Millionen Deutschen schon injiziert worden sind – und die viele andere bald erhalten werden. Sie schützen sensationell gut. Das gilt nach allem, was bisher bekannt ist, für alle vier bisher in der EU zugelassenen Impfstoffe: den von Biontech-Pfizer, den von Moderna, den von Astrazeneca und den von Johnson & Johnson. Bei der Wirksamkeit gibt es Unterschiede: Dieser Wert besagt bei den Corona-Impfstoffen, um wie viel Prozent eine Impfung die Wahrscheinlichkeit verringert, dass jemand an Covid-19 erkrankt.

Viel wichtiger ist aber – darauf weisen Ärzte und Wissenschaftler regelmäßig hin – wie gut die Impfstoffe vor schweren oder sogar tödlichen Krankheitsverläufen schützen. Und das schaffen alle zugelassenen Impfstoffe auf bemerkenswerte Weise.

Der US-amerikanische Arzt und Dekan an der Brown University School of Public Health im US-Bundesstaat Rhode Island fasst es in einem Tweet so zusammen. Die drei Zahlen, die wirklich zählen, sind die der Geimpften, die wegen Covid-19 ins Krankenhaus müssen, die derer, die an der Krankheit sterben – und die derer, die tödliche Impfnebenwirkungen erleiden. Alle drei lagen in den klinischen Studien der fünf von ihm genannten Impfstoffe bei Null.

Die Erkenntnisse nach den ersten drei Monaten Impfkampagne belegen die hohe Schutzwirkung aller zugelassenen Impfstoffe. Und der Impfstoff von Astrazeneca, dessen Verabreichung in Deutschland von Montag bis Donnerstag vergangener Woche suspendiert war, schnitt sogar besser ab als erwartet.

Was das konkret bedeutet, kann man seit Tagen auf Fotos und Videos aus Israel sehen, wo weit über die Hälfte der Bevölkerung geimpft ist. Wer hier mit einem Impfpass nachweisen kann, dass er seine Dosen bekommen hat, der kann auf Konzerte gehen, in Restaurants – und auf den Tischen davor tanzen.

Kritik an Deutschland ist angebracht – aber ein Desaster ist es nicht

"Staatsversagen", "Desaster", "Impfchaos": Die Lage in Deutschland mit solch drastischen Wörtern zu beschreiben, gehört seit ein paar Wochen zum guten Ton. Nicht bei realitätsfremden Corona-Leugnern und sonstigen Verschwörungsschwurblern, sondern bei klugen Menschen, die einfach die Schnauze voll haben. Das ist verständlich. Falsch ist es trotzdem.

Ja, für viele Menschen ist die Lage momentan schwer zu ertragen: für junge Familien, die das Hin und Her zwischen offenen, halboffenen und geschlossenen Kitas und die Doppelbelastung aus Homeschooling und Homeoffice nicht mehr ertragen; für Risikopatienten, die ihre erzwungene Isolation nicht mehr aushalten; für Gastronominnen und Künstler, die immer noch auf zugesagte staatliche Unterstützung warten. Die Regierenden in Bund und Ländern müssen sich zurecht viel Kritik anhören. Die Pandemie hat chronische Schwachstellen Deutschlands so erkennbar gemacht wie nie zuvor: die schlechte digitale Infrastruktur und Behörden, die dringend modernisiert werden müssen.

Und eines müssen Deutschland und andere Staaten, die sich zum sogenannten Westen zählen, dringend verstehen: Dass sie bei der Bekämpfung viel zu lernen haben von asiatischen und afrikanischen Staaten, die weit erfahrener sind im Umgang mit Epidemien. Taiwan und Südkorea etwa waren globale Vorbilder im Kampf gegen Covid-19. Deutschland war es nicht.

Zur Wahrheit gehört aber auch: In anderen europäischen Ländern waren die Corona-Monate weit schwerer zu ertragen. In Großbritannien etwa, wo jetzt deutlich schneller geimpft wird, der Lockdown aber härter und die Todeszahlen deutlich höher waren. In Tschechien, wo die Corona-Inzidenz so hoch ist wie nirgends anders auf der Welt. In Frankreich, Spanien und Italien, wo die Lockdowns der vergangenen Monate so hart waren, dass die Menschen regelmäßig neidisch auf durch den Park schlendernde Menschen in Deutschland geschaut haben.

