Deutschland
Realtor showing house to a young couple wanting to rent it

Bild: iStockphoto/watson montage

Meinung

Warum der Miet-Countdown eine Frechheit für meine junge Familie ist

Der neue Countdown des Eigentümerverbands Haus & Grund Berlin bringt exemplarisch auf den Punkt, was für Menschen wie mich falsch läuft. Er zeigt, wie Mieter- und damit familienfeindlich die Lage in deutschen Großstädten mittlerweile geworden ist. Gerade lässt der Verband auf seiner Seite eine Uhr herunterticken und warnt Vermieter vor dem Einsetzen der Mietpreisbremse in Berlin.

Dort heißt es:

"Erhöhen Sie unbedingt bis zum 17. Juni die Miete!"

Der Grund: Danach ginge das eine ganze Weile nicht mehr. Glaubt man der Süddeutschen Zeitung, haben sich sogar bereits die ersten Vermieter bei ihren Bewohnern gemeldet, um genau diese Erhöhung zu verlangen.

Wer wie ich in Berlin lebt und dort eine Familie gründen will, für den ist das ein heftiger Schlag ins Gesicht.

Die Wohnungssuche in dieser Stadt ist sowieso schon eine Tortur. Sie verunsichert Menschen, die schon verunsichert sind. Die Mietpreisbremse ändert das kaum, ist aber zumindest ein Versuch der Hilfe – und dann kommt ein Vermieterverband, zündet einen Countdown und ruft die Vermieter zur Mieterhöhung auf.

So stellt sich die Situation für mich dar

Seit knapp drei Jahren wohne ich mit meiner Freundin zusammen in einer 40 Quadratmeter-Wohnung in Neukölln.

"Zwei kleine Menschen brauchen nicht viel Platz", war stets unsere scherzhafte Ausrede dafür, nicht mehr Miete bezahlen zu wollen.

Langezeit waren wir also nur Beobachter an der Seitenlinie, was den Mietwahnsinn betrifft. Jetzt aber kommt ein neuer kleiner Mensch dazu und wir müssen umziehen, weil Zimmer-Küche-Bad für 550 Euro für drei Personen schlicht nicht ausreicht.

Damit wir in der Nähe von Job und ja, auch anderen Menschen wohnen bleiben können, müssen wir jetzt plötzlich rund 1000 Euro Mehrbelastung aushalten. Unser Platz wächst dabei um genau ein kleines Kinderzimmer. "Wir sind kleine Menschen, wir brauchen nicht viel", könnten wir jetzt wieder sagen, müssten aber hinzufügen: "Aber einen sehr großen Geldbeutel."

Dabei geht es nicht nur ums Geld

Meine Partnerin ist gerade mit ihrem Studium fertig und auf dem Sprung in ihren ersten Job. Jeder, der kein Maschinenbau-Studium gemacht hat, kennt die Tücken dieser Lebensphase. Gerade in Berlin braucht es Zeit, um etwas zu finden.

Ich selbst verdiene als Redakteur zwar genug, ich möchte allerdings mindestens 50 Prozent der Elternzeit übernehmen, eben damit meine Partnerin auch die Möglichkeit bekommt, einen Job zu finden und ihn auszuüben. Hälfte-Hälfte halte ich während der Elternzeit für selbstverständlich.

Das bedeutet: Aus einem guten Gehalt wird ein viel weniger hohes Elterngeld, während die Job-Situation für meine Partnerin ebenso unklar ist. Und dazu kommt eine Wohnung, die mittlerweile so teuer ist, dass wir eigentlich beide arbeiten müssten, um sie zu finanzieren.

In dieser Lage schafft der Wohnungsmarkt, wie er gerade ist, also NUR Unsicherheiten.

Dazu kommt die Suche an sich, Monate haben wir Wohnungen besichtigt, dutzende Bewerbungen rausgeschickt. Schnell war klar, wie teuer die Sache werden würde. Wie groß die Konkurrenz durch andere Suchende ist, wie viel Sicherheiten die Vermieter verlangen können, damit man überhaupt für eine Wohnung in Betracht gezogen wird. Auf fast jedem Bewerberzettel stand die Frage: Grund des Umzugs? Immer war die Antwort: "Nachwuchs". Manche fragten dann nach: "Wie sieht es dann mit der Miet-Sicherheit aus?" Andere gingen wie selbstverständlich davon aus, dass ich als Mann dann ja Vollzeit weiterarbeite.

Auch zur Wahrheit meiner Geschichte gehört: Wir hatten am Ende immerhin das Glück, eine Zusage zu bekommen.

Was der Wohnungsmarkt mit Familien macht

Wenn ich in der Familie und bei Freunden herumfrage, höre ich ähnliche Geschichten. Schlimmstes Beispiel: Ein voll berufstätiges Paar, das darüber nachdenken muss, ob ein zweites Kind in Berlin überhaupt möglich ist, weil man nach der Geburt die Miete nicht mehr bezahlen kann.

Andere bemerkten, dass auch die Flucht in die Berliner Randbezirke kaum hilft, weil es dort fast genauso teuer geworden ist wie in der Innenstadt. Die einzig wahre Alternative scheint: komplette Flucht aufs Land.

Dabei ist wichtig zu erwähnen: Keinem dieser Leute geht es darum, die niedrigen Mietpreise zu bezahlen, die es früher in Berlin gab. Auch keiner besteht darauf, im absoluten Zentrum zu wohnen. Sie haben völlig gewöhnliche Ansprüche an ihren Alltag.

Dennoch übt die soziale Lage offensichtlich großen Druck auf Familien aus, die wachsen wollen. Das zeigen auch die Zahlen.

57 Prozent der Berliner Familien sind laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg sogenannte Ein-Kind-Familien. Nur noch knapp dreißig Prozent entscheiden sich für ein zweites Kind. Noch mehr Kinder? Gerade noch 11 Prozent. Gleichzeitig strömen zwar immer mehr Menschen in die Stadt, junge Familien aber fliehen. 12.000 Eltern und Kinder zogen laut Bundesamt für Statistik nach Brandenburg... nach Brandenburg!

Arbeiten tun die Menschen dort allerdings nicht, auch das zeigen aktuelle Zahlen des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg. Noch nie gab es so viele Pendler in der Stadt, die ihre Zeit in Zügen verbringen und nicht bei ihren Familien.

All diese Entwicklungen haben natürlich nicht nur, aber eben hauptsächlich auch etwas mit dem Mietmarkt zu tun. Auch ich stehe vor dieser Entscheidung: Bleibt dies mein einziges Kind, damit ich mich irgendwie in der Stadt halten kann? Oder soll ich irgendwo hinziehen, wo ich nicht sein will und mein Leben in einem Zug verbringen? Nur, weil ein Mietmarkt und die entscheidenden Akteure, die auf ihm unterwegs sind, so wenig Verständnis dafür aufbringen, dass eine Stadt nur durch ihre Bewohner lebendig wird.

Aber statt sich ein paar grundsätzliche Fragen zum Wohnungsmarkt zu stellen, stellt der Vermieter-Verband lieber einen fürchterlichen Online-Countdown auf seine Seite. Mit dem Ziel, eine staatliche Notlösung wie die Mietpreisbremse zu untergraben, die doch einer Verschärfung sozialer Schieflagen entgegenwirken soll. Stattdessen: Immer noch ein bisschen mehr rauszuholen aus Mensch und Markt. Das ist die Message, die ein solcher Countdown bei Menschen wie mir hinterlässt.

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