Und manches läuft in Deutschland inzwischen besser als auf den ersten Blick sichtbar: Gesundheitsminister Spahn wird bis heute zurecht vorgeworfen, bei der Beschaffung von Corona-Schnelltests zu langsam gewesen zu sein. Aber inzwischen ist es unter anderem im angeblich achso schlecht funktionierenden Berlin in zwei Minuten möglich, über eine zentrale Website einen kostenlosen Schnelltest zu buchen.

Die Demokratie kommt bisher gut durch die Krise

Im März und April 2020, als die erste (und im Vergleich zu heute niedrige) Welle an Corona-Infektionen über Europa schwappte, war die Sorge groß vor den Langzeitfolgen: für den Wohlstand in Europa, der durch die Rezession nach Corona weggespült werden könnte – und für die Demokratie, der viele Menschen vielleicht nicht mehr zutrauen würden, große Krisen zu bewältigen. Ein volles und hartes Krisenjahr später erscheinen beide, die Demokratie wie die Wirtschaft, in bemerkenswert guter Form.

Die Wirtschaft ist nicht abgestürzt – auch, weil der Staat mit Kurzarbeit und Überbrückungsgeld vielen Unternehmen geholfen hat. Und das gigantische Investitionsprogramm, das die EU zur Krisenbekämpfung auf den Weg gebracht hat, erhöht die Chancen, dass die Folgen glimpflich bleiben.

Die Demokratie ist lebendig in Deutschland. Die Bedrohungen für sie sind nicht kleiner geworden, das stimmt: Man muss sich ja nur die Verschwörungsgläubigen ansehen, die maskenlos durch deutsche Städte marschieren und Politiker und Wissenschaftler bedrohen. Aber der größte Teil der Bevölkerung rennt den Rattenfängern nicht hinterher. Bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben demokratische Parteien Stimmen dazugewonnen – während die Rechtspopulisten der AfD deutlich verloren haben.

Die Zustimmungswerte für die Regierungspolitik sinken, in den Umfragen sind CDU und CSU auf Sinkflug. Aber für die Demokratie ist beides ja kein Problem. Im Gegenteil: Dass Wähler sensibel auf Fehler der Regierungsparteien regieren, ist ein Zeichen für verbreitetes politisches Interesse. Solche Stimmungswechsel sind ein Problem für die Karriere einzelner Politiker, aber nicht für das gesamte Land. Von der Schwäche der Union profitieren momentan Grüne und FDP: zwei Parteien, über deren Programm man sich trefflich streiten kann, die aber beide zweifelsohne den Spielregeln und Werten der liberalen Demokratie verpflichtet sind.

Und es kann ja auch ganz anders kommen: Wenn im September tatsächlich die meisten geimpft sind, die Leute wieder ihren Urlaub genießen können und vieles andere, das Freude macht, wieder möglich ist, könnten CDU und CSU auch belohnt werden. So oder so, es wird die spannendste Bundestagswahl seit Langem. Man könnte sagen: ein Fest der Demokratie.

Für die schwerste Krise seit Jahrzehnten ist das schon bemerkenswert.

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Exklusiv

Wagenknecht im watson-Interview vor dem Linken-Parteitag: "Wir können uns als linke Partei nicht eins zu eins hinter die Ideen von Fridays for Future stellen"

Die Linken-Politikerin im Gespräch über ihre Beziehung zu Fridays for Future und Black Lives Matter, darüber, warum sie sich ausgerechnet am Gendern abarbeitet – und die Frage, warum sie sich über manche antirassistische Proteste nicht freuen kann.

Mit Sahra Wagenknecht und der Linken ist es kompliziert, seit Jahren schon. Wagenknecht, bis November 2019 Chefin der Linksfraktion im Bundestag, ist eines der wenigen Gesichter der Partei, die auch halbwegs politisch interessierte Menschen auf der Straße erkennen würden. Laut ZDF-"Politbarometer" aus dem Mai 2021 ist sie wieder einmal unter den Top 10 der deutschen Spitzenpolitiker – und hat bessere Sympathiewerte als die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Wagenknecht kann Reden …

Artikel lesen
Link zum Artikel